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Und die Bären gehen an...

Die 63. Filmfestspiele Berlin haben ihre Filmpreis-Bären vergeben. stern.de packt noch ein paar oben drauf.

Von Sophie Albers

Der Goldene Bär für den besten Film - laut Verleihungs-Gastgeberin Anke Engelke "eineinhalb Kilo schwer und innen hohl, voll der Bluff" - geht im Jahr 2013 an das rumänische Drama "Child's Pose" (Stellung des Kindes). Die 60-jährige Cornelia (beeindruckend: Luminita Gheorghiu) kennt in ihrem wohlsituierten Leben nur das vermeintliche Glück ihres Sohnes, der mit Mitte Dreißig ganz andere Sorgen hat. Ebenso imposant und eindringlich war Produzentin Ada Solomon bei der Entgegennahme des Hauptpreises: Sie sei eigentlich eher eine Kämpferin als als eine Gewinnerin, doch sie fühle sich sehr geehrt, sagte sie. Und dann kam der wunderbare, wahre Satz: "Danke an die Menschen, die uns nicht unterstützt haben, die nicht an uns geglaubt haben. Das hat uns stärker gemacht!"

Auch Jury-Präsident Wong Kar Wai hatte eine Wahrheit auf Lager, die sogar Anke Engelke weiche Knie bescherte: Die Jury sei nicht dazu da, "Filme zu verurteilen oder zu kritisieren", sondern zu sagen, welcher Film besonders gefallen habe.

Paulina Garcia hatte Schwierigkeiten, mit ihrem schönen langen schwarzen Kleid die Bühne zu erklimmen, um den Silberbären für die beste Darstellerin entgegenzunehmen. Ihre Gloria im gleichnamigen chilenischen Drama war eine Wärmflasche fürs Kritikerherz im eiskalten Berlin. Und das Lied geht einem einfach nicht mehr aus dem Kopf!

Der bosnische Laienschauspieler Nazif Mujic war zum Glück nur fast sprachlos, als er den Silbernen Bären als bester Darsteller empfing. "An Episode in the Life of an Iron Picker" ist die tragische, leider wahre Geschichte einer Romafamilie in Bosnien-Herzegowina. Die Mutter droht an einer Fehlgeburt zu sterben, weil die Familie kein Geld für die Ärzte hat.

"An Episode in the Life of an Iron Picker" gewann außerdem den großen Preis der Jury. Und das kam völlig unerwartet. Jedenfalls sagte Regisseur Danis Tanovic, er habe seine Frau anrufen müssen, damit sie seinen Anzug mitbringt. "Manchmal können gute Dinge aus dem Zorn heraus entstehen." Er hoffe, bald wieder beim Festival dabei zu sein - "mit einem fröhlicheren Thema".

Das stärkste Leuchten hatte die 63. Berlinale Martina Gedeck zu verdanken. Die deutsche Schauspielerin ("Die Wand") war mit zwei internationalen Produktionen vertreten - "Die Nonne" und "Nachtzug nach Lissabon" - und machte jedes Mal eine gute Figur. Auf ihr nicht enden wollendes Lächeln angesprochen brach sie vollends in Lachen aus und meinte, dass sie einfach glücklich sei. Da konnten nicht mal Hollywood-Glühbirnen wie Anne Hathaway und Amanda Seyfried mithalten.

Wenn man hört, dass es im Regiedebüt von US-Schauspieler Joseph Gordon-Levitt ("Inception", "Looper") um Pornosucht geht, runzelt man erstmal die Stirn. Das Milchgesicht? Dieses Thema im bigott-prüden Amerika? Doch dann sieht man "Don Jon's Addiction", und es haut einen einfach um. Gordon-Levitt ist ein "Kerl", der das Leben als Einbahnstraße lebt. Wie im Supermarkt nimmt und benutzt er, was er braucht. Und wundert sich über die gähnende Leere. Das alles gibt es mit solch großartigem Humor und wildem Mut zu sehen, dass es eine Freude ist. Und da sind Scarlett Johansson und Julianne Moore noch nicht mal aufgetaucht. Leider läuft "Don Jon's Addiction" erst im Oktober an. Unbedingt vormerken!

