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21. Mai 2007, 11:00 Uhr

Roman Polanski ergreift die Flucht

In Cannes feierte ein ganz besonderer Film Premiere: Für "Chacun son cinéma" hatten 35 der renommiertesten Regisseure der Welt jeweils einen dreiminütigen Kurzfilm beigesteuert. Auf der Pressekonferenz kam es jedoch zum Eklat. Von Bernd Teichmann

Mit dem falschen Fuß aufgestanden: Roman Polanski verlässt die Pressekonferenz zu dem Film "Chacun Son Cinema", an dem sich 32 Regisseure beteiligt haben© AFP

Der Budenzauber hat noch gar nicht begonnen, da outete sich schon einer als Party-Puper: "Ich hasse Geburtstage", war die Reaktion des Regisseurs Barbet Schroeder auf die Bitte einer Tageszeitung um einen persönlichen Gruß zum Festival-Jubliäum. "Und ich hasse es, wenn sie meinen feiern". Na dann herzlichen Glückwunsch!

Auch sonst schienen an diesem Tag einige mit dem falschen Fuß aufgestanden zu sein. Roman Polanski etwa stapfte zur Verwunderung seiner knapp drei Dutzend Kollegen wutentbrannt aus der Pressekonferenz des Episodenfilms "Chacun son cinéma", zu dem er einen Teil beigesteuert hatte. Zuvor hatte er der versammelten Journaille eine Breitseite verpasst: "Solche armseligen, leeren Fragen zu stellen ist eine Schande. Sie sind nicht mehr daran interessiert, was im Kino passiert."

Ups, was war geschehen? Eigentlich nichts, keine Witze über kleine Männer, oder welcher Teufel ihn geritten hat, in der Filmkunst-unverdächtigen Action-Klamotte "Rush Hour 3" eine Gastrolle zu übernehmen. Die Anliegen der Pressevertreter hatten sich lediglich um die Zukunft des Kinos im digitalen Zeitalter gedreht. Ab und an, okay, etwas holprig formuliert, aber eher harmlos. Vielleicht hatte es ihm nicht gepasst, dass sein kanadischer Kollege Atom Egoyan bei einem kurzen Wortwechsel zum Thema vorher anderer Meinung gewesen war als er. Möglich auch, dass ihm das deprimierende Statement von David Cronenberg nicht in den Kram passte: "Das Kino, wie wir es kennen, ist ein Ding von gestern. Das gibt es schon jetzt nicht mehr."

Die großen Regisseure friedlich vereint

Dabei hatte alles so harmonisch begonnen im Salle Bunuel, wohin die Veranstaltung wegen ihrer Überdimensionalität verlegt worden war. 32 der renommiertesten Kino-Virtuosen der Welt - von Wong Kar Wai bis Jane Campion (bis heute die einzige Frau, die eine Goldene Palme gewann), von Manoel De Oliveira bis zu den Coen-Brüdern, von Wim Wenders bis Theo Angelopoulos - saßen da nebeneinander auf der Bühne wie die Orgelpfeifen. Ein Bild für die Wohnzimmerwand. Sie alle waren der Bitte des Festival-Chefs Gilles Jacob nachgekommen, ihm ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk zu basteln: Dreht mir je einen Drei-Minuten-Kurzfilm zum Thema Kino. Gesagt, getan.

Wie üblich bei diesen sogenannten Omnibusfilmen, fielen die Ergebnisse sowohl ästhetisch als auch qualitativ höchst unterschiedlich aus. Während zum Beispiel der Israeli Amos Gitai sein Häppchen "Le Dibbouk de Haifa" unangemessen politisch auflud und der ägyptische Altmeister Youssef Chahine mit "47 ans après" eine eher unangenehme Selbstbeweihräucherung ablieferte, verhedderten sich andere wie Jane Campion und Atom Egoyan in verkopft-prätentiösen Bonsai-Hommagen.

Doch es gab auch viel zum Schmachten und Schmunzeln. Der Däne Lars von Trier kommentierte in "Occupations" die ewige Kommerz/Kunst-Feindschaft auf seine ihm eigene Weise: Als ihn ein dickhosiger Produzent während einer Vorführung seines Films "Mandalay" zu Tode zu quatschen droht, spaltet er ihm mit einem Hammer kurzerhand den Schädel. Oder Zhang Yimous Beitrag "En regardant le film", der in wunderschönen Bildern aus der Sicht eines kleinen Jungen den Besuch eines mobilen Kinos in seinem Dorf schildert. Unterm Strich ist "Chacun son cinéma" nicht nur eine hübsche Liebeserklärung ans Kino und eine Verbeugung vor Cannes. Er ist zugleich ein unfreiwilliges Spiegelbild des Festivals: Freud und Leid liegen hier immer nah beieinander.

Erstaunliches Debüt von Jan Bonny

Sollte das Festival zu seinem 80. Geburtstag eine ähnliche Aktion veranstalten, könnte unter Umständen auch Jan Bonny zum erlauchten Kreis gehören, wenn er so weitermacht, wie er mit "Gegenüber" angefangen hat. Der 28-jährige Düsseldorfer legt mit seinen in der Nebenreihe Quinzaine des Réalisateurs präsentierten Szenen einer Ehe ein erstaunliches Debüt hin. Im Mittelpunkt steht der Polizist Georg (Matthias Brandt), glücklich verheiratet und der ruhende Pol im Revier. So jedenfalls meinen ihn die Kollegen zu kennen. Doch das Leben mit seiner Frau Anne (Victoria Trauttmansdorff) ist seit Jahren eine ziemlich leidenschaftslose, triste Angelegenheit, was vor allem an Georgs penetranter Kommunikations-Unfähigkeit liegt.

Selbst, wenn ihn seine machtlose, nach Aufmerksamkeit lechzende Gattin verprügelt, um irgendeine Reaktion zu erzeugen, quittiert er das mit dem Reaktionsmuster einer Schildkröte. Bonny inszeniert diese Beziehungshölle mit schleichender Nüchternheit und erstaunlicher Souveränität. "Das ist doch kein Drama", lautet Georgs Standardfloskel in diesem Konfliktsumpf. Bonnys Film hingegen schon. Und zwar ein ziemlich beeindruckendes.

Zwei deutsche Beiträge stehen noch aus

Womit die erste deutsche Duftmarke schon mal gesetzt ist. Zwei weitere Beiträge stehen noch aus: Robert Thalheims "Am Ende kommen Touristen", der im Programm von Un Certain Regard läuft, und Fatih Akins erster Palmen-Anlauf "Auf der anderen Seite." Wir hoffen das Beste. Auch, dass sich unser Freund Roman Polanski wieder etwas beruhigt hat. Wäre doch schade, wenn er sich den Roten Teppich und die nette Geburtstags-Party im öffentlichen Rosengarten "La Roseraie" entgehen lassen würde.

Am besten hält er es wie Valeria Bruni Tedeschi, die auf die Frage eines Journalisten, was denn hier für sie den höchsten Stellenwert habe, antwortete: "Entspannt bleiben". Leicht gesagt, werden sich hingegen die Heerscharen Fotografen denken - im Anflug sind nämlich Angelina Jolie und Brad Pitt.

Noch sechs Tage, der Wahnsinn geht weiter.

Von Bernd Teichmann
 
 
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