Es ist die Geschichte von Reichen und Neureichen, Spießern und Blaustrümpfen, Heiratsschwindlern, Hypochondern und Bankrotteuren, die den jungen Thomas Mann weltberühmt machte. Aus diesem Stoff hat Heinrich Breloer mit einer erstklassigen Besetzung einen neuen Spielfilm gemacht, der an Weihnachten im Fernsehen zu sehen ist. Von Birgit Lahann

Konsulin Bethsy Buddenbrook (Iris Berben) und Konsul Jean Buddenbrook (Armin Mueller-Stahl) beim Tanz des Großbürgertums© Warner Bros. Pictures/Bavaria Film
Heinrich, sagt Gernot Roll zu Breloer, lass uns mal die nächste Szene stellen, die Trauung. Du bist Grünlich, ich bin die Tony. Und da stehen der Regisseur und sein Kameramann zwischen Rosen und Girlanden, und Breloer sagt: Wenn er den Schleier hebt und sie küsst, merkt sie, es ist der falsche Kuss vom falschen Mann. Diesen bitteren Augenblick will ich groß im Bild haben.
Ja, sie sind ein erfolgreiches, preisgekröntes Team, haben schon "Die Manns" gemeinsam gedreht und "Speer und Er". Breloer ist der Kopf und Roll die Seele. Zunächst waren ihre "Buddenbrooks" in den Kinos zu sehen: Sie sind herrliches Hollywood geworden mit großen Gefühlen großbürgerlicher Menschen. Es herrscht dort mehr Sentiment als Mann'sche Ironie. Breloer macht eben aus seinen Buddenbrooks keine Karikaturen wie im alten Film mit Liselotte Pulver und Hansjörg Felmy. Da fällt es schon schwerer, zu verstehen, warum Tony den Grünlich partout nicht heiraten will und dem Permaneder davonläuft.
Aber was für Bilder! Detailbesessene Gemälde rauschen über die Leinwand: Lübeck vor hundertfünfzig Jahren, Kutschen, Segelschiffe, Märkte, Meer und Kornfelder, gelb und saftig, und über allem steht wie ein Menetekel, wie ein Gleichnis zur aktuellen Finanzkrise - der Bankrott. Die Geldgier. Die Spekulation an der Börse. Der Welthandel mit Indien. Der Bonus. Die Luftgeschäfte. Die ungedeckten Wechsel. Da schreiten Herren mit Zylinder in langer Schlange an Getreidesäcken vorbei, als gingen sie zur Heiligen Messe. Das sind unvergessliche Szenen, die Breloer da erdacht hat.
Und was für eine Zeit war das viele Wochen lang am Set. Dabei wurde oft am laufenden Band gedreht. Wie eine Serie. Manchmal bis in die Nacht hinein. Und ich kürze und kürze und schreibe neu, sagt Breloer. Wie schläft er nach täglich achtzehn Stunden Stress? Mit Baldrian. Und weiter geht's. Junge, sagt Roll zum Pagen mit dem Champagner, da kannst du nicht stehen. Du musst dir merken: Wenn's am Hintern heiß wird, stehst du mitten im Licht.
Dann kommen sie, kommen die breite Treppe hoch zur Hochzeit in Frack und Zylinder und Wolken aus Taft und Seide: Johann, Elisabeth, Thomas, Tony und Christian Buddenbrook, Bendix Grünlich, Ida Jungmann, Kesselmayer, die Möllendorpfs ... fast das gesamte Personal aus Thomas Manns Roman, über den sich die Lübecker so schrecklich geärgert haben, weil viele sich wiederzuerkennen glaubten in Bankern, Bankrotteuren, Spießern, Heiratsschwindlern, Blaustrümpfen oder Hypochondern. Und schlaue Buchhändler boten damals beim Kauf auch noch Listen zur Entschlüsselung der Figuren an.
"Buddenbrooks". Was für ein Stoff! Glanz und Untergang einer hanseatischen Kaufmannsfamilie. Bruderzwist, Mesalliancen, Revolution, je, Herr Kunsel, ick segg man bloß: Wi wull nu 'ne Republike … Und als der alte Konsul Buddenbrook sagt, dass sie doch schon eine haben, kommt der berühmte Satz: Denn wull wi noch een! Thomas Mann beschreibt seine Figuren erbarmungslos: den Betrüger Grünlich mit erbsenfarbenen Beinkleidern und goldgelben Favoris, Tony mit dem Hang zu Hoffart und Eitelkeit und dem sicheren Griff zu falschen Männern. Aber nie, niemals würde sie das Wort sagen, das der zweite Gatte, der bayerische Herr Permaneder, ihr nachgebrüllt hat, das Wort, das zur Scheidung führte. Und dann plaudert sie es doch aus: Geh zum Deifi, Saulud'r dreckats! Die verwitwete Konsulin hält bigotte "Jerusalemsabende" ab, und Kaufmann Möllendorpf, dem alles süße Gebäck mit sanfter Gewalt entzogen wurde, mietet sich heimlich ein Zimmer, in dem er so lange Kuchen frisst, bis er entseelt zusammenbricht. Und in der ganzen Stadt, in der Börse, im Klub, in der Bürgerschaft, in allen Kontoren, auf Diners und Bällen wird über diesen tollen Tortentod gelästert und gelacht.