Da gab es mehrere: Anne Hathaway, die fragil und ein bisschen verschnupft vor einem sitzt und bereut, dass sie gerade gesagt hat, dass ihr bei der Oscar-Verleihung schlecht wird vor Aufregung.
Nicolas Cage, der Rock'n'Roll-singend über den Hotelflur tänzelt - das war fast schon "Wild at Heart".
Julie Delpy, die nach der Premiere von "Before Midnight" lachend darauf hinweist, dass sie auch im wahren Leben bei jeder Auseinandersetzung zwischen Frau und Mann "gewinnt". Jury-Präsident Wong Kar Wai, der sagt, dass Bruce Lee einer seiner großen Helden ist.

"Über den roten Teppich zu laufen ist wie Drogen nehmen. All das Geschrei und die Lichter. Das ist wie Halluzinieren."
Diesen Einblick in die Wahrnehmung eines Hollywoodstars ermöglichte die bezaubernde Emma Stone, die im Dreamworks-Animationsspektakel "The Croods" einem widerspenstigen Steinzeitmädchen ihre rauchige Stimme leiht: Eep. Eeps Vater (gesprochen von Nicolas Cage) predigt seinen Kindern, dass die Höhle der einzig sichere Ort sei. Der wilden Neugier seiner Tochter begegnet er mit Verboten. Bis Erdbeben die Steinzeitwelt erschüttern und es sogar Betonschädel Papa dämmert, dass eine neue Welt beginnt.

Ein Filmfestival macht etwas richtig, wenn es zu aktuellen Diskussionen etwas beiträgt. Die Planung für die Berlinale 2013 hat nach dem Ende der Berlinale 2012 begonnen - also vor knapp einem Jahr. Trotzdem scheint die diesjährige Vielfalt an Filmen von Frauen und Filmen über Frauen wie eine Punktlandung zum Thema Neuverortung im Rahmen der Sexismus-Diskussion.

Nach der Berlinale ist vor den Oscars: Die Bären sind verteilt, die Hollywoodstars im Flieger, der Champagner perlt. Rund 1600 Gäste haben bei der feierlichen Gala im Berlinale-Palast Abschied genommen von den 63. Filmfestspielen in Berlin. Zehn Tage lang war Berlin das Mekka des Films. Die Liste der Stars ist imposant: Joseph Gordon-Levitt, Matt Damon, Gus Van Sant, John Krasinski, Ulrich Seidl, James Franco, Peter Sarsgaard, Thomas Arslan, Shia LaBeouf, Rupert Grint, Til Schweiger, Hugh Jackmann, Anne Hathaway, Tom Hooper, Eddie Redmayne, Amanda Seyfried, Isabelle Huppert, Martina Gedeck, Catherine Keener, Michael Winterbottom, Jane Campion, Holly Hunter, Richard Linklater, Ethan Hawke, Julie Delpy, August Diehl, Steven Soderbergh, Jude Law, Rooney Mara, Juliette Binoche, Geoffrey Rush, Ennio Morricone, Paul Rudd, Emile Hirsch, Bille August, Jeremy Irons, Mélanie Laurent, Christopher Lee, Nicolas Cage, Emma Stone und Catherine Deneuve.

Neben Filmfestchef Dieter Kosslick, Moderatorein Anke Engelke und der Internationalen Jury - Präsident Wong Kar Wai, Susanne Bier, Andreas Dresen, Ellen Kuras, Shirin Neshat, Tim Robbins und Athina Rachel Tsangari - haben auch Anton Corbijn, Martina Gedeck, Daniel Kehlmann, Claude Lanzmann, Dani Levy, Christian Petzold, Katja Riemann, Volker Schlöndorff und Rosa von Praunheim den Abend gebührlich gefeiert.

Doch für das Auskurieren des Festivalkaters bleibt nicht viel Zeit: Am Sonntag kommender Woche werden in Los Angeles die Oscars verliehen. Und nicht nur das: 2014 wird die Berlinale übrigens noch größer: Dann soll die Renovierung des Zoo-Palasts abgeschlossen sein.
Wir sehen uns nächstes Jahr in Berlin! Wir lesen uns nächste Woche bei den Oscars!

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Wie heißt der Film?
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