Wer in Cannes als Journalist einen Film sehen will, muss zeitig da sein. Zumal wenn Steven Soderberghs "Che Guevara"-Film auf dem Programm steht. Dessen etwas theorielastiges 268-Minuten-Epos erhielt trotzdem nur spärlichen Applaus. Dafür zeigt Emir Kusturicas Maradona-Doku einen erfreulich fitten Fußball-Gott. Von Bernd Teichmann

Julia Ormond, Franka Potente, Benicio del Toro und Catalina Sandino Moreno am 22. Mai 2008 beim Fototermin in Cannes© Christophe Karaba, DPA/EPA
Vor ein paar Jahren hatte ein Batteriehersteller mal einen ganz drolligen Einfall, um für die Langlebigkeit seines Produktes zu werben: Da saß ein Maler einsam und verlassen auf einem Brett, neben ihm ein Radio, und bepinselte eine Wand. Langsam fuhr die Kamera zurück und der Zuschauer realisierte, dass der Mann am Rumpf eines Supertankers hing. Dann sagte eine Stimme aus dem Off: "Es gibt Dinge, die dauern ewig", um anschließend die Leistungsdauer der Radiobatterie zu preisen.
Was soll uns nun dieser etwas umständliche Einstieg sagen? Nun, nicht selten beschleicht einen in Cannes das Gefühl, dass genau dieser Slogan in goldenen Lettern über dem heutigen Tag hängt. Angefangen damit, dass man sich eine gute Stunde vor Beginn der nächsten Pressevorführung am Kino anstellen muss, was ja zur Cannes-Folklore gehört wie geföhnte Yorkshire Terrier, schlechte Ernährung und asiatische Kammerspiele, in denen wenig bis nix passiert.
Wie schon vor drei Tagen beim Kollegen Indiana Jones, galt es hingegen auch an diesem Tag, besser 90 Minuten früher vorm Kino zu erscheinen, denn auf dem Programm stand Steven Soderberghs ewig - d.h. viereinhalb Stunden - langer Bio-Schinken über den Revolutionär Ernesto "Che" Guevara, einer der gefühlten Höhepunkte im Wettbewerb dieser Veranstaltung. Den wollten/mussten natürlich alle sehen, woraufhin die Festivalleitung in einer unerwarteten Attacke organisatorischen Geschicks tatsächlich noch parallel eine zweite Pressevorführung auf die Beine stellte. Respekt.
War das Ganze nun den Hype wert? Ein klares Jein, der Applaus fiel am Ende eher spärlich aus. Die beiden Filme "The Argentine" und "Guerilla", eigens für das Festival zum 268-minütigen Epos zusammengeschitten, erzählen einerseits vom Sturz des kubanischen Batista-Regimes durch Castro, Che und ihre Männer, andererseits vom späteren, gescheiterten Versuch, aus den bolivianischen Bergen heraus die große lateinamerikanische Revolution zu starten. Soderbergh, Hollywoods wohl umtriebigster und originellster Filmmacher, sowie seine beiden Produzenten Laura Bickford und Benicio Del Toro, der auch (furios) die Titelrolle spielt, haben ihre Hausaufgaben ohne Zweifel sehr akribisch gemacht.
Zehn Jahre lang tüftelte das Trio an dem Projekt herum, bei dem anfangs Terrence Malick Regie führen sollte. Sprachen mit Überlebenden sämtlicher Lager, sichteten Dokumente, um diesen gigantischen Faktenberg schließlich in ein Drehbuch zu gießen.
Der erste Teil schildert kunstfertig auf drei Zeitebenen das erste schicksalhafte Treffen Guevaras mit Castro, die Vorbereitungen und Umsetzung der Revolution und Ches berühmte Rede 1964 vor den Vereinten Nationen. Das alles ist anspruchsvolles Biografie-Kino, in dem sehr viel Zigarren angesteckt, sich sehr viele Männer sehr viel umarmen und gegenseitig auf den Rücken klopfen und in dem vor allem sehr viel ideologisch theorisiert wird. Man muss kein unpolitischer Mensch sein, um das phasenweise etwas ermüdend zu finden. Ähnlich verhält es sich mit dem zweiten Teil, der 1965 einsetzt, fast ausschließlich im bolivianischen Bergland spielt und bis zur Schmerzgrenze detailiert den zermürbenden und schließlich erfolglosen Kampf der Guerrilleros beschreibt