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16. Mai 2011, 18:10 Uhr

Die endlosen Schrecken der Kindheit

Der Kinderfilm bekommt beim Festival von Cannes eine völlig neue Bedeutung. Die Geschichten über "die beste Zeit des Lebens" gehen an die Schmerzgrenze und darüber hinaus. Schon nach knapp einer Woche ist es ein Filmfest, das in schmerzhafter Erinnerung bleiben wird. Von Sophie Albers, Cannes

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Ungewohnt böse: Brad Pitt in "The Tree of Life"© Searchlight/EPA/Cannes Filmfestival

Missbraucht, eingesperrt, gequält, verlassen, verraten und verkauft. In der Filmwelt des 64. Festivals von Cannes ist es reine Folter, ein Kind zu sein. Da wirken die riesigen Werbeplakate an der Croisette zu den gleich zwei Neuverfilmungen des Heile-Kindheit-Klassikers "Krieg der Knöpfe" geradezu zynisch. Der Eröffnungsfilm, Woody Allens harmlos nostalgische Paris-Werbung "Midnight in Paris", war definitiv nicht repräsentativ für dieses schwere, das Elend der Welt in immer neuen Verpackungen auf die Leinwand bringende Programm.

Den Anfang machte ein Mädchen, das so abgestumpft sein Leben absitzt, dass es sich unter anderem betäuben und von alten Männern benutzen lässt: "Sleeping Beauty". In "We need to talk about Kevin" gibt Tilda Swinton (wie immer bravourös) die Mutter eines Amokläufers, die ihren von Anfang an ambiguen Gefühlen gegenüber dem Kind Schuld an der Katastrophe gibt. Der französische Film "Polisse" von Ex-Model Maiwenn zeigt den Alltag einer Polizeieinheit im Kampf gegen Kindesmissbrauch. Traumatischer Höhepunkt des bisherigen Wettbewerbs war "Michael", das Debüt des Österreichers Markus Schleinzer, in dem ein Päderast einen Jungen im Keller gefangen hält. Spröde-sachlich zeigt der Film den Horror als Alltag und entreißt das Thema so der schrillen Boulevardisierung, ohne dem Täter irgendwelche Sympathien entgegenzubringen.

Starker deutscher Beitrag

Auch die Cannes-Veteranen Jean-Pierre und Luc Dardenne haben ein Kind zum Antihelden gemacht. Ihr neues Werk "Le gamin au vélo" (Der Junge auf dem Fahrrad) erzählt von einem energischen Jungen, der seinen Vater sucht, der ihn in ein Heim gegeben hat, um ein neues Leben zu beginnen. Der abgeschobene Sohn findet schließlich einen Familienersatz in der gütigen Friseurin Samantha (Cécile de France). Zumindest ein Film mit hoffnungsvollem Ende.

Der einzige deutsche Beitrag im offiziellen Programm muss ohne ein solches auskommen. Andreas Dresens "Halt auf freier Strecke" (nicht im Rennen um die Goldene Palme) berichtet schnörkellos vom Sterben. Einen Familienvater trifft die Diagnose bösartiger Hirntumor. Der Kranke, seine Frau und zwei Kinder haben plötzlich den Tod im Haus - und müssen mit dem, was die Gesellschaft am liebsten ignoriert, fertig werden. "Wolke 9"-Regisseur Dresen legt mal wieder emotionale Kerne frei. Nach diesem Film die Sonne und das Meer zu sehen, fühlte sich nicht richtig an.

Nächster Blick ins Dunkel wird unter anderem Lars von Triers "schöner Film über das Ende der Welt" sein. "Melancholia" wird bereits im Vorfeld als möglicher Skandalfilm des Festivals gehandelt.

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Keith Allen, Regisseur des umstrittenen Lady-Di-Films "Unlawful Killing"© Ian Gavan/Getty Images

Nicht enden wollende Fragen zum Tod von Lady Diana

Ein Film, der gern ein Skandal gewesen wäre, aber an sich selbst scheitert, ist "Unlawful Killing", der im Markt des Festivals gezeigt wurde. Keith Allen, Regisseur, Komiker und Vater von Popsternchen Lily Allen hat aus den unbeantworteten Fragen um den Tod von Lady Diana und Dodi al Fayed einen Dokumentarfilm gemacht, der allerdings ob seiner Machart und Ungenauigkeiten immer wieder unfreiwillig komisch wird. Immerhin, die in der britischen Presse mit Gezeter erwarteten Fotos der toten Diana gibt es nicht zu sehen. Es ist genau ein Bild, das bereits im Netz kursierte und das im Kontext völlig untergeht.

Größter Fehler des Films ist der Regisseur, wie sich auf der Pressekonferenz herausstellt. Der kommt so selbstherrlich und kritikunfähig rüber, dass ein amerikanischer Kollege den schönen Vergleich zu "Mel Gibson mit seinen Verschwörungstheorien" zieht. Vor allem aber sorgte für Kritik, dass der Film von Dodi al Fayeds Vater Mohamed finanziert wurde, der seit dem tödlichen Unfall in Paris einen Prozesskrieg gegen das britische Königshaus führt. Das wird im Film nicht klar. Dafür hatte der Unternehmer "Sprecher" geschickt, die im Konferenzraum dynamisch auf- und abliefen und sich einschalteten, wenn etwas aus dem Ruder lief. Das erinnerte, gelinde gesagt, an Scientology-Praxis.

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Bisher strahlendste Erscheinung des Festivals: Penélope Cruz© Guillaume Horcajuelo

Zu den schönsten Sichtungen auf dem Festival gehörte bisher Penélope Cruz, die als Neuzugang in der "Pirates of the Carribean"-Reihe zusammen mit Johnny Depp den vierten Teil "Fremde Gezeiten" präsentierte, und strahlte, strahlte, strahlte. Da konnte der Film kaum mithalten - und auch nicht die mittlerweile erschreckend dürre Angelina Jolie, die zusammen mit Brad Pitt samt sechs Kindern an die Côte d'Azur gekommen ist. Pitt ist mit Terry Malicks "The Tree of Life" im Wettbewerb vertreten. Jolie ist im festivalfernen "Kung Fu Panda 2" zu hören. Man nutzte den schillernden Rahmen für eine Pressekonferenz.

Das enttäuschende Meisterwerk

Auch der seit Jahren sehnlichst erwartete "Tree of Life" verweigert der Kindheit das Paradies. In zuweilen bis zum Anschlag verschwurbelten, wenn auch schönen Bildern zeigt das Regie-Mysterium Malick ("Thin Red Line") das Heranwachsen dreier Jungs. Pitt ist der brutale Vater (in der Filmmetaphorik die Natur), Jessica Chastain die feengleiche, liebevolle Mutter (=Gnade). Die Familie und ihre Fragen nach Gott, Liebe, Tod und dem Sinn des Lebens spiegeln sich in der Evolutionsgeschichte. Immerhin: Wer hätte gedacht, dass es jemals einen Film geben würde, in dem Brad Pitt und Dinosaurier vorkommen.

Ihn habe vor allem die Geschichte des heranwachsenden Jungen interessiert, sagte Pitt (mit zurückgegelten Haaren, weißem Anzug und Goldkettchen) auf der Pressekonferenz. "Dass du geschliffen wirst von den Einflüssen um dich herum." Bleibt zu hoffen, dass die schreckliche Kindheit in Cannes bald ein Ende findet.

Mitarbeit: Matthias Schmidt

Von Sophie Albers, Cannes
 
 
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