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25. Mai 2009, 14:22 Uhr

Auch im Kunstfilm regieren Sex und Gewalt

Nach zehn Tagen Dauerkino ist das 62. Filmfest von Cannes vorbei. Michael Haneke hat gewonnen. Brad Pitt ist abgereist. Und die Filmkritiker ziehen sich zurück ins Dunkel. Aber was bleibt eigentlich von den Filmen übrig, was kann Cannes und was nicht? Von Sophie Albers

62. Filmfestival in Cannes, Michael Haneke, Das weiße Band, Quentin Tarantino, Lars von Trier

Die Party ist vorbei© Lionel Cironneau/AP

Wer bei der Preisvergabe des Filmfestivals in Cannes auf die Empfehlung publikumsnaher, potentieller Blockbuster wartet, kann das gemeinsam mit den Zuschauern tun, die beim Finale von "Germany's Next Topmodel" der Geburt der nächsten Claudia Schiffer harren. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. So wie aus Klums Kreaturen keine Topmodels werden, schaffen es die Palmen-Gewinner kaum in große Kinos.

Oder erinnern Sie sich noch an Laurent Cantets "Die Klasse", der im vergangenen Jahr die Goldene Palme gewann? Wenn ja, waren Sie einer von 127.000 Deutschen, die diese großartige Schüler-Dokumentation gesehen haben. Das rumänische Abtreibungsdrama "4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage"? Nein? Den Gewinner von 2007 guckten gerade mal 30.000 Mitbürger. 2006 wurde dem britischen Regisseur Ken Loach für seine Gewalt-Parabel "The Wind that shakes the Barley" die Goldene Palme überreicht, was ihm 73.000 Zuschauer einbrachte. Für "L'enfant", das 2005 in Cannes gefeierte Sozialdrama der Dardenne-Brüder, konnten sich in Deutschland gerade mal 34.000 Zuschauer erwärmen. Auch beim diesjährigen Palmen-Gewinner Michael Haneke wird es schwierig werden, sein strenges Sozialdrama "Das weiße Band" über das Leben in einem deutschen Dorf vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs überhaupt in einem Kino in der Nähe zu sehen. Also warum dann sich überhaupt um dieses Festival scheren? Status Quo der siebten Kunst Gut, die Stars auf dem roten Teppich: Angelina Jolie in einer bis zum Beckenknochen geschlitzten rosa Chiffonwolke am Arm von Brad Pitt, Sharon Stone in einem kleidgewordenen Vokuhila, Mariah Carey im Regen, Diane Kruger im Dauerlächelkrampf, eine verschnupfte Penélope Cruz am Arm von Pedro Almodóvar. Aber Stars sind nicht Kino, und zumindest im Kern seines Anspruchs will das Festival von Cannes vor allem eines: nach der Essenz des zeitgenössischen Films suchen, einen Status Quo der siebten Kunst feststellen.

"Das Festival ist ein unpolitisches Niemandsland, ein Mikrokosmos, der zeigt, wie die Welt wäre, wenn die Menschen direkt miteinander kommunizieren und die gleiche Sprache sprechen würden", hat es einst der französische Künstler und Regisseur Jean Cocteau beschrieben. Auch Quentin Tarantino, der in diesem Jahr mit "Inglourious Basterds" einen Kriegsfilm der anderen Art präsentierte, freut sich über den Ausnahmezustand: zehn Tage, in denen nichts zählt außer das Geschehen auf der Leinwand. Er sei dann im Kino-Modus, so der Kultregisseur.

Nicht weniger als unsere Art, Filme zu sehen, zu verstehen und zu verarbeiten, wird auf solch einem Festival verhandelt. Was bewegt den Zuschauer von heute, vielleicht auch morgen. Wie viel Kunst sollte im Kino stecken? Wie weit hat sich diese Kunst schon vom Zuschauer entfernt? Ja, Cannes ist eine Blase. Aber eine wichtige Blase, da der Status Quo der Kinokunst einiges über den Status Quo der Gesellschaft verrät. Schließlich ist das Kino immer auch ein Spiegel.

Sex und Gewalt

Also, was hat das Urteil der Jury des 62. Filmfestivals von Cannes uns zu sagen? Sex und Gewalt regieren die Welt. Da sind sich Hanekes in Schwarz-Weiß gedrehte Meditation über die Wurzeln des Faschismus, Lars von Triers Sex-und-Gewalt-Orgie "Antichrist", der zum Kotzen brutale "Kinatay" über den Mord an einer Prostituierten in Manila, "Thirst" mit seinem sexverrückten, zum Vampir mutierten Priester und natürlich auch Tarantinos Nazisplatterfilm einig. Und die Vehemenz, mit der die Filme das klarmachen, stimmt ein bisschen fatalistisch. In dieser Welt leben Individualisten, die kämpfen - wie der neue "Pate" in "Un prophète" und das Mädchen Mia in "Fish Tank" - oder die zerbrechen wie die Frau in "Antichrist" und die Tote in "Kinatay".

Die Bilder, die dafür gefunden werden, könnten unterschiedlicher nicht sein: Es reicht von der perfektionistischen Bildkomposition bis zur verwackelten Handkamera. Lang sind die Filme, durchschnittlich zweieinhalb Stunden, als wüssten die Filmemacher, wie schwer uns das fällt, uns einzulassen. Und genau das ist vielleicht im Augenblick die passende Erklärung dafür, warum man sich um das Festival scheren sollte: Weil es fordert, sich auf die Macht des Kinos einzulassen, was in dieser Zeit schon ein hoher Anspruch ist. Das mächtigste Bild dafür kommt vom Gewinner selbst: "Ein Film ist wie eine Sprungschanze. Springen muss der Zuschauer selbst", sagt Michael Haneke.

Von Sophie Albers
 
 
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