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"Ich habe höllisch gelitten"

"Shutter Island" ist der vierte Film von Martin Scorsese, in dem Leonardo DiCaprio die Hauptrolle spielt. Im Interview mit stern.de verrät der Regisseur, warum es immer wieder DiCaprio sein muss, und weshalb er ein Problem mit Bäumen hat.

Von Jonathan Fink

Mister Scorsese, es heißt, der Dreh zu "Shutter Island" sei ziemlich anstrengend gewesen?
Wir haben richtig lange daran gearbeitet, bis wir uns sicher waren, dass wir wirklich alle Ebenen dieser Geschichte verstanden haben. Doch sobald wir mit dem Drehen angefangen haben, musste ich feststellen, dass jede Szene noch mehr Level hat, als mir vorher klar war. Es war manchmal fast schon frustrierend! Eine Erfahrung, aus der ich hoffentlich nichts lerne. Andernfalls würde ich vermutlich gar keinen Film mehr drehen.

Wie bitte?


Keine Sorge, ich hänge meinen Job so schnell nicht an den Nagel. Das war schließlich nicht mein erster Film, dessen Entstehung letztlich traumatisch war. "Good Fellas" war fürchterlich anstrengend. "Casino" auch. Und "Gangs of New York" ebenfalls. Der Dreh zu "Aviator" verlief dagegen recht harmonisch. Aber "Departed" war dann wieder eine entsetzliche Qual! Und nun eben auch "Shutter Island".

Was genau war denn so quälend?
Ich haben körperlich wirklich höllisch unter all dem emotionalen und psychologischen Stress gelitten, der mit dieser Geschichte zusammenhing. Aber auch unter den Dreharbeiten selbst, denn die waren diesmal richtig harte Arbeit im physischen Sinne. Ich bin nun einmal durch und durch New Yorker. Deswegen war es schrecklich für mich, durch irgendwelche Urwälder in Massachusetts stapfen zu müssen. Wind, Regen - all das ist so gar nicht mein Ding. Mehr als zwei Bäume sind für einen Kerl aus Queens der reinste Dschungel!

Wollten Sie von Anfang an wieder mit Leonardo DiCaprio arbeiten?


Ich arbeite einfach sehr gern mit ihm zusammen. Deshalb habe ich natürlich sofort an ihn gedacht. Wir sind immer auf der Suche nach gemeinsamen Projekten. Zwei Jahre lang kreuzte nichts unseren Weg, was gepasst hätte. Aber hier konnte ich ihn mir auf Anhieb als Protagonisten vorstellen.

Sehen Sie ihn als Ihre Muse?


Naja, er hat auf jeden Fall ein sehr ähnliches Empfindungsvermögen wie ich. Und er schreckt nicht zurück vor Herausforderungen und komplexen Figuren, was für einen Regisseur natürlich inspirierend ist. Ich bin zwar 30 Jahre älter als er, aber unser Blick auf die Welt ist definitiv der gleiche. Die Arbeit mit ihm ist außerdem jedes Mal eine faszinierende Erfahrung voll neuer Erlebnisse. Er fängt immer sehr zaghaft und vorsichtig an, wenn er sich einer Rolle annimmt. Doch je mehr er sich in die Arbeit stürzt, desto mehr Facetten entdeckt er. Auch bei "Shutter Island" hätten wir beide am Anfang nicht gedacht, welch emotionale Abgründe sich da für uns auftun würden.

Gewalt ist in Ihren Filmen immer wieder Thema. Ist das auch bei "Shutter Island" so?


In gewisser Weise auf jeden Fall. Zumindest geht es unter anderem darum, in wie weit Gewalt zur Natur des Menschen gehört und welche Auswirkungen sie auf ihn hat. Nicht zuletzt dafür steht in meinem Film ja die Rückblende ins Konzentrationslager Dachau, an dessen Befreiung Teddy [Leonardo DiCaprios Charakter, Anm. Red.] beteiligt war. Man sieht dort, wie die amerikanischen Soldaten einige Lagerwachen erschießen. Es gibt heute eine Kontroverse darüber, wie viele Männer damals tatsächlich umgebracht wurden. Aber ich zeige diese Szene ganz bewusst sehr ausführlich, um eine Gespür davon zu vermitteln, wie schnell Gewalt zum Rausch werden kann. Für Teddy ist das eine Erfahrung, die ihn für den Rest seines Lebens prägt.

Sie betreiben eine Film-Stiftung, die sich um den Erhalt internationaler Filmklassiker bemüht. Gibt es auch neue Filme des Weltkinos, für die Sie sich begeistern können?


Leider komme ich nicht oft dazu, mir aktuelle Filme anzuschauen. Der afrikanische Regisseur Souleymane Cissé aus Mali begeistert mich aber sehr, ebenso der Chinese Yu Li, auf den ich vor fünf oder sechs Jahren aufmerksam wurde. "Stellet Licht" von Carlos Reygadas hat mich in eine Welt entführt, die mir vollkommen fremd war. Und auch die Arbeiten von Fatih Akin sind großartig. Lars von Tries Filme wiederum sind enorm stark und regen zum Nachdenken über das Kino als solches an, ganz gleich ob man mit ihm konform geht oder nicht. Solche Kollegen sind eine wunderbare Inspiration, auch wenn sich ihre Art des Filmemachens fundamental von meiner unterscheidet.

"Shutter Island" kommt am 25. Februar in die deutschen Kinos

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