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Mit Banner, Schärpe und Megafon

In Bayern ist es bisweilen so. Und in Nordrhein-Westfalen. Da können CSU oder SPD jeden Clown aufstellen - und der wird gewählt. Dass es auch in Japan mehr auf Parteien, weniger auf Personen ankommt, zeigt nun ein Film über die skurillle Blitzkarriere eines Briefmarkenhändlers.

Von Florian Güßgen

Es war eine wichtige Wahl für die Liberaldemokratische Partei, für die LDP. Eine entscheidende. Im Stadtrat von Kawasaki hatte die Partei eine Mehrheit von einem Sitz. Die musste verteidigt werden. Um jeden Preis. Das Problem war der Kandidat. Es musste einer her, der in diesem Jahr, im Jahr 2005, gewinnen würde. Aber weitere Ansprüche durfte er nicht stellen. In zwei Jahren würde man ihn nicht mehr brauchen. Den örtlichen Granden, den "Sensei", sollte in ihm deshalb keinesfalls eine Konkurrenz erwachsen. Ein Außenseiter musste her. Einer, den man kurz zum Star aufpäppeln würden, um ihn dann wieder fallen zu lassen. Die LDP suchte. Und sie wurde fündig. Sie fand Kazuhiko "Yama-san" Yamauchi aus Tokio. Yamauchi war 40, hatte einen Abschluss der renommierten Universität von Tokio und verkaufte seltene Briefmarken, Münzen und Geldscheine im Internet. Mit Politik hatte er noch nie etwas zu tun gehabt, nicht einmal besondere Sympathien für die LDP hatte er gezeigt. Er mochte den Premier, Junichiro Koizumi, das ja. Aber das war's auch schon.

Wenige Monate später war Yamauchi ein ehrwürdiger Stadtrat. Er hatte die Wahl für die LDP gewonnen. Mit nur knapp 1000 Stimmen Vorsprung zwar. Aber immerhin.

Von Null auf Hundert

Von Null auf Hundert? Vom Nichts zum angesehenen Mandatsträger? Wie kann das sein? Wie ist das möglich? Der Filmemacher Kazuhiro Soda, 36, der aus Japan stammt aber in den USA lebt, gibt Antworten. Er hat den Wahlkampf Yamauchis dokumentiert. Ohne Schnickschnack. Ohne Musik. Ohne Kommentar. Er war einfach mit der Kamera dabei. "Campaign" - "Wahlkampf" - heißt das Ergebnis dieser Arbeit, das in der vergangenen Wochen in der Sektion "Forum" der Berlinale vorgestellt wurde. "An Inside look at J-Democracy", heißt der Untertitel. "Ein Einblick in die japanische Demokratie." Soda zeigt dabei vor allem eines: Politik hängt in Japan, anders als etwa in den USA, nicht von einzelnen Personen ab. Es ist vielmehr die Partei, deren System, das den Ausschlag gibt. Deren Werte, deren Auswahlmechanismen. In Japan wird nicht der mächtig, der die Bürger überzeugt, sondern derjenige, der die LDP für sich gewinnt, sich ihr unterwirft. Das geht seit über 50 Jahren so. Denn seither stellt die Partei, fast ohne Unterbrechung, die Regierung. Einmalig ist das nicht, nicht einmal zwingend verwerflich. Eher eine typische Verkrustungserscheinung in Parteien-Demokratien, zu denen auch Deutschland gehört. In manchen Wahlkreisen Bayerns kann die CSU, in manchen Kreisen Nordrhein-Westfalens kann die SPD jeden Clown als Kandidaten aufstellen. Er gewinnt ohnehin. Entscheidend ist die Partei. In Sodas Dokumentarfilm ist Yamauchi der Clown.

Erfolg mit Schärpe, Parteibanner und Megafon

Er ist ein grandioser Clown, weil er die Sache ernst nimmt. Weil sie für ihn ernst ist. Und weil er, der Schlaks mit seiner freundlichen Über-Bemühtheit, mit dem schelmischen, verschmitzen Lachen in den Augen, das Komische, das Absurde dieses Wahlkampfs unfreiwillig immer hervortreten lässt. Wenn er etwa mit buntem Parteibanner, Schärpe und Megafon vor einem U-Bahn-Ausgang steht und den Passanten Floskeln von Reform und Veränderung entgegenwirft; wenn er Bürgern Kindergartenplätze verspricht, offenbar, ohne auch nur den blassesten Schimmer von Haushaltspolitik zu haben; wenn er der Kiosk-Besitzerin zusagt, das Kanalisationssystem zu verbessern; wenn er sich von den ernsten Profis seiner Partei die Politik erklären lässt, das richtige Kopfbeugen; oder wenn er, mit der gebotenen Ernsthaftigkeit, seine Wahlkampfzentrale einweihen lässt. Trotz aller Ernsthaftigkeit ist immer klar: Yamauchi, der Schelm, gehört nicht dazu. Er kann es nicht. Und trotzdem machen ihn die LDP-Granden, macht ihn die Maschinerie zum Sieger. Mit knapp 1000 Stimmen Vorsprung bei rund 40.000 Wählern insgesamt. Aber immerhin.

Bohème an der Tokioter Universität

"Campaign" erzählt eine schöne Geschichte. Es sind 120 komische, unterhaltsame Minuten, die tatsächlich einen mühelosen Einblick in die Räderwerke der japanischen Demokratie gewähren, in die Mechanismen des Systems. Es ist ein ganz anderer Film als D.A. Pennebakers faszinierender "War Room", der den ersten Präsidentschaftswahlkampf Bill Clintons dokumentierte. "War Room" handelte vom Aufstieg eines Einzelnen und seiner Macht, die Wähler für sich zu begeistern, er handelte von der Macht des Akteurs. Im Gegensatz dazu belegt "Campaign" die Macht des Systems, mit freilich viel bescheideneren Mitteln als sie dereinst Pennebaker zur Verfügung standen. Sodas Werk hat also durchaus einen aufklärerischen Wert, und weil das so ist, wird der Film in diesem Oktober von einer Reihe öffentlicher Fernsehanstalten in Europa gezeigt, vom "ZDF" etwa, von der "BBC", von "TV2." 2008, im Jahr der Präsidentschaftswahl, läuft "Campaign" dann auch auf dem US-Sender PBS.

Dabei ist nicht nur die Geschichte des Wahlkampfs selbst komisch, sondern auch die dahinter. Denn der Filmemacher und der Kandidat Yamauchi sind befreundet. Und deshalb ist es ein besonderer Spaß, sie dabei zu beobachten, wie sie ihren ernsten, lustigen Film verkaufen. Wie etwa Yamauchi mit Banner, Megafon und Schärpe vor dem Berlinale-Palast am Marlene-Dietrich-Platz steht und den vorbei hastenden Cineasten japanische Wahlkampfsprüche entgegenschleudert, immer mit diesem leicht verschmitzen Lächeln. Oder wie die beiden in einem Café im Sony-Center am Potsdamer Platz ihre Geschichte preisen. Soda erzählt dann davon, dass Yamauchi früher zu den Linken gehörte an der Universität von Tokio. Dass er in einem Studentenheim wohnte, das legendär war als Heimat der Linken, der Bohème, dass man sich dort gerne zum Feiern und zum Trinken traf. Und wie überrascht er war, als er hörte, dass ein gemeinsamer Freund in Kawasaki ein Wahlplakat mit Yamauchis Konterfei gesehen hatte - als Kandidat für die konservative LDP. Das hätte er filmen müssen, sagt Soda. Fünf Tage, nachdem er die Nachricht erhalten hatte, habe er zu drehen begonnen. Allein. Ohne finanzielle Hilfen.

Die Diäten der Mandatsträger

Etwas ernster wird es, als es um die Zukunft des derzeitigen Abgeordneten geht. Nein, so viel habe er wohl nicht bewegt in seiner Mandatszeit, gibt Yamauchi zu. Aber das habe an den störrischen Bürokraten gelegen, sagt er. Und deswegen werde er nicht mehr antreten. Im Sommer werde er jetzt erst einmal Vater. Und dann müsse man sehen. Dann suche er Arbeit. Vielleicht werde er ein Buch schreiben, sagt er. Über die Demokratie in Japan. Über seine Erfahrungen. Und darüber, dass ein krasses Missverhältnis bestehe zwischen dem finanziellen Risiko, dass ein Kandidat auf sich nehme und der Höhen seiner Diäten. Die Diäten müssten einfach höher sein, sagt er. Und lacht.

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