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Stern Logo Filmfestival in Cannes

Langsam nach unten steigern

Die Kategorie B-Movie besitzt den höheren Spaßfaktor. Troma, ein Gigant unter den Trashfilm-Firmen, versucht durch Spontankundgebungen mit Krankenschwester-Schlampen oder Grusel-Staffagen alles, um aufzufallen.

Wenn man gerade mal wieder einen zähflüssigen Wettbewerbsbeitrag hinter sich gebracht, seine Badehose vergessen und keine Lust hat, in der Palais-Cafeteria ein Sechs-Euro-Wellpappe-Sandwich mit einem Vier-Euro-Fünfzig-Cappuccino runterzuspülen, entspannt man sich am besten bei einem kleinen Marktbummel. Über 70 Länder auf ein paar hundert Quadratmetern: Auf dem im Keller und hinteren Teil des Festival-Bunkers untergebrachten Marché du Film schrumpft das weltweite Kinogeschehen zum Mikrokosmos aus Sitzecken, Kämmerchen und Minipavillons zusammen.

Aus einem Stand dröhnt die Tonspur eines drittklassigen US-Horrorschockers, gegenüber blättert eine baltische Blondie gelangweilt in ihrer Zeitung, eine Ecke weiter wird gerade um die Rechte eines singapurischen Dokumentarfilms gedealt. Poster, Flyer, Kataloge, Pressehefte, Postkarten überall -- Sting und Bono würden angesichts dieses Papier-Tsunamis sofort ein Spontan-Sit-In gegen die Abholzung des tropischen Regenwaldes organisieren.

In den letzten Jahren ist der Filmmarkt kontinuierlich gewachsen. Die Zahl der registrierten Teilnehmer ist im Vergleich zu 2004 um acht Prozent auf knapp 6800 gestiegen. Im Angebot sind insgesamt 940 Produktionen, wobei zusätzlich auch noch die Verleihrechte älterer Filme auf dem Programm stehen. Räumlich gesehen sind hier Premium-Produkte und Komplett-Trash nicht weit voneinander entfernt. "The Tiger and the Snow", Roberto Benignis aktuelle Komödie über die US-Irak-Invasion, wird ebenso feilgeboten wie der neue Bruce-Willis-Reißer "16 Blocks" von Richard Donner, das Serien-Killer-Stück "Lonely Hearts" mit John Travolta und James Gandolfini, das Fantasydrama "The Promise" des chinesischen Meisters Chen Kaige oder Brian De Palmas James-Ellroy-Verfilmung "Black Dahlia" mit Josh Hartnett, Scarlett Johansson und Hilary Swank.

In bester Troma-Tradition

Einen weitaus höheren Spaßfaktor besitzen allerdings die Stippvisiten bei den Anbietern jener Werke, die in der Kategorie B-Movie beginnen und sich dann langsam nach unten steigern. Allen voran natürlich Troma, die New Yorker Mutter aller Sondermülldepots. 34 Jahre ist es her, dass Mitbegründer Lloyd Kaufman mit "Sugar Cookies", einer "lesbischen Hommage an Hitchcocks 'Vertigo'" (Kaufman) erstmals an der Croisette zu Gast war. Bis heute rührt der mittlerweile 59-jährige Energie-Kobold höchstpersönlich die Werbetrommel für seine Aldi-Epen, mit Spontankundgebungen vor dem Palais etwa, wo er und seine Angestellten als Krankenschwester-Schlampen, mit Toxic-Avenger-Masken oder sonstigen Grusel-Staffagen alles tun, um aufzufallen.

In bester Troma-Tradition bewirbt auch eine Company namens New Concorde ihren Horror-Thriller "Scorpius Gigantus" um ein genmanipuliertes Monster, das auf einer Armee-Basis sein Unwesen treibt: "35% Skorpion + 30% Kakerlake + 20% Titan + 15% Mensch = 100% Tötungsmaschine!" Amüsant auch der einprägsam-faulgashaltige Slogan zu "Disaster", einer Katastrophenfilm-Verarschung mit Puppen: "In space...no one can hear you fart." Ebenfalls ein Renner: die japanische "erotische Krimi-Groteske" "Blind Beast vs. Killer Dwarf" und "Ripper: Letter from Hell", dessen Besetzung von unserem alten Freund Jürgen Prochnow veredelt wird.

Viel zu viel für viel zu hohe Preise

Ebenfalls zum Verkauf steht auch ein großer Teil der Wettbewerbs-Beiträge, doch nur wenige von ihnen schaffen es erfahrungsgemäß ins Kino. Oder werden aufgrund ihres Hypes viel zu teuer gekauft. Lars von Triers "Dogville" etwa kostete für Deutschland mehrere Millionen Euro und wurde vom Publikum weitgehend ignoriert, was bei einer dreistündigen, theaterartigen Tour de Force ja irgendwie auch zu erwarten war. "Ich habe das Gefühl, dass die Käufer wieder vorsichtiger werden und so die geforderten Preise sinken werden", sagt Jeffrey Chan, Verleih- und Verkaufschef der in Hongkong ansässigen Media Asia. "In den letzten Jahren wurde viel zu viel für viel zu hohe Preise gekauft."

Garantiert auch nur wenig Interessenten dürfte der Wettbewerber "Keuk Jang Joen" des Koreaners Hong Sangsoo finden. Die Meditation über die Wechselwirkung von Kino und dem wahren Leben erzählt von einem Regisseur, der sich im Rahmen einer Retrospektive den Film eines ehemaligen Filmstudien-Kollegen anschaut und feststellt: die Geschichte über einen Selbstmord-gefährdeten jungen Mann, der gemeinsam mit seiner Freundin in den Tod gehen will, ist seine eigene. Er verliebt sich in die Haupdarstellerin, stellt ihr nach, wobei sich das Gesehene und tatsächlich Erlebte zunehmend vermischen. Die im Grunde originelle Idee seines Plots verschenkt Hong bedauerlicherweise mit seiner drögen, völlig phantasielosen Inszenierung, durch die in jeder Einstellung ein "ich habe meinen Godard gelernt" wabert. Wieder mal ein Regisseur, der seine Kreativität im Autorenfilm-theoretischen Treibsand versinken und dem Betrachter viel Zeit zum Nachdenken lässt. Zum Beispiel darüber, das nächste Mal nicht wieder die Badehose zu vergessen.

Bernd Teichmann

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo