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Wie man Jack Nicholson die Schau stehlen kann

Um einem Jack Nicholson die Schau zu stehlen, braucht es schon eine Oscar-Anwärterin. Diane Keaton war zur Stelle.

Um einem Jack Nicholson die Schau zu stehlen, braucht es schon eine Oscar-Anwärterin. Ein Nicholson setzt sich nämlich nicht einfach hin, wenn er den Saal für die Pressekonferenz betritt. Er zähnefletscht in die Runde, lässt die Ovationen und Jubelrufe auf sich herabprasseln wie eine warme Morgendusche, nimmt genüsslich Platz und die Bitte eines nervösen Journalisten, ob er nicht seine Sonnenbrille abnehmen könnte, überhört er einfach.

Der Mann, seine winzigen Grimassen, seine weichen Bewegungen, sind ein Gesamtkunstwerk, das selbst wortlos mehr Charisma ausstrahlt, als die restlichen Gewinner der Goldenen Kamera zusammen.

Schlagfertig

Nun, dieser Tag, diese Pressekonferenz gehörte trotzdem nicht Jack. Der in seinem schwarzen Ledersakko, einem schwarz-weiß karierten Hemd und dünner schwarzer Krawatte aussah wie der gealterte Frontmann einer 80er Jahre New-Wave-Band. Der auf die Frage nach dem Stand der deutsch-amerikanischen Beziehungen antwortete: "Gut. Wir mischen uns nicht in eure Wahlen ein, ihr mischt euch nicht in unsere Wahlen ein."

Der Tag, die Stunde schlug für Diane Keaton. Blaugetönte Brille, tomatenroter Lederkurzmantel, tomatenrote Lederhandschuhe und ein Glas Rotwein vor sich.

Keaton gilt bei den Hollywood-Buchmachern als Oscar-Favorit für die beste weibliche Hauptrolle. Der dazugehörige Film, "Was das Herz begehrt", der herrlich albern dem grassierenden Jugendwahn den Hintern versohlt, läuft auf der Berlinale außer Konkurrenz.

„Würden Sie Jack heiraten“

Was soll man über solch eine recht handlungsarme Komödie schon fragen? Die Journalisten beschäftigten sich also lieber mit Intimitäten. Wie peinlich war Ihnen die Nacktszene, Miss Keaton? Wie sehr macht Ihnen das Altern zu schaffen? Wer küsst besser: Jack oder ihr Co-Star Keanu Reeves? Würden Sie Jack heiraten?

Genervte Diane Keaton

Auftritt Keaton, genervt: "Sie stellen so komische Fragen. Und da sind so viele von Ihnen und wir sind so wenige. Ich werde noch verrückt. Ich bin so unglaublich müde." Gerade noch strahlend lächelnd, beginnt sie zu weinen, nein zu schluchzen, fasst sich wieder, winkt ab und geht. Selbst Nicholson ist überrascht. War das jetzt die perfekte Performance einer großen Drama-Queen? Oder ist Keaton wirklich am Rande eines Nervenzusammenbruchs? Wie werden es wohl nie erfahren.

Abseits der Hollywood-Streifen

Gut, dass es auf dem Filmfestival auch noch Filme gibt, zu denen es sich lohnt, ernsthafte Fragen zu stellen. Berlin hat nämlich nicht nur massentaugliches Hollywood-Kino im Programm, sondern auch jede Menge Dokumentarfilme. Im Kino meist stiefmütterlich behandelt, trotz der jüngeren Erfolge von Meisterwerken wie "Bowling for Columbine" oder gerade "Deep Blue".

„Travelling with Che“

Es sind natürlich nicht nur cineastische Offenbarungen, die in den Nebenreihen Forum und Panorama laufen. Aber gute Geschichten haben sie immer zu erzählen. Zum Beispiel die Geschichte von Alberto Granado, der als Student mit einem klapprigen Motorrad durch halb Lateinamerika reiste. Sein Gefährte: der junge Ernesto "Che" Guevara, damals ein angehender Arzt, durch dessen Adern noch wenig revolutionäres Blut floss.

Ihren Kontinent kennen lernen, Abenteuer erleben, wollten die beiden und das sollten sie in den nächsten sechs Monaten mehr als genug. Für Che wird die Reise zur Offenbarung, sie öffnet seine Augen und sein Herz für das Elend seiner Heimat. Wenig später trifft er bei einem zweiten Trip auf Fidel Castro.

Der italienische Regisseur von "Travelling with Che" ist zusammen mit dem heute 81-Jährigen Granado die Strecke noch einmal abgefahren. Doch franst sein 110 Minuten überlanger Film an allen Ecken aus. Er konzentriert sich nicht einfach auf Granado, sondern dreht gleichzeitig ein Making-of des neuen Walter Salles Films "The Motorcycle Diaries", der die Che-Reise fiktionalisiert, aber leider nicht in Berlin zu sehen ist. Dazu kommen oft unscharfe, hoffnungslose verwackelte Digitalkamerabilder. Schade um das tolle Thema.

Unterhaltsamer Umweltschutz

Von einer mindestens genauso wahnwitzigen Reise berichtet "Go Further". Der US-Schauspieler Woody Harrelson ("Natural Born Killers") machte sich mit ein paar Kumpels auf eine Bus- und Fahrradtour die Pazifikküste entlang. Ihr Mission: Die Eingeborenen für einen naturverträglichen Lebenswandel zu missionieren. Vergesst Hamburger und Pommes, Papier aus Holz, Pestizide, Kernenergie. Selbst in der ach so gesunden Milch finden sich Blut und Eiter von entzündeten Kuheutern. 80 kurzweilige Minuten, die wenig Unbekanntes zu Tage fördern, mit ihrem Esoterik-Touch und Yoga-Verrenkungen beinahe schon altmodisch wirken, und dennoch: Selten war Umweltschutz so unterhaltsam.

Am Abend dann doch noch ein neues Meisterwerk: "The Nomi Song". Ein Biographie des Musikers Klaus Nomi mit der wunderbaren Unterzeile "He came from outer space to save the human race". Und tatsächlich wirkt Nomi, seine hohe Singstimme, sein roboterähnliches Styling wie von einem anderen Planeten und der Film von Andrew Horn wirft das kongenial auf die Leinwand. Keine Zweifel: Auch Nomi könnte Jack jederzeit die Schau stehlen.

Matthias Schmidt

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