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"Bei Bond krieg ich das Kotzen"

Mit seinem ersten Hollywood-Thriller "The International" hat Tom Tykwer die Berlinale eröffnet. Im stern-Interview spricht er über Banker als Bösewichter und erklärt, warum Quentin Tarantino der Größte und Roger Moore der einzig wahre 007 ist.

Herr Tykwer, mit Ihrem Finanzthriller "The International" eröffnen Sie die Berlinale. Stolz?

Wenn ich überlege, was da noch alles am Start ist, empfinde ich das schon als besondere Auszeichnung. Andererseits ist es aber auch ziemlich passend, weil ich ja schließlich aus Berlin komme und der größte Teil des Teams auch. Wir haben am Hauptbahnhof gedreht, im Sony Center und in den Babelsberg Studios. Berlin ist also die ideelle und kreative Heimat des Films. Hier Premiere zu feiern fühlt sich angenehm an. Als würde man nicht fremdgehen.

Dieter Kosslick hat vor sieben Jahren die Berlinale auch mit dem Ziel übernommen, das deutsche Kino nach vorn zu bringen. Wie weit ist ihm das gelungen?

Sehr gut, denn die Berlinale hat noch einmal klar gemacht, wie vielfältig das deutsche Kino ist. Am besten gefällt mir, dass von Anfang an konsequent auch die ungewöhnlicheren Filme ins Zentrum gerückt wurden - wie "Sehnsucht" von Valeska Grisebach oder "Der freie Wille" von Matthias Glasner.

Sie haben Ihren Film, wie schon die letzten drei, auf Englisch gedreht - mit Weltstars wie Clive Owen und Naomi Watts. Trifft "The International" inzwischen auch auf Sie zu?

Zu Hause bin ich eindeutig hier. Und sorge immer mehr dafür, dass der Großteil meiner Arbeit auch hier stattfindet. Das kann das tollste Drehbuch der Welt sein, wenn ich dafür richtig lange Zeit weg muss, sage ich ab. Ich mache ja außerdem meine Filme nicht allein. Ohne meinen Kameramann Frank Griebe zum Beispiel, meinen Ausstatter Uli Hanisch oder meine tolle Cutterin Mathilde Bonnefoy könnte ich gar nichts. Diese Leute, mit denen ich seit vielen Jahren arbeite, sind wie meine engste Familie.

"The International" ist ein Genrefilm, ein Thriller. Bei einem Blick auf Ihre bisherigen Arbeiten hätte man das kaum erwartet.

Irgendwie wird mir das bei jedem Film gesagt. Letztlich aber ist die Hauptfigur, ein stoischer Interpol-Agent, wieder einer, der ziemlich isoliert ist. Ein Eigenbrötler, der mit einem starren System hadert und es durchbrechen will, angetrieben von einem Impuls der moralischen Empörung. Einsame Helden sind auch Grenouille in "Das Parfum" oder Benno Fürmanns Figur aus "Der Krieger und die Kaiserin". Sogar Franka Potente in "Lola rennt" steckt in einem engen, unflexiblen System und will es sprengen. Und dass Gewalt ins Spiel kommt und moralische Fragen aufgeworfen werden, gibt es auch bei "Heaven", als Cate Blanchett die falschen Leute in die Luft jagt. Neulich habe ich ein altes Plakat von "Winterschläfer" gesehen, wo draufstand: "Ein Liebesthriller". Stimmt ja, es gibt da einen Autounfall und eine Kriminalgeschichte. Thriller sind für mich die Königsdisziplin.

Wir dachten immer, das seien Komödien.

Für mich nicht. Das liegt an meiner Prägung. Als Kind war ich begeistert von Horrorfilmen, als Jugendlicher dann von anspruchsvollen Thrillern. Alles zwischen Alfred Hitchcock, John Frankenheimer, Alan J. Pakula und Sydney Pollack. "Die drei Tage des Condor", "Der Dialog", "Zeuge einer Verschwörung" waren Schlüsselfilme für mich. Damals in den 70er Jahren bestimmte die Paranoia über das System im System die ideologische Debatte: Nicht die Regierung kontrolliert uns, sondern die Geheimdienste. Das wollten wir in die Gegenwart holen. Heute ist die Weltwirtschaft das System im System. Sie entscheidet wie ein ungewähltes Parlament darüber, wie Kriege geführt und ob sie beendet werden, wenn nicht mehr genügend Waffengeschäfte generierbar sind. Oder wie neue Konfliktherde entstehen, weil Potenzial für Ölgeschäfte vorhanden ist.

Die kriminellen Machenschaften einer Großbank: Freut es Sie als Regisseur, wenn so ein Thema plötzlich aktuell ist?

Ich sitze seit fünf Jahren an dem Film und finde es eher wahnsinnig beunruhigend, dass der Subtext der Geschichte auf eine Weise wahr geworden beziehungsweise eskaliert ist, wie wir uns das nie vorgestellt haben. Ich hatte noch während der Dreharbeiten Sorgen, dass die Zuschauer es zu konstruiert finden, wenn man eine Privatbank als Bösewicht ins Zentrum rückt.