Christian, dem Narren, gibt Thomas Mann zu kurze Nerven, lässt ihn eine leichte Dame vom Tingeltangel heiraten und schickt ihn am Ende des Romans mit Wahnideen in die Nervenheilanstalt. In der hasserfüllten Auseinandersetzung der feindlichen Brüder hatte Thomas Buddenbrook, der Kühle, Selbstgerechte, ihm entgegengebrüllt: Ich bin geworden, wie ich bin, weil ich nicht werden wollte wie du. Nein, es sind nicht Thomas und Heinrich Mann, die sich hier bekriegen, doch die künftigen Kämpfe, die beide Brüder miteinander ausfechten werden, werfen im Roman ihre Schatten voraus.
Und Hanno Buddenbrook, der letzte Spross der Familie, ein kränklicher, sensibler Träumer, zieht ahnungsvoll mit dem Lineal einen Strich unter seinen Namen im Familienbuch. Ich glaubte, sagt er dem aufgebrachten Vater, ich glaubte ... es käme nichts mehr. Und es kommt nichts mehr. Hanno wird an Typhus sterben, und sein Vater, der Senator, krepiert an einem faulen Zahn, fällt einfach so auf der Straße um. Da ist, wie bei einer frühen Globalisierung, die Konkurrenz längst an Buddenbrooks einst so glanzvoller Getreidefirma vorbeigerauscht, hat längst das Stammhaus der Familie weit unter Wert erworben. "Buddenbrooks", das sind 800 Seiten große Erzählkunst. Das Buch, das in Lübeck wie eine Bombe eingeschlagen war, wurde bald ein Bestseller, und Heinrich Mann schrieb über seinen Bruder: Als sein Roman mitsamt dem Erfolg da war, habe ich ihn nie wieder am Leben leiden gesehen.
Lübeck im August. Eine Stadt in Verkleidung. Junge und Alte spielen Volk oder Revoluzzer, hocken ums Rathaus herum, rauchen, reden, trinken Bier. Wer hat den Roman gelesen? Niemand. Man erklärt uns doch, was wir machen müssen, sagt einer. An der Absperrung stehen Neugierige, die auf den alten Konsul warten, auf Armin Mueller-Stahl. Bei seinem Anblick geht für sie Hollywood auf. Dürfen wir ein Foto mit Ihnen machen? Sie dürfen. Auch der Bürgermeister Bernd Saxe möchte ein Foto mit dem Star. Er sagt, die Zeiten haben sich geändert. Heute sind die "Buddenbrooks" für die Stadt ein Segen und ein Exportartikel.
Drehpause. Ein Kaffee in der Mittagssonne. Ein Plausch mit Mueller-Stahl. Wann hat er den Roman zum ersten Mal gelesen? Mit achtzehn, sagt er, als ihm die Mandeln rausgenommen wurden. Da hat er die "Buddenbrooks" gelesen. Sie waren für ihn eine Lustlektüre. Er sah die Figuren vor sich, sah sie überall. Wenn ich auf die Straße ging, sagt er, kam mir Bendix Grünlich entgegen. Ist es ihm schwergefallen, auf Tom Cruise und dessen "Stauffenberg" zu verzichten, der zur selben Zeit gedreht wurde? Also die Rolle des Generaloberst Beck, der nach dem missglückten Attentat vom 20. Juli zum Selbstmord gezwungen wird, den hätte er schon gerne gespielt. Hätte den Amerikanern gerne den guten Deutschen gezeigt, den es neben den guten Amerikanern mit Luftbrücke und Care-Paketen eben auch gegeben hat. Wenn die Amerikaner die Deutschen immer nur als Nazis sehen, sagt Mueller-Stahl, machen sie ihren Sieg über uns doch nur kleiner.
Aber hat er mit seinen Rollen, die er in Hollywood gespielt hat, das Bild vom hässlichen Deutschen nicht längst korrigiert? Ja, das findet er auch. Und er hat sich für Breloer entschieden, weil er schon den Thomas Mann mit ihm gedreht hat und seine Arbeit wirklich schätzt. Aber er hat ihm auch gesagt: Heinrich, mach es bitte modern. Es muss ein heutiger Film sein.
Wird es, sagt Breloer lachend und setzt sich mit seinem Kaffee dazu. Die Buddenbrooks haben nämlich sehr persönlich mit ihm zu tun. Er ist der Sohn eines Mehlgroßhändlers, sollte auch die Firma seines Vaters übernehmen, wollte es auch, wollte wie der gute Sohn Thomas sein, so nach dem Leitspruch des alten Buddenbrook: Sei mit Lust bei den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, dass wir bei Nacht gut schlafen können. Doch dann kamen die 60er Jahre, er studierte Philosophie und Literatur, gab nun eher den Christian Buddenbrook, wurde kein Kaufmann, sondern machte Filme, und Thomas Mann und dessen Sippe begleiteten ihn bis zu diesem Riesenprojekt, diesem Geschäft von einiger Größe, das gut 16 Millionen kostet und damit nach dem "Boot" das gewaltigste Unternehmen ist, das die Bavaria je gestemmt hat.
