Özgür Yildirims Debütfilm "Chiko" erzählt erbarmungslos und milieugetreu vom Aufstieg und Fall eines Hamburger Vorstadt-Dealers. Die Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu und Denis Moschitto sprechen im stern.de-Interview über Gangsterfilme, ihre Jugend im Problemviertel und Drogenmilieus.

Moritz Bleibtreu als Brownie (l.) und Denis Moschitto als Chiko in Özgür Yildirims Gangsterfilm "Chiko"© Falcom Media/DDP
"Chiko" ist ein klassischer Gangsterfilm, sein Schauplatz das Hamburger Drogenmilieu. Die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines kleinkriminellen Grasdealers zu einem mächtigen Kokshändler bis hin zum blutigen Showdown ist nicht neu. Dafür aber die Personalien: Der deutschtürkische Erfolgsregisseur Fatih Akin gibt damit sein Debüt als Produzent. Regie führte der von ihm entdeckte junge Hamburger Özgür Yildirim, der bislang nur durch Kurzfilme hervorgetreten ist. Die Hauptrolle des skrupellosen türkischen Drogendealers "Chiko" spielt Komödiendarsteller Denis Moschitto. Er und Filmdrogenboss Moritz Bleibtreu sprechen im Interview über Gewalt, Unterschicht, den universellen Wunsch nach Bürgerlichkeit und - klassisches Genrekino.
Moritz Bleibtreu: Vor allem, dass er sich traut etwas zu sein, was in Deutschland immer noch sehr selten vorkommt: klassisches Genrekino. Deutschland ist ein Land, das sich sehr stark über den Autorenfilm definiert. Da geht es immer um Beweggründe: Warum will einer einen Film machen? "Chiko" ist ein Streifen, der sich in erster Linie zum Anspruch gemacht hat zu unterhalten, spannend zu sein, Leute zum Lachen und zum Weinen zu bringen. Das ist selten in Deutschland.
Moritz Bleibtreu: Egal wie kriminell jemand ist: Jeder Mensch auf dieser Erde sehnt sich nach Bürgerlichkeit! Auch alle, die im kriminellen Milieu tätig sind, wollen im tiefsten Herzen ein ganz bürgerliches Leben führen. Sie machen das sowieso nur, weil sie in der bürgerlichen, gesellschaftlichen Hierarchie nicht vorkommen dürfen. Deswegen schaffen sie sich sozusagen eine Sekundärgesellschaft. In der sind die Regeln und Gesetze eigentlich genau dieselben wie im echten Leben - nur vielleicht ein bißchen härter, mit einer anderen Konsequenz.
Denis Moschitto: Ich bin mit amerikanischem Genrekino aufgewachsen und habe Filme wie "Mean Streets", "Scarface", "Der Pate" und die frühen Scorsese-Filme geliebt. Natürlich war es für mich immer reizvoll, so einen Charakter selbst einmal zu spielen. Mit "Chiko" hat es nun geklappt!
Denis Moschitto: Regisseur Özgür Yildirim hat mit seinem Drehbuch sehr gute Vorarbeit geleistet. All das, was mit dem Drogenmilieu zu tun hatte, war darin plastisch beschrieben. Was die Annäherung an den Charakter des "Chiko" angeht: Ich bin selber in einem Problemviertel groß geworden, in einem Kölner Arbeiterviertel. Aber ich habe irgendwie die Kurve gekriegt bzw. bin da nie so wirklich abgerutscht. Die Art und Weise, wie die Leute sprechen, die ganze Haltung, dieses Aufgesetzte und das Machotum, das "Chiko" auszeichnet, das hatte ich alles noch im Ohr.
Moritz Bleibtreu: Es geht mir ähnlich wie Denis. Ich bin in Hamburg-St. Georg groß geworden, was zumindest in den 80ern und frühen 90ern ein arges Problemviertel war: ein Bahnhofsviertel, damals ein klassischer Drogenstrich, eine Heroingegend. Insofern sind mir die Figuren aus diesem Film sehr vertraut. Ich kenne diesen Lifestyle, das musste ich nicht großartig recherchieren.
Moritz Bleibtreu: Die Gewalt ist das Mittel zur Machterhaltung bei diesen Leuten. Das muss man auch zeigen. Ich glaube, was Regisseur Özgür Yildirim mit diesen Szenen versucht hat ist, eine psychologisch nachvollziehbare Gewalt zu filmen. Du könntest natürlich zeigen, wie jemand einen Schuss in den Bauch kriegt, und würdest vielleicht sagen "Aua". Aber wirklich empfinden würdest Du nichts - denn wer ist schon einmal angeschossen worden? Aber jeder hat schon einmal eine Reißzwecke im Fuß gehabt oder eine Nadel im Finger, deswegen ist diese Gewalt auf eine ganz andere Art und Weise nachvollziehbar.
Denis Moschitto: Überhöhung ist natürlich Bestandteil des Filmemachens. Aber ich denke schon, dass es realistisch ist. Wie es ganz konkret aussieht, weiß ich nicht. Aber Gewalt ist nun einmal in diesem Milieu ein Mittel zum Machterhalt, und es wäre unehrlich gewesen, sie aus dem Film zu lassen. Es wäre falsch gewesen, die Kamera wegzuschwenken oder so zu tun, als würde das nicht irgendwie so stattfinden. Gewalt in dem Film muss wehtun, alles andere ist unverantwortlich.