Im indischen Bombay entstehen jährlich rund 300 Filme. Damit sind die dortigen Studios größter Filmproduzent der Welt - noch vor Hollywood.

In einem Studio in Bombay arbeitet die Schauspielerin Madhuri Dixit an einer typischen Bollywood-Romanze.© Jonathan Torgovnik
Jedes Jahr feiert sich Hollywood bei den Oscars als Nabel der Filmwelt. Und liegt damit klar daneben. Denn gemessen am Produktionsvolumen liegt die tatsächlich größte Filmproduktionsstätte in Indien. Um genau zu sein: In Bombay. Deshalb nennt man sie auch Bollywood. Hier entstehen jährlich zirka 300 neue Streifen, die sich allesamt auf zwei Themen stürzen: die (hochmoralische) Liebe und den Kampf zwischen Gut und Böse. Und jeder Film wird von einem Happy End gekrönt. Bisher hat es kaum einer dieser Filme ins deutsche Kino geschafft. Das liegt daran, dass das Bollywood-Kino für das westliche Auge zunächst gewöhnungsbedürftig ist. Schon die Filmplakate zu diesen Epen erinnern sehr an die traditionsreichen Drei-Groschen-Romane und vermitteln einen Vorgeschmack darauf, was den Zuschauer im Kinosaal erwartet.
Der typische Bollywood-Streifen ist ein fast bis zur Unerträglichkeit in die Länge gezogener Unterhaltungsfilm. Im Schnitt dauern die triefenden Love-Stories etwa drei Stunden. Unverhohlen brutale Gewaltszenen lösen sich mit langen erotisierten Tanzeinlagen und zahlreichen Musical-Elementen ab, in denen die Schauspieler zum Playback "singen". Das ganze findet in höchst aufwändig gestalteten, fast märchenhaften Szenerien statt, und auch an den Kostümen wird nicht gespart.
Dass so viel getanzt wird, hat seinen guten Grund: Leidenschaft und Nacktszenen unterliegen im indischen Kino der Zensur, selbst Küsse sind auf der Leinwand untersagt. Da aber die Liebe zentrales Element des Bollywood-Films ist, stehen die Filmemacher vor der Herausforderung, amouröse Abenteuer zu inszenieren, die den kritischen Blicken der Zensurbehörde standhalten. Dazu eignen sich die zahlreichen Tanzszenen voller unmissverständlicher Bewegungsabläufe. Auch nasse Saris bringen den Zuschauer auf die richtige Fährte - folglich mangelt es im Bollywood-Film nicht an feuchten Quellen, um die aufwändigen Kostüme zu benetzen und die schönen Körper darunter abzuzeichnen. Aber auch Symbole vermitteln die verschiedenen Stufen der Leidenschaft: Das Spektrum reicht von tanzenden Schmetterlingen über summende Bienen bis hin zu brüllenden Tigern. Wer's jetzt noch nicht verstanden hat, der wird es wohl nie begreifen...
Die vergangenen Jahre bescherten dem Bollywood-Film steigende Anerkennung und wachsenden Absatz auf den Märkten im Westen, vor allem in Großbritannien und den USA. Die fast drei Stunden lange Liebesgeschichte "Devdas" (Regie: Sanjay Leela Bhansali) kam 2002 mit einer Sonderauführung bei den Filmfestspielen in Cannes zu Ehren. Auch der herausragende Regisseur Raj Kapoor wurde dort mit einer Retrospektive gewürdigt ("Aag", "Barsaat" und "Awara"). Schon im Jahr zuvor war "Lagaan" (Regie: Ashutosh Gowariker) für den Oscar nominiert worden, eine im Jahr 1893 angesiedelte Geschichte, die den Konflikt zwischen Indern und britischen Kolonialherren zeigt. Auch die Wahl der indischen Schauspielerin (und ehemaligen Miss World) Aishwarya Rai ("Devdas") in die diesjährige achtköpfige Jury in Cannes lässt sich als Verbeugung vor dem indischen Film interpretieren, immerhin steht sie hier neben Größen wie Meg Ryan und Steven Soderbergh.