Augsburg im Oktober. Gedreht wird im Kurhaus Göggingen. Der pompöse Ballsaal flirrt in Gold und Kerzenlicht unter Wolken aus der Nebelmaschine. Ich möchte ein Bild, anmutig wie ein Degas, sagt Breloer. Und los. Eine Tanzlehrerin zählt den Takt, eins - zwei - drei, und sei-en-Sie-doch-bitte-ganz-glück-lich-jetzt! Und grüne, gelbe, graue, blaue, türkis-, champagner-und burgunderfarbene Reifröcke wirbeln mit schwarzen Fräcken übers Parkett, dass Löckchen, Häubchen und Schnecken nur so fliegen. Ach Kinder, sagt Gernot Roll am Monitor, nicht fegen! Wiegen! Ich will den Wiegeschritt sehen.

Der Mann, der Thomas Mann war: Armin Mueller-Stahl kennt ihn gut, den Großschriftsteller, den er in Breloers Dreiteiler "Die Manns" verkörperte© Warner Bros. Pictures/Bavaria Film
Draußen sind schwarze Limousinen vorgefahren. Die Geldgeber. Sie werden erwartet. Einen Kaffee? Ja, gerne. Dann möchten sie sehen, wo ihre Euros abgeblieben sind. Wow! Was für eine Kulisse! Wo ist der Regisseur? Also Glückwunsch, Herr Breloer! Und könnte man vielleicht ein Foto machen? Mit Frau Berben? Und Herrn Mueller-Stahl? Wissen Sie, unsere Frauen ... Und da stehen die Krösusse im Kerzenlicht wie in einer Szene aus Helmut Dietls "Rossini". Auch da war Roll der Kameramann. Auch da hat er dieses wunderbare Licht gemacht. Und einer der Geldgeber sagt im Film: Ich hab ein gutes Gefühl! Das haben diese Herren auch. Ja, ein gutes Gefühl.
Aus Iris Berbens Wohnwagen klingt Tschaikowsky. Störe ich? Nein, sagt sie, kommen Sie rein. Ihr kleines, weißes Hundeknäuel verteidigt seinen Platz und quietscht auf einem Gummihuhn herum. Er ist die Wiedergeburt von Buster Keaton, sagt sie. Er hat seinen Charakter und lacht nie. Heißt er Buster? Nein, Paul. Damals sei das mit Buster noch nicht erkennbar gewesen.
Die "Buddenbrooks" hat sie in der Untertertia gelesen. Lesen müssen. War verordnete Lektüre. Man hat sich so durchgequält. Heute genießt sie Thomas Manns Sprache, die im Film, wie sie sagt, in Bilder umgesetzt werden muss. Ja, es sind die kurzen Sätze, die Stichwörter aus dem Roman, die wie Blitzlichter die Fantasie der Zuschauer in Bewegung setzen müssen. Und natürlich denkt sie auch schon mal: Was hast du eigentlich mit Anfang zwanzig gemacht, als Thomas Mann sich den Nobelpreis erschrieb? Aber er hatte natürlich den Bonus seiner Zeit, sagt sie. War nicht abgelenkt wie wir heute mit Zeitungsfluten, Handys, Fernsehen, Internet. Ist doch ein Geschenk, sollte man denken. Aber will man das wirklich alles so genau wissen? All die Katastrophen? Und schon sind wir bei der Neonazikatastrophe, beim Film über das Leben des Nazijägers Simon Wiesenthal und bei ihren Lesungen mit Johannes Mario Simmel gegen das Vergessen. Ja, der alte Mario, immer großzügig, ruft an, schickt Blumen, und einmal, sagt sie, als ich in Monte Carlo drehte und Geburtstag hatte, kam von ihm eine Torte, die nicht durch meine Hotelzimmertür passte. Und ich hatte eine Flügeltür.
Mittagessen. Allen Schauspielern werden lange Schürzen umgebunden. Dass bloß keine Flecken auf die Kostüme kommen. Die hat Barbara Baum entworfen. Auch eine Preisgekrönte. Sie hat schon Hanna Schygulla eingekleidet, Klaus Maria Brandauer, Jeremy Irons, Meryl Streep, Glenn Close, Burt Lancaster, Julie Christie, und immer noch ist sie mit Feuer dabei. Schwärmt von dem schottischen Ehepaar, das sie für die Buddenbrook-Entwürfe wieder besucht hat. Ach, die beiden, spitz und verschrumpelt, vielleicht 60, vielleicht 70, aber bezaubernd. Und da wühlt sie dann in Stoffen und Bordüren herum. Wie im Rausch, sagt sie.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 50/2008