Kann das Kino die Welt retten?

20. Februar 2011, 12:25 Uhr

Können Filme Revolutionen entfachen, die Umwelt retten oder für Weltfrieden sorgen? Welche politische Macht haben Regisseure, Produzenten, Schauspieler? Eine Analyse - für Kinogänger und Despoten. Von Sophie Albers

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Berlinale, Jafar Panahi, Achmadinedschad, Leonardo DiCaprio, Al Gore, August Diehl, Kosslick, Offside

Der leere Jury-Stuhl des iranischen Regisseurs Jafar Panahi©

Sechs Jahre Gefängnis und zwanzig Jahre Berufsverbot. So real ist die Macht des Kinos für den iranischen Regisseur Jafar Panahi ("Offside"). Er sollte eigentlich in der Jury der 61. Berlinale sitzen, doch sein Stuhl blieb leer. Er wurde in seiner Heimat wegen "Propaganda gegen das System" verurteilt. Mahmud Ahmadinedschad und sein Regime scheinen also daran zu glauben, dass das Kino die Welt verändern kann.

Kann es das? Können Filme Menschen umstimmen? Wenn sie so mächtig sind, können sie womöglich Umweltkatastrophen, Terrorismus und Ungerechtigkeiten verhindern?

Leonardo DiCaprio und die Blutdiamanten

Ja, es kann, sagt Berlinale-Chef Dieter Kosslick im Interview mit stern.de und führt als Beispiel den ehemaligen Filmfestgewinner "Grbavica" an. Die Aufmerksamkeit für den Film über die Massenvergewaltigung von Frauen durch die Serben im Jugoslawienkrieg sei mit ein Grund dafür, dass diese Frauen heute eine kleine Rente bekommen, so Kosslick. "Es hat etwas geändert!"

Sänger und Gerechtigkeitsaktivist Harry Belafonte, der auf der Berlinale mit einer Dokumentation und einem Unicef-Preis geehrt wurde, sieht das weniger optimistisch. Als junger Mann habe er geglaubt, dass Kunst die Welt verbessern könne. Heute sei er davon nicht mehr so überzeugt. Hollywoodregisseur und -drehbuchautor Paul Haggis sieht es noch schärfer: Die Chance, dass ein Film nichts bewegt, liege bei 99 Prozent, sagte er einmal im Interview. "Alles andere ist Hybris."

Die Zahlen kommen den Skeptikern und Pessimisten entgegen: Das Starvehikel "Blood Diamond" (2006) hat weltweit mehr als 170 Millionen Dollar eingesammelt. Leonardo DiCaprio spielt einen Diamantenschmuggler, der den Krieg und das Leid der Menschen in Sierra Leone zu Geld macht - und am Ende natürlich die Schlechtigkeit seines Tuns erkennt. Trotzdem fragt in München bei einem Juwelierbesuch niemand nach, wo der Glitzerstein denn herkommt. DiCaprios anschließender Umweltfilm "The 11th Hour" (2007) hat übrigens weltweit nicht einmal eine Million Dollar eingespielt - trotz beeindruckendem PR-Apparat, in den sogar Eisbär Knut eingespannt wurde.

Einer der bisher erfolgreichsten Filme für eine bessere Welt war Al Gores "An Inconvenient Truth" (2006), der fast 50 Millionen Dollar eingespielt hat. Gore bekam den Nobelpreis, und in Kalifornien wurde ein Gesetz gegen Treibhausgase verabschiedet. Allerdings haben Umfragen ergeben, dass die Kinobesucher sich auch schon vorher mit dem Thema Klimawandel beschäftigt haben.

Michael Moores größte Niederlage

Apropos Umfrage: 2008 stand im "Time"-Magazin zu lesen, dass 30 Prozent der Zuschauer meinen, ein Film könne ihre Sicht der Dinge verändern. Nur zehn Prozent allerdings sagten, dass sie wegen eines Films anders wählen würden. Oder jetzt mal ganz platt: Ebenfalls im "Time"-Magazine findet sich die Umfrage, die untersucht, ob Mel Gibsons Jesus-Splatterfilm "Die Passion Christi" (2004) Menschen zu Christen gemacht hat: 0,1 Prozent der Befragten haben das bejaht. Und der umstrittene Film hat weltweit rund 612 Millionen Dollar eingespielt.

Erfolgreich im Geschäft mit der besseren Welt ist auch Dokutainment-Regisseur Michael Moore. Sein erfolgreichster Film und zugleich größter Reinfall war "Fahrenheit 9/11" (2004), Moores Abrechung mit der Bush-Administration, ihrer Reaktion auf die Anschläge vom 11. September und der politischen Vorgeschichte des "Krieges gegen den Terror". Erfolgreich, weil der Film weltweit mehr als 222 Millionen Dollar einspielte, ein Reinfall, weil George W. Bush fünf Monate später trotzdem wiedergewählt wurde.

Auch Moores Anklagen kommen vor allem bei den Menschen gut an, die eh schon Moores Meinung sind. Sie fühlen sich im Kino bestätigt, also gut. Sind diese ganzen Leinwandversuche, die Welt zu verbessern, also auch nur Eskapismus-Angebote - wie jeder beliebige Liebes- oder Abenteuerfilm?

Gefühle, nicht Fakten

Filme können zum Streiten anregen, er fände es gut, wenn die Leute darüber diskutieren, sagt der deutsche Schauspieler August Diehl, der auf der Berlinale im RAF-Drama "Wer wenn nicht wir" zu sehen war. Anlass für Diskussionen hätte auch die düstere Zukunftsvision "Die kommenden Tage" (2010) sein sollen, in der Diehl einen Terroristen spielt. Doch der Film brachte es gerade mal auf traurige 382.000 Euro.

"Es geht nicht darum, die Welt zu retten, sondern um persönliche, kleinere Geschichten", sagt Nachwuchsfilmemacher Gareth Edwards ("Monsters"). "Ein guter Film kann dich aus deinem tristen Trott und der Hoffnungslosigkeit holen", schrieb einst die legendäre Filmkritikerin Pauline Kael.

Mehr oder weniger ist es also offensichtlich nicht. Und deshalb, Mahmud Ahmadinedschad, können Sie Jafar Panahi eigentlich sofort freilassen. Seine Filme werden nichts auslösen, was nicht bereits in den Menschen steckt.

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