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10. Februar 2012, 20:45 Uhr

Extrem emotional und unglaublich Oscar

Tag 2 gehört der Macht des Films: einem kleinen Jungen, der seinen Vater in den Trümmern von 9/11 sucht. Einem "widerspenstigen Revoluzzer". Und natürlich Angelina Jolie. Von Sophie Albers, Berlin

Berlinale, 62., Internationale Filmfestspiele Berlin, Extrem laut und unglaublich nah, Extremely loud and incredibly close, Stephen Daldry, Max von Sydow, Arabischer Frühling, Israel, Angelina Jolie

Das Wunderkind Thomas Horn und sein Regisseur Stephen Daldry© Morris Mac Matzen/Reuters

Energiepunkte: Langer Tag gestern - Energiespeicher aber wieder aufgefüllt und voll da

Like des Tages: "The reluctant Revolutionary". Weil dieser Dokumentarfilm eines dickschädeligen, rotwangigen Briten mehr über den Arabischen Frühling erzählt, als alle Feuilletonartikel und politischen Analysen zusammen. Der Filmemacher Sean McAllister ist im Herbst 2011 in den Jemen aufgebrochen, wo sich die Bevölkerung wie in anderen arabischen Ländern gegen ihren selbstherrlichen Diktator auflehnt. Er begleitet Kais, einen wegen des ausbleibenden Tourismus verarmten Reiseführer, der den Protesten zu Beginn skeptisch bis ängstlich gegenübersteht, doch angesichts der Geschehnisse mit McAllister auf den "Platz der Veränderung" zieht und dort Zeuge wird, wie die Regierung das eigene Volk zusammenschießen lässt. Der Film bricht die Bilder aus den Nachrichten ganz schnell auf die menschliche Ebene herunter. Und zu den Menschen gehört ihre Geschichte. So nah hat man sich diesem Land noch nie gefühlt.

Filmmoment des Tages: Wenn der grandiose Max von Sydow in "Extrem laut und unglaublich nah" die Hände hebt, wenn er Ja oder Nein sagen will. Der Film über einen leicht autistischen Jungen, der verzweifelt versucht, im Tod seines Vaters, der am 11. September 2001 im World Trade Center starb, einen Sinn zu finden, hat schon viel Schelte bezogen. Doch von Sydows Auftritt als stummes Kriegsopfer und sein Zusammenspiel mit dem Kind, dass durch New York streift, ist großes Kino. Tom Hanks spielt den all-american-Vater, Sandra Bullock die Mutter.

Sichtung des Tages: Westerwelles glückliches Grinsen, als Angelina Jolie ihn im Außenministerium besucht. Gestern hat er Syriens Diplomaten ausgewiesen, heute parliert er mit dem Hollywoodstar. Es ging um Jolies Engagement als Sonderbotschafterin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR.

Zitat der Tages: Stephen Daldry fragt seinen 14-jährigen pubertätsfreien, altklugen, krawattetragenden, wohlformulierenden Hauptdarsteller Thomas Horn: "Wenn 'Extrem laut und unglaublich nah' dein erstes großes Projekt war, was waren denn die kleinen?" Thomas Horn staubtrocken: "Eine Schulaufführung. Ich war der Grashüpfer!"

News des Tages: Naomi Watts wird Lady Di spielen. Und zwar in einem Film des deutschen Regisseurs Oliver Hirschbiegel ("Der Untergang") namens "Caught in Flight".

Wiedersehen mit: Wo ist eigentlich Bai "Berlinale-Nackte" Ling? Nachtrag, 20.58 Uhr Hier ist sie! Im "Ritz" erschien sie auf der "Movie meets Media"-Party in einem flatterigen, fedrigen Kleid in weiß. Für ihre Verhältnisse züchtig gekleidet. Ist ja auch kalt in Berlin.

Gesicht, das man sich merken muss: Thomas Horn "schließt eine weitere Filmkarriere nicht aus"

Film, den man sich merken muss: "Soldier/Citizen" von Silvina Landsmann: Ein Film, der tief ins Herz Israels trifft. Soldaten am Ende ihres Pflichtdienstes lernen Staatsbürgerkunde, um ein Examen nachzuholen. Testosteronbolzen um die 20 sitzen in einem Klassenzimmer und sollen Fragen beantworten, was Toleranz bedeutet, was Bürgerrecht, was Freiheit. Die Antworten sind zuweilen erschreckend dumm, rassistisch oder auch unfreiwillig komisch. Doch als die Fragen nicht aufhören, kommen Gehirne und einbetonnierte Ansichten in Bewegung. Landsmann ist ein Puzzle gelungen, das aus den Ansichten dieser Jungen (Mädchen melden sich kaum zu Wort) und ihres smarten Lehrers einen Röntgenblick auf das Paradox des Staates Israel ermöglicht. Der hoffnungsvolle Staat, aus menschlicher Not geboren, in dem die Angst um die Existenz zum Alltag gehört. Ein wirklich neuer Blick!

Von Sophie Albers, Berlin
 
 
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