Hitler-Attentäter Stauffenberg strahlt im Hollywoodfilm "Operation Walküre" mit Tom Cruise so hell wie nie zuvor. Doch unter der Oberfläche verbirgt sich eine viel spannendere Geschichte: die eines Helden mit dunklen Seiten. Er war ein mutiger Mann - aber er war ganz anders, als die Nachwelt ihn sehen will. Von Stefan Schmitz

Der Attentäter und sein Wiedergänger: Stauffenberg und sein Darsteller Tom Cruise sehen sich erstaunlich ähnlich. Der Film "Operation Walküre" kommt am 22. Januar in die deutschen Kinos© Frank Connor/Studio Babelsberg/DDP
Claus Schenk Graf von Stauffenberg steht in einem Kübelwagen der Wehrmacht und muss mit ansehen, wie seine Männer von feindlichen Jagdbombern zusammengeschossen werden. Es ist der 7. April 1943, mitten in der tunesischen Wüste, unterhalb des Chabita-Khetati-Passes. Munition explodiert, brennende Fahrzeuge dienen den Piloten als Zielmarkierungen. "Wir müssen Glück haben, wenn wir heute hier rauskommen", hatte Oberleutnant Wilhelm Reile schon am Morgen geahnt. Der geplante Rückzug endet in einem Inferno, Stauffenberg wird schwer verwundet. Er liegt im Sand. Blut rinnt aus seinem linken Auge. Die Ärzte werden es ebenso wenig retten können wie seine rechte Hand. Auch zwei Finger der linken wird er verlieren.
Aber stoppen kann ihn nichts. Stauffenberg, gerade zum Oberstleutnant befördert, will Hitler töten. Er muss es tun. Tom Cruise, der ihn in der Hollywoodfassung dieser unglaublichen Geschichte spielt, teilt dem Zuschauer gleich am Anfang mit, warum es keinen anderen Weg gibt: Da hockt er in einem staubigen Zelt in Nordafrika und notiert in seiner Kladde die Verbrechen des Diktators. Hitler ist nicht nur der Feind der Welt, sondern auch der Feind Deutschlands. Der Patriot Stauffenberg muss handeln.
So einfach ist das, wenn der Star aus "Mission Impossible", nämlich Cruise, und der Regisseur von "X-Men", Bryan Singer, sich den deutschen Widerstand und das missglückte Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 vornehmen. Nach vielen aufgeregten Debatten kommt das Heldenepos "Operation Walküre" am 22. Januar in die deutschen Kinos. Und erstmals in einem großen US-Spielfilm stecken in den Wehrmachtsuniformen nicht nur die Schurken, sondern auch die Guten. "Dieser Film wird das Bild von Deutschland in der Welt auf Jahrzehnte prägen", schwärmte Frank Schirrmacher, Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", schon vor vielen Monaten. Gesehen hatte den Film da noch niemand. Zu ahnen war trotzdem, dass vom historischen Stauffenberg nicht viel bleiben wird. So ist es gekommen.
Dabei scheint der schwäbische Adlige auf den ersten Blick wie für Hollywood geschaffen. Die Nazis haben Standbilder nach seinem scharf geschnittenen Gesicht modellieren lassen, als er noch als einer der Ihren galt. Im Profil sieht er aus wie Tom Cruise. Der deutsche Held und der amerikanische Star sollen nun voneinander profitieren. Cruise braucht einen Erfolg, um seinen Status als Regenmacher der US-Unterhaltungsindustrie zurückzugewinnen. Stauffenberg sorgte sich noch in den letzten Tagen vor dem Attentat um den Nachruhm und fürchtete: "Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muss sich bewusst sein, dass er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird."
Er hat sich geirrt. Denn je länger die Tat zurückliegt, desto größer scheint sein Ruhm zu werden. "Operation Walküre" könnte ihn endgültig in die Sphären der von ihm vergötterten Gestalten aus germanischer Mythologie und preußischer Militärgeschichte heben.
Ohne Frage sind Stauffenberg und seine Mitverschwörer Helden. Noch in der Nacht zum 21. Juli 1944 sterben der Attentäter und drei weitere Männer im Hof des Berliner Bendlerblocks, erschossen von Hitlers Soldaten. Sie geben ihr Leben, um das Reich und die "deutsche Ehre" zu retten, aber auch, um das Sterben in Krieg und Konzentrationslagern zu stoppen.
Hunderte Hitler-Gegner fallen in den kommenden Monaten der Rache der Nazis zum Opfer. Ganz unterschiedliche Männer und Frauen sind darunter. Einig seien sich die Widerständler nur in der Ablehnung des Nationalsozialismus gewesen, stellt die Gestapo in ihren Berichten fest. Die Bewegung führt schlesische Gutsherren und Sozialdemokraten, adlige Offiziere und engagierte Christen zusammen. Seit mehr als einem halben Jahrhundert werden der Attentäter und seine Unterstüzer pünktlich zum Jahrestag gefeiert - mal als Repräsentanten des anderen, des anständigen Deutschlands, mal als Wegbereiter der Freiheit, mal als Hausheilige der Republik. In den Nachkriegsjahren und in der DDR gab es auch kritische Töne; aber letztlich haben sich Stauffenberg und Co. als vielseitig verwendbare Identifikationsfiguren durchgesetzt.
Die Festredner lesen aus den historischen Figuren heraus, was gerade passt. Das reicht vom Nazi-Marinerichter Hans Filbinger, der 1974 über die Widerständler sagte, sie wären gewiss die Letzten gewesen, die "der Härte der Pflichterfüllung, wie sie an der Front geübt wurde", die Achtung versagen würden. Und es geht bis zum promovierten Historiker Helmut Kohl, der 1994 die "Gemeinsamkeit der Demokraten" als Erbe des 20. Juli vereinnahmte. Gerade weil die Geschichte so verworren ist, lässt sie sich ganz nach dem Geschmack von Redner und Publikum servieren. Das Attentat für einen 95-Millionen-Dollar-Film zu verwursten, der auch in Kansas und Arkansas bestehen muss, ist da nur konsequent.
Dabei macht es bei genauerem Hinsehen Mühe, einzelne Angehörige der Militäropposition "als strahlende Helden zu verehren", wie der Historiker Gerd Ueberschär feststellt. Die Verschwörer selbst wussten, dass sie sich in den Jahren der Naziherrschaft schuldig gemacht hatten; sie sahen sich weit realistischer, als es später die westlichen Wirtschaftswunderdeutschen taten, deren Sehnsucht nach positiven Traditionen so riesengroß war. Adam von Trott zu Solz, der eine Art Außenminister der Widerständler war, erkannte schon 1942: "Jede Selbstgerechtigkeit liegt uns fern, und wir sind durchaus bereit, unserem eigenen Anteil an Verantwortung und Schuld ins Auge zu sehen."
Die Männer des 20. Juli taten, was dem Film-Stauffenberg nicht gestattet wird: Sie veränderten sich, sie erkannten eigene Fehler und rückten ab von Werten, die viele von ihnen geprägt hatten. Vom Gehorsam vor allem, vom Einstehen für das Regime unter allen Bedingungen. Für die Mehrheit dieser sehr unterschiedlichen Männer war es ein weiter Weg - und als sie endlich losschlugen und für ein paar Stunden am 20. Juli die Chance hatten, vielleicht doch den Nazis die Macht zu entreißen, da zitterten den sonst so unerschrockenen Kriegern die Hände. Da zeigte sich, dass preußische Offiziere vielleicht etwas von Kavallerie verstehen, aber im Putschen jedem südamerikanischen Leutnant unterlegen sind. Joachim Fest, der große Hitler-Biograf und Zeitgeschichtsforscher, hielt ihnen vor, dass sie im entscheidenden Moment davor zurückschreckten, auf die zu schießen, die die gleiche Uniform wie sie selbst trugen. "Ein Staatsstreich, der nicht aufs Äußerste geht", schreibt Fest, "ist nicht ein Staatsstreich, sondern das Geständnis der Bereitschaft zum Selbstopfer."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 02/2009
Ist er nervös vor der Deutschland-Premiere? Natürlich. Der amerikanische Regisseur Bryan Singer über Entstehung und Tücken des brisantesten Filmprojektes seiner Karriere. mehr...