Die holländische Jüdin Rachel soll während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg einen hohen SS-Offizier verführen. Regisseur Paul Verhoeven inszeniert den Stoff als kraftvolles Kriegsdrama mit einem guten Schuss Sex. Von Gerda-Marie Schönfeld

Carice van Houten als Rachel/Ellis und Sebastian Koch als Ludwig Müntze in dem Drama "Black Book" von Paul Verhoeven© NFP/DDP
Beim Thema Holocaust und Widerstand kein Sex. Das ist seit jeher die unabdingbare Geschäftsgrundlage. Wenn das Tabu verletzt wird, gibt es Haue. Insofern war der holländische Regisseur Paul Verhoeven ("Basic Instinct") nicht überrascht, als ihm bei seinem neuen Film "Black Book" Vokabeln wie Lüsternheit, Obszönität und Trash um die Ohren geknallt wurden. Er sei, so die "Frankfurter Rundschau", "ein Weltbürger des schlechten Geschmacks". Dabei, sagt Verhoeven zu stern.de, "war das niemals die Realität dieser Zeit. Es gab innerhalb der Resistance viel Promiskuität. Erst wurde gebombt, dann ging man zu den Mädchen, dann wurde geliebt."
Erstaunlich ist das nicht, wenn man bedenkt, dass der Widerstand gegen jedes diktatorische Regime vor allem von jungen Frauen und jungen Männern getragen wird. Das Fieber jener Jahre hat Verhoeven in "Black Book" perfekt eingefangen. Wir sind in Holland im September 1944 unter deutscher Besatzung: Eine junge holländische Jüdin (Carice van Houten), einst Sängerin in Berlin, muss mit ansehen, wie ihre Familie gemeinsam mit anderen Juden bei einem Fluchtversuch in einem Boot von deutschen Einsatzgruppen niedergemäht wird. Die Leichen werden ins Wasser geworfen, die Habe, Schmuck und Geld, wird von den Deutschen geklaut.
Rachel, die sich durch einen Sprung ins Wasser retten kann, schließt sich dem holländischen Widerstand in Den Haag an und wird mit einer delikaten Aufgabe betraut: Sie soll den hohen deutschen SS-Offizier Müntze (hervorragend: Sebastian Koch) verführen und die Gestapo-Zentrale verwanzen. Beides funktioniert. Für Königin und Vaterland nennt sich Rachel nun Ellis de Vries, färbt sich das Haupthaar arisch blond und, in einer naiv-charmanten Szene, das Schamhaar gleich dazu. "Du bist eine Perfektionistin", sagt der SS-Offizier Müntze, der die Tarnung durchschaut und auf der Stelle der schönen Fremden verfällt.
Hier ahnt man schon, dass Müntze kein glühender Nazi ist, er hätte die Jüdin sonst verraten. Später erfährt man, dass Müntze längst mit dem holländischen Widerstand verhandelt, um noch mehr Blutvergießen zu vermeiden, denn das Ende des Krieges ist absehbar. Ein verführerisch guter Nazi hingegen ist er nicht. Selten ist ein Mann des inneren Widerstands in höchste SS-Positionen geraten. Er ist vielmehr, so Sebastian Koch zu stern.de, "ein Schöngeist, der Briefmarken sammelt und sich nach Holland versetzen lässt, um damit eine gewisse Distanz zu schaffen zum brutalen Zentrum der Macht in Berlin."
Die jüdische Spionin, die inzwischen den SS-Mann Müntze liebt, ahnt derweil, dass es Verräter geben muss in den eigenen Widerstands-Reihen. Denn merkwürdig, immer wird nur Juden, die reich sind, zur Flucht verholfen. Und dann werden genau diese reichen Juden ermordet und ausgeraubt, so dass am Ende der Hauptverräter Koffer voller Gold, Schmuck und Dollars herumliegen hat.