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27. März 2011, 21:45 Uhr

Die Wahrheit steht uns ins Gesicht geschrieben

Wenn der Lügendetektor versagt, gibt es noch einen anderen Weg, eine Lüge zu erkennen: über sogenannte Mikroausdrücke. Die Konstanzer "Tatort"-Kommissare werden nach einem Seminar in forensischer Psychologie geradezu Meister auf diesem Gebiet. Ein echter Fortbildungskrimi. Von Susanne Baller

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Klara Blum (Eva Mattes, vorn) verschafft sich trotz der verwirrenden Signale, die die Richterin (Karin Giegerich) aussendet, Durchblick© Stephanie Schweigert/SWR

Oberlippe, Augenbrauen, Nasenflügel, Mundstellung, das kürzeste Zucken kleinster Muskelgruppen gibt den entscheidenden Hinweis auf eine Lüge. Die Konzentration, die es braucht, Mikroausdrücke wahrzunehmen, also flüchtige Mimik und Gestik, bestimmt die Atmosphäre des "Tatorts" vom Bodensee. In der Ruhe liegt die Kraft, aus der Klara Blum (Eva Mattes) schöpft, um sich nicht "Im Netz der Lügen" zu verstricken. Während Assistentin Beckchen (Justine Hauer) die Welt frisch verliebt durch eine rosa Brille sieht und Perlmann (Sebastian Bezzel) sich ebenso sehr auf Beckchen (ist er plötzlich verliebt in die Kollegin?) wie auf den Fall konzentriert, geht Klara Blum ihren Ermittlungen nach - stets auf der Suche nach Zeichen und Hinweisen.

Durch eine außergewöhnlich starke Besetzung aller Rollen (insbesondere Karin Giegerich gibt eine fantastische Richterin ab) und spannende Einblicke in andere Welten - neben dem intensiven Ausflug in die Psychoanalyse peept der Zuschauer auch in die heimliche Schmuddelwelt der Sado-Maso-Szene - entsteht der Stoff, der einem Sonntagabend vor dem Fernseher den rechten Kick gibt:
• entzückend, wie Perlmann direkt nach dem Seminar in forensischer Psychologie übereifrig sein frisch erworbenes Wissen anwendet und wegen der fehlenden "Beteiligung der Augenringmuskulatur" sofort merkt, dass Beckchens Neuer ein falsches Spiel spielt
• saukomisch, wie er den schmierigen Journalisten später zwingt, Beckchen über seine wahren Motive die Wahrheit zu sagen
• erschreckend, wie ertappt sich die kontrollierte Richterin fühlt, die so stolz darauf ist, "noch nie ein Urteil revidieren zu müssen", wenn Klara Blum ihr erklärt: "Es gibt Kinder, die können ihr Gegenüber perfekt lesen. Das sind Kinder von Drogenabhängigen"
• ekelig, wie der Gerichtspräsident sich daran ergötzt, der "unbeirrbaren" Kollegin "Justine", die ihn in seiner Funktion nur mäßig ernst nimmt, eine Grube zu graben

So gelangt das Unbewusste in die Welt

Bei der Wahl des Themas liegt der Gedanke nahe, dass sich Drehbuchautorin Dorothee Schön von der amerikanischen Fernsehserie "Lie to me" inspirieren ließ. Die Autorin sagt stern.de: "Zu dem Zeitpunkt, als ich das Buch geschrieben habe, Frühjahr 2009, ist die Serie noch gar nicht ausgestrahlt worden. Ich bin vielmehr durch ein Interview in der 'Süddeutschen Zeitung' mit Paul Ekman auf das Thema gestoßen."

Der amerikanische Psychologie-Professor, der das Feld der Mikroausdrücke erforscht hat, dient "Lie to me" als Leitbild und wird in der Figur des Dr. Cal Lightman dargestellt. Dazu erzählt Dorothee Schön noch eine weitere Koinzidenz: "Nachdem Patrick Winczewski bereits als Regisseur für mein Drehbuch feststand, bekam er das Angebot, die Synchronstimme von Dr. Cal Lightman in 'Lie to me' zu werden." Der "Tatort" dürfte von dieser Nähe zur Serie nur profitiert haben.

Einzig eine Sache hinterlässt Fragen: Warum laufen stets Tierfilme, wenn mal ein Fernseher eingeschaltet ist? Sowohl die Richterin als auch der SM-Chat-Partner "Pitbull" blicken immer wieder sehnsüchtig in die Gesichter von Tierkindern. Vielleicht sind es die fehlenden Mikroausdrücke? Die sieben elementaren Gefühle Ekel, Angst, Trauer, Wut, Verachtung, Glück und Überraschung kommen in der Tierwelt so nicht vor. Wenn das auch ein Rätsel bleibt, alles in allem war das eine runde Sache, Konschtanz!

Von Susanne Baller
 
 
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