Haben Sie vorher mit Bankern gesprochen?

Ja, die waren oft fünf Jahre jünger als ich und hatten einen privaten Jahresumsatz von ein paar Hundert Millionen Euro. Sehr umgängliche Typen, gar nicht unsympathisch. Kultivierte Leute, die sich auch im Kino auskannten.

Das absolute Gegenteil von einem klassischen Gangsterboss.

Natürlich. Sie behaupten mit einer ziemlichen Souveränität ihre Position: Entschuldigung, erstens haben wir den Kapitalismus nicht erfunden, und zweitens schaut doch jeder auf seine Profite und auf die seines Ladens. Das machen alle so. Und wenn ich dann sage, nein, das machen nicht alle so, dann ist das Gespräch schnell zu Ende. Ökonomische Moral ist offenbar ein naives Relikt aus der Vergangenheit. Von diesen Widersprüchen handelt "The International".

Keine leichte Aufgabe für einen Unterhaltungsfilm.

Weil die Abläufe in der globalen Finanzwelt so kompliziert sind, hat das immer noch einen Schlagschatten von Unvermittelbarkeit und ist nicht mal auf der Titelseite einer Tageszeitung umfassend darstellbar. Man brauchte drei Seiten. Also landen die Geschichten hinten im Wirtschaftsteil. Dabei sind sie 100-mal wichtiger als die Abschaffung des blöden Transrapid.

Auffällig an dem Film sind die ruhige Kamera und der moderate Schnitt. Im Gegensatz zu modernen Thrillern wie der Bourne-Trilogie oder den letzten beiden Bond-Filmen kriegt der Zuschauer hier keine Kopfschmerzen.

Action ist eine große Herausforderung. Man muss dem Zuschauer eine Übersicht verschaffen, ihm Orientierung geben. Wie groß ist der Raum? Wie viel Platz haben die Leute? Wie lange wird es dauern, einer Gefahr zu entfliehen? Bei Bourne habe ich manchmal gar nicht mehr verstanden, wie er wieder davongekommen ist. Irgendwo gab es wahrscheinlich eine Tür, die ich vorher nie gesehen habe. Das ist enttäuschend. Und die Neuerfindung von Bond mag ich schon deshalb nicht, weil sie die alte Idee von James Bond völlig verlässt.

Inwiefern?

Da werden Bond ein paar relativ plattitüdenhafte Rachemotive zur Seite gegeben, damit er mal so richtig Amok laufen kann. Damit hab ich ein irgendwie moralisches Problem, auch wenn das ein bisschen altmodisch ist. Bond ist einer geworden, der unbewaffnete Leute einfach exekutieren darf, und das soll auch noch cool gefunden werden. Da krieg ich das Kotzen. Ich bin halt Roger-Moore-Fan …

Wie bitte?

Das liegt an meinem Jahrgang. Wenn du 1965 geboren bist, war "Der Spion, der mich liebte", frei ab 12 Jahren, der erste Bond, den du sehen konntest. Und er war kein triebhafter Irrer, sondern ein Gentleman, der die Welt auf eine sehr lässige, elegante Weise von Bösewichtern befreit.

Mit 16 sind Sie per Interrail durch Europa gefahren … und ins Kino gegangen.

Amerikanische Filme starteten damals bei uns viel später. "E. T." oder "Jäger des verlorenen Schatzes" waren Sommerhits in den USA und kamen bei uns erst im Winter auf die Leinwand. In der Blüte meiner Fanzeit konnte ich das nicht aushalten. Also nahm ich das Geld, das ich mit meinem Job als Filmvorführer verdiente, und fuhr in den Sommerferien mit dem Zug nach London. Dort suchte ich mir eine Jugendherberge und schaute am Leicester Square den ganzen Tag Filme. Das war mein Urlaub.

Nach Paris sind Sie auch gefahren.

Ja, im 10. Arrondissement gab es diese stinkenden Schmuddelkinos, wo man sich für wenig Geld King-Kong- oder Karatefilme angucken konnte. Oder "Die Klapperschlange" auf Französisch. Den habe ich siebenmal gesehen und kaum ein Wort verstanden. Ich schlief für 20 Mark in einer dieser Pensionen mit Plastikfolie unter dem Bettlaken. Unangenehm - aber als 16-Jähriger ist dir das schnuppe. Ich habe nur Falafel gegessen und Doppelprogramm geguckt. Das hatte was Verschrobenes, ich war damals gern viel allein.

Wie die Helden Ihrer Filme.

Ja, wahrscheinlich identifiziere ich mich über meine Jugenderinnerungen mit den Typen, die sich immer allein an irgendwas abarbeiten und keine Bedürfnisse entwickeln, Verbindungen einzugehen.

Sie waren damals ein ziemlicher Sonderling, ein "Nerd", wie man heute sagt.

Ein bisschen schon, ja.

Interview: Matthias Schmidt und Bernd Teichmann/print
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