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Stern Logo Filmfestival in Cannes

Woody Allen und die Angst vor Netflix

Woody Allen hat Emma Stone mitgebracht. Natalie Portman ihr Regiedebüt. Und alle haben Angst vor Ted Sarandos. Außer Harvey Weinstein.

Von Sophie Albers Ben Chamo, Cannes

Woody Allen ist wieder da - und wie. "Irrational Man" knüpft an den genialen Thriller "Matchpoint" an - hat allerdings mehr Charme. (mit im Bild Emma Stone von hinten und Parker Posey)

Woody Allen ist wieder da - und wie. "Irrational Man" knüpft an den genialen Thriller "Matchpoint" an - hat allerdings mehr Charme. (mit im Bild Emma Stone von hinten und Parker Posey)

Der dritte Tag gehörte Woody Allen, der mit "Irrational Man" seine Fangemeinde beglückte, weil er neben dem üblichen "alter Sack und junges Ding" auch eine ordentliche Packung Moralphilosophie verabreicht. Joaquin Phoenix ist wie immer verstrahlt, Emma Stone wie immer bezaubernd. Und Woody Allen wieder very Woody Allen.

Was Kino ihm bedeute, wurde der Neurosen-Meister auf der Pressekonferenz gefragt: Es gebe keine positive Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, so seine Antwort. Das einzige, was man machen könne, sei sich abzulenken. Das funktioniere besonders gut, wenn man Filme macht. Oder einen Fred-Astaire-Film guckt.

Natürlich wurde Woody Allen auch nach seinem TV-Serien-Projekt für Amazon gefragt, und der 79-Jährige kokettierte mit seiner Unerfahrenheit, was Fernsehen angehe. Er erwarte eine "Enttäuschung kosmischen Ausmaßes".

Apropos TV und : Heute war auch

der Tag der "Netflix-Angst"

: Netflix-Boss Ted Sarandos sprach vor Cannes-Publikum, was zu mittelgroßen Tumulten führte, weil der Saal sofort voll war. Und weil der Streamingdienst-Chef angegriffen wurde. Ob ihm eigentlich klar sei, dass er das "Ökosystem des europäischen Films" zerstöre, wollte ein Journalist wissen. Niemand Geringeres als Hollywood-Schwergewicht Harvey Weinstein, der in der erste Reihe saß, kam Sarandos zu Hilfe: Netflix habe in den USA einen neuen Markt für europäische Filme geschaffen. Und für den europäischen Markt sei der Erfolg des Streamingdienstes ein "Weckruf". "Wir sind nicht gegen Kinos, sondern für Filme", bestärkte Sarandos.

Sogar Jane Fonda hat sich diese "Angst-Veranstaltung" angesehen.

Derweil der Himmel über der Croisette

Heute ein bisschen wolkig - mit kaltem Wind und drohendem Regen am Abend

Heute ein bisschen wolkig - mit kaltem Wind und drohendem Regen am Abend

Derweil im Kino: Nicht nur Joaquin Phoenix hat sich für "Irrational Man" eine Wampe angefuttert, auch Colin Farrell meint, dass zu einem "normalen" Mann eine Plautze gehört. Zu sehen in "The Lobster", eine skurrile Anti-Liebesgeschichte über eine Welt in der Menschen 45 Tage Zeit haben, um DEN richtigen Partner zu finden, sonst werden sie in Tiere verwandelt. Davor halten drakonische Strafen die Suchenden vom Masturbieren und Flirten ab, wenn sie nicht gerade mit Betäubungsgewehren Jagd auf Singles machen. Eine wunderbare Idee mit wirklich abstrus-lustigen Dialogen, aber zu abstrakt, um zwei Stunden durchzuhalten.

Außerdem hat Natalie Portman heute ihr Regiedebüt "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" präsentiert, eine poetisch-liebevolle Umsetzung von Amos Oz' gleichnamigem biografischen Roman, der die Geschichte seiner Familie in Israel zur Zeit der Staatsgründung erzählt. Portman spielt Oz' fragile Mutter.

Und dann wurde noch Gus van Sants "Sea of Trees" ausgebuht, in dem Matthew McConaughey ("Interstellar") nach Japan fährt, um in einem berühmten Selbstmörderwald sein Leben zu beenden, dort jedoch einen anderen Mann trifft, der sich verlaufen hat, und ihm hilft. Vor allem das Ende ist erstaunlich kitschig. Man wird das Gefühl nicht los, dass dieser Film eher für den asiatischen als den westlichen Markt gedacht ist.

Filmszene mit Natalie Portman

Filmszene mit Natalie Portman

Die News des Tages:

- David Kross ("Der Vorleser") wird den legendären Fußballer Bernd "Bert" Trautmann spielen, der von 1949 bis 1964 bei Manchester im Tor stand. "Trautmann" ist der erste englischsprachige Film von "Wer früher stirbt ist länger tot"-Regisseur Marcus Rosenmüller.

- War ja nur eine Frage der Zeit: Eine Kino-Veräppelung von "Fifty Shades of Grey" ist in Arbeit: "50 Shades of Black" geht auf die Kappe von "Scary Movie"-Witzbold Marlon Wayans.

- Was fürs Auge gibt es von Designer Tom Ford, der nach seine Oscar-Erfolg "A Single Man" endlich wieder Kino macht: "Nocturnal Animals" heißt das Drama, in dem Jake Gyllenhaal und Amy Adams die Hauptrollen spielen sollen.

Jake Gyllenhaal ist dieses Jahr Mitglied der Jury

Jake Gyllenhaal ist dieses Jahr Mitglied der Jury

Ein Gesicht in der Menge:

Sara, 23, aus Österreich, lebt sein zwei Jahren in und finanziert sich ihr Sprachenstudium als Hostess auf Großveranstaltungen wie dem Filmfestival

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo