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Die zehn besten Cannes-Momente 2014

Die Goldene Palme ist vergeben, der rote Teppich wird wieder eingerollt, und der Festival-Zirkus zieht weiter. Doch diese zehn wunderbaren Cannes-Momente haben 2014 bleibenden Eindruck hinterlassen.

Von Patrick Heidmann, Cannes

Nach elf Tagen großer Kunst in dunklen Kinosälen und grellem Blitzlichtgewitter auf dem roten Teppich sind die 67. Internationalen Filmfestspiele von Cannes zu Ende gegangen, und auch ich packe nach rund 30 Filmen und mindestens eben so vielen Interviewterminen wieder die Koffer. Die Erinnerungen an Nicole Kidmans emotionslosen Auftritt in "Grace of Monaco", mit dem das Festival in diesem Jahr eröffnet wurde, sind (zum Glück) schon wieder verblasst. Und auch ansonsten verschwimmen so manche Erlebnisse, Eindrücke und Bilder der letzten Tage zu einem filmreifen Wirrwarr im Kopf. Doch mindestens zehn Momente auf und jenseits der Leinwand haben sich auf mal kuriose, mal grandiose Weise so dauerhaft eingeprägt, dass zumindest ich sie auch dann noch nicht vergessen habe, wenn im nächsten Mai schon wieder der nächste Trip an die Croisette ansteht.

Xavier Dolans "Mommy"

Die Goldene Palme, neben dem Oscar ohne Frage der wichtigste Preis der Filmwelt, ging in diesem Jahr an das Drama "Winter Sleep" des Türken Nuri Bilge Ceylan. Verdient, wie man hört. Mehr kann ich an dieser Stelle dazu gar nicht sagen, denn 195 Minuten aus der kappadokischen Provinz ließen sich in den ersten Festivaltagen zwischen Interviews und anderen Filmen beim besten Willen nicht im Terminkalender unterbringen. Gesehen und vor allem geliebt habe ich dagegen "Mommy", den bereits fünften Film des erst 25-jährigen Kanadiers Xavier Dolan.

Der Kanadier Xavier Dolan gewann den Jury-Preis für seinen Film "Mommy"

Der Kanadier Xavier Dolan gewann den Jury-Preis für seinen Film "Mommy"

Der musste sich am Ende mit dem Preis der Jury begnügen (und verneigte sich trotzdem zu Tränen gerührt vor Jury-Präsidentin und Vorbild Jane Campion), doch die Herzen eines Großteils der Kritiker und anwesenden Cineasten hatte er da schon lange erobert. Mehr Frische, Leben und Impulsivität als in dieser Geschichte um eine lebenslustige, aber mit ihrem schwer erziehbaren und an aggressiven ADHS-Schüben leidenden Teenager-Sohn war an der Croisette in diesem Jahr nicht zu sehen. Die Schauspieler sind phänomenal, die Bilder (eher im Instragram- als im Breitwand-Format) unvergesslich. Und wer es schafft, Oasis' "Wonderwall" und Céline Dions "On ne change pas" nicht peinlich, sondern als Inbegriff der Coolness zum Einsatz zu bringen, muss ohnehin so etwas ähnliches wie ein Genie sein. Bleibt nur noch zu hoffen, dass sich ein deutscher Verleih findet, der dieses Meisterwerk so schnell wie möglich in unsere Kinos bringt. Und natürlich gern auch "Winter Sleep", damit ich den dann endlich nachholen kann.

Stallone & Schwarzenegger auf einem Panzer

Dass sich in Cannes zehn Tage lang alles um die 18 Filme dreht, die im Wettbewerb um die Goldene Palme konkurrieren, ist ein absoluter Irrglaube. Zwar sorgten der grunzende "Harry Potter"-Star Timothy Spall in "Mr. Turner" und Julianne Moore als hysterisch alternde Diva in David Cronenbergs "Maps to the Stars" für jede Menge Gesprächsstoff (und gewannen am Ende verdient die Darstellerpreise). Doch noch wichtiger als gute Filme ist in Cannes das bloße Erzeugen von Aufmerksamkeit. Und weil eh so viele Fotografen und Reporter vor Ort sind, strömen auch immer jede Menge Stars und Sternchen herbei, um genau das zu tun. Lindsay Lohan versuchte sich auf irgendeiner Party mal wieder als DJ, Sophia Loren plauderte vor Publikum über die guten alten Zeiten mit Marcello Mastroianni, und Salma Hayek präsentierte Ausschnitte aus einem von ihr produzierten Animationsfilm.

Als Werbegag für den Film "Expendables 3" fuhr die Besetzung des Films mit einem Panzer vor

Als Werbegag für den Film "Expendables 3" fuhr die Besetzung des Films mit einem Panzer vor

Doch niemand legte einen beeindruckenderen PR-Auftritt hin als das Team der "Expendables 3". Die größtmögliche Ansammlung von in die Jahre gekommenen Actionstars wie Sylvester Stallone, Arnold Schwarzenegger, Harrison Ford, Mel Gibson, Dolph Lundgren oder Wesley Snipes auf Panzern an sich vorbeifahren zu sehen, ist jedenfalls ein Anblick, wie man ihn wohl nur auf der Croisette genießen kann.

Ein Festivalleiter explodiert

Eigentlich sollte sich bei der Vorführung von "Life Itself" alles um Roger Ebert drehen. Zahlreich waren die Filmkritiker in den Dokumentarfilm über ihren vielleicht berühmtesten, letztes Jahr verstorbenen Kollegen geströmt, auch seine Witwe Chaz war gekommen und selbst Festivalleiter Thierry Frémaux erwies Ebert, der sogar mal ein Buch über Cannes geschrieben hatte, die Ehre. Doch statt mit einer rührenden Rede hinterließ Frémaux dann bloß mit einem wütenden Ausraster Eindruck. Weil er - wie stets - mal wieder nur Französisch sprach, obwohl ein Großteil der Anwesenden davon kein Wort verstand, rief jemand aus dem Publikum "English please!". Den 53-jährigen brachte das derart auf die Palme, dass er sich vor versammelter Pressemeute zu zeternd-unsouveränen Schimpftiraden hinreißen ließ und für ein paar Tage "how dare you to 'English please' me?" zu geflügelten Worten werden ließ.

Facebook-Freunde in Fleisch und Blut

Cannes ohne Social Media ist nicht mehr vorstellbar. Wo früher erst nach den abendlichen Gala-Premieren über die Filme berichtet werden durfte, tweetet heute jeder seine erste Kurzkritik schon nach der morgendlichen Pressevorführung in die Welt hinaus. Wenn auf dem roten Teppich ein irrer ukrainischer Ulk-Reporter unter den Rock von US-Schauspielerin America Ferrara schlüpft, sieht man Minuten später die ersten Fotos des Vorfalls auf Facebook. Und manchmal ist das Internet an der Croisette auch noch für ganz anderes gut. Neue Freundschaften etwa, wenn man im Presseraum unter all den eifrig tippenden Kollegen plötzlich jemanden entdeckt, den man bislang nur von Fotos und Texten in der virtuellen Welt kennt. Die ganz wunderbare und smarte Bloggerin und Oscar-Expertin Sasha Stone einfach mal angesprochen zu haben und seither auch in natura mit ihr über Filme zu diskutieren, gehört auf jeden Fall zu den ganz persönlichen Höhepunkten meines Festival-Trips.

Hunde, überall Hunde

Hunde spielen in Cannes jedes Jahr eine große Rolle. Nicht umsonst vergibt eine wechselnde Gruppe Kritiker seit 2001 jährlich auch die Palm Dog, einen Preis für den besten Hundeauftritt im Festivalprogramm (zu den vergangenen Gewinnern gehören Uggie aus "The Artist" und Dug aus "Oben"). Doch in diesem Jahr waren die Vierbeiner auf der Leinwand noch präsenter als sonst. Regie-Legende Jean-Luc Godard filmte für "Adieu au langage" das eigene Haustier. Ein Bostonterrier im Drogenrausch ließ in "Saint Laurent" das Publikum hörbar nach Luft schnappen. Und bei Cronenberg kommt ein putziges Kerlchen leider einem zugekoksten Kinderstar in die Quere.

Bei der Verleihung des Palm Dog sind Herrchen und Frauchen aufgeregter als der Darsteller selbst.

Bei der Verleihung des Palm Dog sind Herrchen und Frauchen aufgeregter als der Darsteller selbst.

Beeindruckendster Hundeauftritt (und verdienter Palm Dog-Gewinner) war aber ohne Frage "White God". In dem ungarischen Film, in dem ein entrechteter Hund auf Rache sinnt, zieht er - in einer der bemerkenswertesten Szenen des gesamten Festivals - irgendwann mit mehreren hundert Artgenossen durch die Straßen wie eine gut organisierte Armee. Dass der "Hauptdarsteller" zur Weltpremiere mit Smoking-Fliege am Halsband erschien, versteht sich von selbst!

Starke Filme jenseits des Wettbwerbs

Tolle Filme gab es im diesjährigen Wettbewerb zu sehen, von "Mommy" und "Mr. Turner" über "Zwei Tage, eine Nacht" mit Marion Cotillard bis hin zu Bennett Millers "Foxcatcher" mit Channing Tatum und Steve Carell. Doch auch in den anderen Reihen des Festivals liefen kleine Meisterwerke und Kinoperlen, die noch lange nachwirken werden. Drei, die unbedingt erwähnt werden müssen: Céline Sciammas "Bande de filles" über ein Mädchen und ihre Freundinnen in den Banlieus von Paris, die schon in Sundance prämierte Schlagzeuger-Geschichte "Whiplash" und der britische Publikumsliebling "Pride", in dem sich in den Achtzigern Schwulenaktivisten mit streikenden Minenarbeitern zusammentun. Drei höchst unterschiedliche, aber je auf ihre Art rund um gelungene Filme, von denen wir noch viel hören werden!

