Hinter die Kulissen der Werbung zu schauen, ist desillusionierend. Aber was bedeutet es, wenn man da arbeiten muss? Octave Parango regelt das mit einer großen Portion Menschenverachtung und Kokain. Frédéric Beigbeders Bestseller "39,90" taugt bestens zum Kinofilm. Von Sylvie-Sophie Schindler

Beigbeders Werbemonster: "Ich bin ein Stück Scheiße, ein moderner Held eben"© Alamode Film/DDP
Der Typ ist ein echter Kotzbrocken, die mieseste Sorte Mensch. Was soll man auch erwarten von jemandem, der über sich selbst sagt "Ich bin ein Stück Scheiße, ein moderner Held eben". Man kann nicht anders, man muss Octave Parango hassen. Was übrigens auf Gegenseitigkeit beruht: Der Kerl hat, gelinde gesagt, nicht besonders viel übrig für den Rest der Erdenbewohner.
Für Frauen wird es besonders gefährlich, speziell für solche, die sich in Badewannen räkeln: Octave Parango entleert seinen Mageninhalt schon mal in Duftschaumbäder. Auch Hamster sollten sich nicht in seiner unmittelbaren Nähe aufhalten: Octave Parango befördert die winzigen Fellwesen mit Koks ruckzuck ins Jenseits. Seinen großen Auftritt hatte der Vollblut-Misanthrop 2001 in Frédéric Beigbeders Kult- und Bestsellerroman "99 Francs", auf Deutsch lautet der Titel des Buchs "39,90". Und nun, endlich, treibt sich das enfant terrible aus der Werbebranche auf der Leinwand herum.
In Frankreich lockte der Streifen bereits mehr als 1,3 Millionen Besucher an die Kinokassen. Die obligatorische Frage lautet natürlich: Besteht der Film neben der gefeierten wie umstrittenen Literaturvorlage? Oder hat es der Regisseur versaut? Eine Überlegung, die jedem eingefleischten Fan Schweißperlen auf die Stirn treibt, doch so viel Aufregung muss gar nicht sein. Die Bewährungsprobe ist nach nur wenigen Minuten bestanden: Der Niederländer Jan Kounen hat einen grellen, lauten, gemeinen, rasanten, komischen, abgründigen Film geschaffen. Der Kinosommer ist gerettet.
Einzige Nebenwirkung: Am Schluss, nach 100 Minuten, könnte es zu Atembeschwerden kommen. Das Erzähltempo bringt einen ziemlich aus der Puste. Macht aber nichts. Denn anders kann diese haarsträubende Geschichte nicht erzählt werden. Auch die visuellen Effekte entsprechen der Story. Dass der Beigbedersche Zynismus nicht nur Worte findet, sondern auch entsprechende Bilder, das muss man erstmal schaffen.
Endlich kommt einer daher, der aus dem Vollen schöpft und mit unterschiedlichen filmischen Mitteln spielt, als sei er unersättlich. Der Regisseur greift zu, als sei er in einem großen Warenhaus: Hier ein Griff ins Comic-Regal, dort ein Griff in die Werbeclip-Kühltruhe, da ein Griff in die Science-Fiction-Theke.
Kounen ist ein Ästhet, und er ist auch ein Grenzgänger. Er begreift, dass das Kinopublikum auch mal heraus will aus der Komfortzone, gefordert werden möchte. Man möchte den Film jedem ans Herz legen, was allerdings blauäugig wäre. Wer die Welt noch so richtig lieb hat, Diddl-Maus-Sprüche gut findet und abends bei Kerzenlicht Kuschelrock hört, sei gewarnt: Es besteht die hohe Wahrscheinlichkeit der schmerzhaften Desillusionierung.