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26. Mai 2007, 08:15 Uhr

Wir können auch politisch

Im Strudel von Filmvorstellungen, Pressekonferenzen und Starauflauf verliert man schnell den Kontakt zur realen Welt. Gut, wenn das Kino diesen mit Macht wieder herstellt. Zum Beispiel mit einem herrlichen Zeichentrickfilm aus dem Iran und einer aufwühlenden Litwinenko-Dokumentation. Von Matthias Schmidt

Cannes, Filmfest, Politik, Realität

"Persepolis" verspottet das konservative Mullah-Regime im Iran© Sony Pictures Entertainment

Die umstrittenen Geruchsproben von G8-Gipfelgegnern, die Doping-Geständnisse im Radsport oder die politische Krise in der Ukraine: Die meisten Festivalbesucher haben von all dem garantiert nichts mitbekommen. Während der zwölf tollen Tage entlang der Croisette schrumpft die Welt da draußen auf einen wilden Terminreigen zwischen Hotelzimmern, Kinosälen und Stehempfängen. Hat es wirklich einen Brandanschlag auf das Familienauto des Bild-Chefredakteurs gegeben? Cannes, die Bucht der Ahnungslosen.

Umso erfreulicher, dass kurz vor Abpfiff gleich zwei Filme politischen Staub aufwirbeln und plötzlich auch Politikprofis und Nachrichtensendungen aufgeregt die neuesten Meldungen von der Côte d'Azur verfolgen.

Leichtfüßige Comic-Autobiografie

Film Nr. 1 ist ein Trickfilm, lief schon vor ein paar Tagen und ist inhaltlich eigentlich alter Wein. "Persepolis" basiert nämlich auf der schon seit geraumer Zeit bejubelten, gleichnamigen Comic-Autobiografie von Marjane Satrapi und spielt im Iran. Im Mittelpunkt: die junge Marjane und ihre in Teheran lebende Intellektuellen-Familie. Nach der Islamischen Revolution und dem Sturz des Schahs hofften nicht nur sie auf Demokratisierung, Wohlstand und mehr Freiheit. Hoffnungen, die das ultrakonservative Mullah-Regime mit rigiden Kleidungsvorschriften und antiwestlicher Kulturpropaganda schnell zunichte machte. Marjane flieht eine Weile nach Wien, ver- und entliebt sich, wird obdachlos und kehrt schließlich in ihre Heimat zurück.

Was nach schwermütiger Vergangenheitsbewältigung klingt, wird im Kino wunderbar leichtfüssige Unterhaltung, die die strengen Sittenwächter gnadenlos durch den Kakao zieht und der Lächerlichkeit preisgibt. Angeblich hat die iranische Regierung eine Protestnote wegen der Positionierung des Films im Cannes-Wettbewerb eingereicht. Nur eine Erfindung der Medien, winkt Satrapi in Interviews ab. Dennoch schön, wenn ein einfacher, fast komplett in Schwarz-weiß gehaltener Zeichentrick noch internationale Krisen auslösen kann. "Persepolis" kommt hier auf jeden Fall für einen der Hauptpreise in Frage.

Aufwühlende Hommage an Litwinenko

Ebenfalls nicht besonders glücklich dürfte die russische Regierung über "Rebellion. Der Fall Litwinenko" sein. Der kurzfristig ins Programm gehobene Dokumentarfilm prangert mit teilweise drastischen Bildern von im Tschetschenienkrieg verstümmelten Kindern und Leichen das derzeitige politische Klima in Putin-Land an. Gedacht als Hommage an den Regime-Kritiker Sasha Litwinenko, der in seinem Londoner Exil spektakulär durch eine Prise radioaktiven Poloniums im Tee ermordet wurde, hat der Filmemacher und enge Litwinenko-Freund Andrei Nekrasow noch einmal alle, für ihn eindeutigen Fakten über die terroristischen Machenschaften des russischen Geheimdienstes und seiner politischen Handlanger zusammengetragen.

Seine Recherchen werden während des fast zweistündigen Films extrem subjektiv und betroffen präsentiert, verfehlen aber gerade in der zweiten Hälfte, in der Nekrasov auch einen deutschen Russenmafia-Experten interviewt und einen kurzen Ausschnitt der Talkshow von Sabine Christiansen zeigt, ihre Wirkung nicht. Die klare Botschaft: In Russland gab es immer nur zwei Ideologien: die kommunistische und die kriminelle. Als der Kommunismus scheiterte, konzentrierte man sich eben auf die andere.

Eine Gruppe von Oligarchen und Geheimdienstlern riss die Macht an sich und schreckte selbst vor fingierten Bombenanschlägen nicht zurück, um den brutalen Krieg in Tschetschenien zu legitimieren. Präsident Putin kann eine ganze Liste verbrecherischer Tätigkeiten vorweisen: Von der Verwicklung in Drogengeschäfte über Unterschlagung von öffentlichen Geldern bis hin zu Mordaufträgen. Wer protestiert, demonstriert oder öffentlich kritisiert, wird mundtot gemacht, wenn nötig mit ein paar Kugeln.

Am Ende seines komplexen Films, formuliert Nekrasov mit Hilfe des französischen Philosophen André Glucksmann noch einen Appell. Ähnlich wie bei den Nazis wäre die größte Schuld der europäischen Bevölkerung und ihrer Regierungsvertreter Ignoranz und Indifferenz gegenüber den beängstigenden Entwicklungen in einem Nachbarland. Wo Recht und Freiheit dermaßen mit Füssen getreten werden, muss man aufschreien und politisch eingreifen. Was "Rebellion" wirklich außerhalb der Parallelwelt von Cannes bewegen kann: Vielleicht morgen auch in Ihrer Nachrichtensendung.

Von Matthias Schmidt
 
 
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