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Wenn Filme rocken

Die Berlinale 2008 beginnt mit einem "Big Bang": Die Rolling Stones werden bei der Eröffnung über den roten Teppich laufen. Sie sind die Hauptdarsteller in dem neuen Film von Regie-Legende Martin Scorsese. Auch Madonna, Patti Smith und Neil Young kommen. Und die kränkelnde Musikindustrie sucht neue Erwerbsquellen.

Von Kathrin Buchner, Berlin

Da wird sogar der Festivaldirektor zum Groupie. Berlinale-Chef Dieter Kosslick hat sich selbst das größte Geschenk gemacht: In jungen Jahren schrammelte er Stones-Sonog auf seiner Gitarre, jetzt darf er seinen Idolen die Hand schütteln: Ein großer Coup ist ihm gelungen, "neun Monate Vorbereitungszeit", so Kosslick, hat sein Baby gebraucht. "Es war eine hochkomplizierte Geburt", sagte er gegenüber der "Welt". Kein Wunder, sind doch vier ausgewachsene Rotzlöffel dabei herausgekommen: Mick Jagger, Ron Wood, Keith Richards und Charlie Watts werden über den roten Teppich laufen. Hollywoods Regie-Großmeister Martin Scorsese hat einen Film über die berühmteste Rockband der Welt gedreht, "Shine a light" heißt das dokumentarische Werk über die Rolling Stones und wird die 58. Berlinale eröffnen.

Ob das Abfilmen zweier Stones-Konzerte im New Yorker Beacon Theatre allerdings ein cineastisches Highlight wird, bleibt trotz des prominenten Regisseurs zu bezweifeln. Musikfilme haben Tradition bei der Berlinale: Im vergangenen Jahr zwitscherte der Spatz von Paris das Filmfest an. Kongenial und zum Verwechseln ähnlich verkörperte die französische Schauspielerin Marion Cotillard in "La Vie en Rose" Frankreichs Nationalheiligtum, die Piaf. Und in Hollywood bekam Reese Witherspoon den Oscar für ihre Darstellung der June, Country-Legende Johnny Cashs charismatische Gattin.

Doppelte Ausbeute mit Musikfilmen

Musikfilme liegen seit jeher im Trend. Das exzessive Leben von Rockstars hat Sex-Appeal und lässt sich wunderbar verfilmen. Doppelte Erwerbsquellen sind gewiss. Schließlich zahlen die Zuschauer nicht nur an der Kinokasse, sondern legen meist noch den doppelten Betrag für den neuen editierten Best-of-Soundtrack der jeweiligen Band an. Dafür betreibt man in Hollywood beträchtlichen Aufwand: Sechs Schauspieler beschäftigte Regisseur Todd Haynes, um das Leben von Bob Dylan auf die Leinwand zu bringen - darunter so illustre Namen wie Cate Blanchett oder der kürzlich tragisch verstorbene Heath Ledger. "I'm not there" wird Ende Februar in Deutschland anlaufen.

Weitere Projekte stehen in den Startlöchern: Kürzlich wurde statt Lindsay Lohan, die im Gespräch war, Jungstar Zooey Deschanel verpflichtet, Janis Joplin zu mimen. Don Cheadle wird für seine Rolle als Miles Davis wohl Trompete spielen lernen. Kurt-Cobain-Witwe Courtney Love persönlich wünschte sich Scarlett Johansson als ihr filmisches Pendant. Die wiederum wird auch auf der Berlinale anwesend sein und zusammen mit Nathalie Portmann ihren aktuellen Film "Die Schwester der Königin" vorstellen. Außerdem übt sich Johansson schon fleißig im Singen, demnächst will sie ein Album mit Tom-Waits-Cover-Songs veröffentlichen.

Clever wäre es, ihre Singversuche gleich zu filmen. Denn Musik-DVDs sind mittlerweile ein wichtiger Bestandteil in der Rechte-Verwertung. Ein Trend auf dieser Berlinale zeigt: Es sind nicht mehr nur die Schauspieler, die Musikern ein Leben auf der Leinwand geben, die Musiker selbst werden zu Stars. Patti Smith beispielsweise, Rockkultfigur seit der Punk-Ära. Elf Jahre lang hat Regisseur Steven Sebring sie begleitet, hat ihr bei ihren Exkursen über das Pinkeln im einmotorigen Flugzeug zugehört und sie als Kommunikationsgenie geoutet. "Patti Smith: Dream of Life" wird die Sängerin höchstpersönlich samt Konzert auf der Berlinale vorstellen. Und noch eine weitere Rocklegende kommt an die Spree. Neil Young ist Star seiner eigenen Biografie und stellt seinen Dokumentarfilm "CSNY Déjà Vu" über die Tournee von Nash & Young von 2006 vor.

Musiker werden zu Schauspielern

In Zeiten sinkender Umsätze im Tonträgermarkt setzen Musiker eben auf einen lukrativen Zweitjob: Schmuse-Jazz-Sängerin Norah Jones schlüpfte kürzlich in die Hauptrolle einer Barfrau in Manhattan und brillierte an der Seite von Jude Law in dem höchst ästhetischen, allerdings etwas handlungsarmen Streifen "My Blueberry Nights". Obendrein lieferte sie gleich ein paar ihrer Lieder für den Film-Soundtrack. Ihr darstellerisches Talent ist in jedem Fall höher anzusiedeln als das von Madonna, die jahrelang vergeblich eine Karriere als Schauspielerin anstrebte. Weder Publikum noch Kritiker goutieren ihre Ausflüge ins Erotikfach, "Body Evidence" floppte komplett, als Evita schlug sie sich leidlich.

Jetzt macht sie ihrem Gatten Konkurrenz und präsentiert auf der Berlinale ihr Regie-Debüt. In "Filth and Wisdom" - "Schmutz und Weisheit" geht es ebenfalls um Musik. Madonna spürt Ethnomusikern wie Gogol Bordello in London nach. Kann man nur hoffen, dass sie als Beobachterin hinter der Kamera mehr Talent hat als davor.

Manchmal ist es eben besser, einfach sich selbst zu verkörpern. So wie Patti Smith. Oder die Stones. Die sind am besten auf der Bühne aufgehoben. Denn möchte man Mick Jagger jemals nackt als Liebhaber von Kate Winslet in einer "Titanic"-Fortsetzung sehen?

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