Ryan Gosling beschreitet neue Wege

Vielleicht waren die Erwartungen zu hoch? Oder hatten einfach nach Jahren des "Hey Girl"-Hipstertums alle irgendwann die Nase voll von Ryan Gosling? "Lost River", das in der Reihe Un Certain Regard gezeigte Regiedebüt des Schauspielers, sorgte jedenfalls für mehr Häme und vernichtenden Kritiken als fast alle anderen Filme in Cannes. Was übrigens völlig übertrieben ist, denn auch wenn seine Geschichte ziemlich schlicht und seine Vorbilder allzu offensichtlich sind, stecken darin unglaubliche Bilder aus einem magisch verfallenden Detroit und jede Menge Style. Ganz zu schweigen von "Mad Men"-Star Christina Hendricks in einer Fetisch-Glasbox! Im Interview legte Gosling aber trotz der bisweilen harschen Reaktionen die ihm eigene Gelassenheit an den Tag und freute sich, dass sein Film überhaupt Gesprächsthema sei. Und falls es jemanden interessiert: Er trug dabei Anzug statt Macaulay Culkin-Shirt.

Zurück zur Natur

So manches, was es 2014 in Cannes zu sehen gab, möchte man gerne wieder vergessen. Die vollkommen fehlbesetzte Bérénice Béjo im Tschetschenienkriegsdrama "The Search" zum Beispiel. Oder Atom Egoyans reichlich missglückten Kindesmissbrauchsthriller "Captives" mit Ryan Reynolds und Rosario Dawson. Uneingeschränkt sehenswert waren aber in fast allen Filmen die Naturaufnahmen. Ob die raue Küste mit dem Walskelett in "Leviathan", der ungestüme Taifun in "Still the Water" von Naomi Kawase, die Alpenpanoramen in Olivier Assayas' "Sils Maria" mit Juliette Binoche und Kristen Stewart, der argentinische Dschungel in "El Ardor" oder die eigentümlich ursprüngliche Provinzlandschaft im italienischen Beitrag "Le meraviglie" von Alice Rohrwacher - selbst wenn Regie oder Darsteller manchmal schwächelten, enttäuschte Mutter Natur nie.

Harvey Weinstein beginnt die Oscar-Saison

Mit den schlechten Kritiken für den Eröffnungsfilm "Grace of Monaco", den er in den USA in die Kinos bringt, hielt sich Hollywood-Mogul Harvey Weinstein nicht lange auf. Stattdessen nutzte er das Festival wie jedes Jahr, um exklusiv erste Ausschnitte aus kommenden Produktionen vorzustellen und schon mal ein paar Filme fürs nächste Oscar-Rennen in Position zu bringen. Nach finanziellen Enttäuschungen wie "Im August in Osage County" oder "Vampire Academy" floss in diesem Jahr dabei nur Wein statt Champagner. Aber Naomi Watts schaute persönlich vorbei, um einen Trailer ihrer Komödie "St. Vincent" mit Bill Murray und Melissa McCarthy zu präsentieren. Der sah genauso viel versprechend aus wie die kurzen Eindrücke aus Tim Burtons "Big Eyes" mit Christoph Waltz und Amy Adams, der Kinderbuch-Adaption "Paddington" und vor allem der "Macbeth"-Neuverfilmung mit Michael Fassbender. Bleibt zu hoffen, dass die fertigen Produkte sich am Ende als überzeugender erweisen als bei jenen Filmen, die Weinstein vor genau einem Jahr im Gepäck hatte. Denn damals gab's die ersten Szenen von "Grace of Monaco" zu sehen!

An Conchita Wurst führt kein Weg vorbei

Ganz zu Beginn des diesjährigen Festivals war das zweite große Gesprächsthema neben dem Kino natürlich Conchita Wurst, die ein paar Tage zuvor auf fulminante Weise den Eurovision Songcontest gewonnen hatte. Nicht zuletzt die österreichischen Kollegen schienen hoch erfreut, mal auf jemand anderen als immer nur Michael Haneke angesprochen zu werden. Doch es dauerte nur ein paar Festivaltage bis in Cannes dann doch andere Themen im Vordergrund standen. Zumindest bei einigen. Der Kioskverkäufer, der lauthals mitsang, als "Rise Like a Phoenix" in seinem Radio lief und ich mich gerade mit der täglichen Notration Schokoriegel versorgen wollte, war offensichtlich anderer Meinung. Und kurz darauf verschlug es dann sogar Conchita selbst nach Cannes, wo sie zwischen Heidi Klum und Sharon Stone über den roten Teppich der amFar-Wohltätigkeitsgala stolzierte. Das dürfte einen Großteil der Filmwelt herzlich wenig interessiert haben. Aber zum Gesamtbild von Cannes 2014 gehört auch dieser Moment ohne Frage dazu.

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo