Kasachstan ist entsetzt über "Borat", Cohens Film, in dem er einen kasachischen Star-Reporter spielt. Nach scharfen Protesten setzt die Regierung auf Gegen-Information: Sie händigt Besuchern ein "kleines Reisehandführer" aus. Von Jan Rosenkranz, Kasachstan

Eine im Nirgendwo der Steppe entstandene Metropolet: Astana, die Hauptstadt von Kasachstan© Hill/LAIF
Womit haben wir das verdient? Eine Frage, die sich dieser Tage so mancher Kasache stellt, und mit einiger Berechtigung auch Ermuchamet Ertysbajew, der kasachische Informationsminister. Seine Behörde ist groß. Genau genommen ist sie riesig, wie alles, was in den vergangenen Jahren in der jungen kasachischen Hauptstadt Astana aus dem kargen Steppenboden gestampft wurde. Das Ministerium nimmt einen kompletten Flügel jenes gewaltigen halbrunden Gebäudekomplexes ein, in der auch die staatliche Gasgesellschaft residiert. Hunderte Mitarbeiter passen dort hinein, alle arbeiten unter anderem daran, die aufstrebende Nation, immerhin so groß wie ganz Westeuropa, nur reicher an Gas und Öl, in freundlichsten Farben zu malen. Doch mächtig, nein, mächtig ist das kasachische Informationsministerium nicht.
Und so scheint Informationsminister Ermuchamet Ertysbajew trotz Riesenapparates ausgerechnet vor einem Komiker kapitulieren zu müssen: Sasha Baron Cohen, der sich anschickt als angeblicher kasachischer Star-Reporter Borat Sagdiyev mit seinen schändlichen Auftritten den Ruf der zentralasiatischen Nation zu ruinieren. Der zudem stets dreist behauptet, sein filmisches Machwerk "Kulturelle Lernung von Amerika um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen" sei vom heimischen Informationsministerium in Auftrag gegeben worden.
"Dieses schändliche Schwein von einem Mann" (so der kasachische Botschafter in London jüngst im "Guardian") wirft sämtliche Bemühungen der vergangenen Jahre, Kasachstan im freundlichen Glanz erstrahlen zu lassen, um Lichtjahre zurück. Nein, man trinkt keinen fermentierten Pferde-Urin in Kasachstan. Und anders als Borat behauptet, werden Homosexuelle hierzulande nicht gehängt, Sinti und Roma nicht gejagt. Und seine Frau schickt der normale Kasache mitnichten auf den Strich. Richtig ist vielmehr das komplette Gegenteil: Kasachstan - gutes Land.
Nachdem der autokratische Präsident Nursultan Nasarbajew das unangenehme Thema "Borat" sogar höchst selbst anlässlich seines letzten Staatsbesuches bei Präsident George W. Bush zur Sprache brachte - und offenkundig auch nichts ausrichten konnte, hat man die Ausweglosigkeit der Lage erkannt: Eine bessere PR als den offiziellen kasachischen Protest konnte Cohen für seinen Film kaum bekommen. "Wir müssen das zwar mit Humor nehmen. Aber wir würden ihn gerne einladen, damit er sieht, dass Frauen auch Auto fahren dürfen, Wein aus Trauben gemacht wird und wir die Juden in Ruhe lassen", verkündete jüngst der kasachsische Außenminister Kassymshomart Tokajew.
Nur mal angenommen, Cohen alias Borat käme tatsächlich nach Kasachstan: Direkt nach der Landung in Astana würde man ihm mit Sicherheit jene kleine blaue Broschüre in die Hand drücken, die derzeit jeder Ausländer erhält, der sich ins kasachische Außenministerium begibt, und die den schönen Titel trägt: "Kasachstan - kurzes Reisehandführer".
Nicht nur der Titel, auch der Inhalt des Heftchens erwecken zwar den Anschein, direkt aus Borats Feder zu stammen, tatsächlich aber ist es höchst offizieller Teil einer groß angelegten Imagekampagne der Regierung, die ganz nebenbei auch Borat widerlegen soll. "Die Republik behauptet sich als demokratischer, weltlicher, rechtlicher und sozialer Staat zu sein", verrät der "kurzes Reisehandführer" auf Seite vier, was der Wahrheit doch erstaunlich nahe kommt. Und weil Ordnung in Kasachstan entgegen anders lautender Schmähungen sehr wohl Priorität genießt, sind Ausländer wie Borat dazu angehalten, "nach Ankunft im Laufe von drei Tagen sich anzumelden, außer Feiertagen und Ausgehtagen" (Seite 5).