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"Wenn jemand Bomben wirft, halte ich keine Blümchen hoch"

Von Ideologien hält er gar nichts. Also drehte Clint Eastwood gleich zwei Filme über eine der größten Schlachten des Zweiten Weltkrieges. Einen aus amerikanischer und einen aus japanischer Sicht. Der stern sprach mit ihm über Antikriegsbotschaften, redselige Regisseure und die Ehe als Jungbrunnen.

Der Mann an der Tür fragt: "Ist schon auf?"

Clint Eastwood schüttelt den Kopf. "Erst um vier", sagt er freundlich. Er sitzt an einem Fenstertisch des leeren Restaurants in seiner "Mission Ranch", einer Hotelanlage im kalifornischen Küstenstädtchen Carmel. Eine Windjacke in Rentner-Beige hat er an, beigefarbener Pullover, Khakis an den langen Beinen. Die grauen Haare stehen vom Kopf, es ist ein stürmischer Januartag am Pazifik. Die Haut in seinem scharf geschnittenen Gesicht ist schlaffer geworden, am Hals rinnen Hunderte kleiner Falten in den Kragen seines Polohemds, aber ein Blick aus den schmalen blauen Augen genügt - kein Zweifel, er ist's, Dirty Harry. "Jetzt ist geschlossen", sagt Clint Eastwood sanft. "Ach!", ruft der Tourist beglückt. Und dann: "Danke!" Und: "Danke, Sir!" Und: "Auf Wiedersehen, Mr. Eastwood, Sir!"

Als er vor rund fünfzig Jahren in der Nähe von Carmel stationiert war, erzählt Eastwood - es war die Zeit des Koreakriegs -, kam er abends immer mit seinen Kameraden in genau diese Bar. Wenn ich einmal Geld habe, sprach der Gefreite damals nach dem zweiten oder dritten Bier, dann komme ich hierher zurück. Hier will ich leben! Drei Milliarden Dollar später - so viel haben seine Filme weltweit bis heute eingespielt - hat Eastwood in Carmel nicht nur einige seiner sieben Kinder (von fünf Frauen) großgezogen, er war auch Ende der Achtziger zwei Jahre Bürgermeister seines Traumstädtchens.

Seinen gemütlichen Alltag mit morgendlichem Golfspiel und "viel Familienkram" - wie die jüngste Tochter Morgan, 10, zur Schule zu bringen oder deren dickes Kaninchen zum Tierarzt - unterbricht der 76-Jährige gelegentlich, um preisgekrönte Filme zu drehen. In einem Bungalow der "Mission Ranch" hat er einen Schneideraum eingerichtet und dort die beiden Kriegsdramen "Flags of Our Fathers" und "Letters from Iwo Jima" fertiggestellt; Ersteres kommt jetzt, der zweite Film im Februar in die deutschen Kinos. Beide thematisieren die legendäre Schlacht um die Insel Iwo Jima im Zweiten Weltkrieg, der eine aus amerikanischer, der andere aus japanischer Sicht.

Mr. Eastwood, wie gut ist Ihr Japanisch?

Praktisch nicht vorhanden.

Fühlt man sich da nicht ein bisschen komisch als Regisseur eines japanischen Films?

Wir hatten gute Dolmetscher. Das war wie früher, als ich in Spanien gedreht habe, mit einem italienischen Regisseur, da habe ich auch kein Wort verstanden.

Zwischen "Für eine Handvoll Dollar" von Sergio Leone und Ihrem jüngsten Film, "Letters from Iwo Jima", liegen Welten. Was fanden Sie an dieser Weltkriegsschlacht um eine obskure japanische Pazifikinsel so spannend?

Ich habe das Buch gelesen, das der Sohn eines damals beteiligten US-Soldaten geschrieben hat. Ich wollte die Filmrechte kaufen, aber Steven Spielberg war mir zuvorgekommen. Als wir uns auf einem Empfang trafen, sagte er zu mir: "Clint, hast du nicht Lust, "Flags of Our Fathers" zu drehen? Ich bin mit diesen Weltkriegsgeschichten irgendwie durch." Mich interessierte der Stoff sehr, schon weil ich so wenig darüber wusste. Und je mehr ich über Iwo Jima und die Strategien der Amerikaner und Japaner lernte, desto häufiger fragte ich mich: Wie haben eigentlich die anderen diese Schlacht erlebt? Unsere Feinde? Als "Flags of Our Fathers" abgedreht war, sagte ich zu Spielberg: Ich glaube, ich fahre jetzt mal nach Japan und schaue mir die andere Seite an.

Wie hat er reagiert?

Die Augen verdreht. Ich hatte inzwischen alles über den japanischen General gelesen, der die Insel verteidigen sollte. Es war nicht viel. Japan hat diese Episode seiner Geschichte totgeschwiegen. Von General Kuribayashi sind aber Briefe an seine Familie erhalten geblieben: Darin ermahnt er seine Kinder, in der Schule besser aufzupassen, und entschuldigt sich bei seiner Frau, dass er vor der Abreise nicht das Gartentor repariert hat. Rührend normale Dinge, mit denen ich als Familienvater mich sofort identifizieren konnte und die zeigen, dass Japaner und Amerikaner sich durch ihre Uniform, nicht aber in ihrem Inneren unterschieden.

Ihre Antikriegsbotschaft, schrieb die "Los Angeles Times", sei überraschend für einen "Mann, dessen konservatives Image nicht gerade Nähe zu Michael Moore und Konsorten vermuten lässt".

Bringen Sie mich nicht in die Nähe von Michael Moore! Ich meine, ich kenne den Mann nicht persönlich, nur seine Kommentare, aber nichts, was er sagt, hat je die Ansichten seiner Zuhörer geändert. Richtig ist: Beides sind Antikriegsfilme.

Sie haben sich gewandelt von "Dirty Harry", dem einst Faschismus vorgeworfen wurde, zum Friedensbotschafter?

Es ist ja keine schlechte Botschaft, oder? Ich bin kein Prediger, ich bin auch keiner, der, wenn jemand eine Handvoll Bomben wirft, Gänseblümchen hochhält und vom Frieden träumt. Ich bin Pragmatiker. Die meisten Konflikte lassen sich ohne Waffen lösen. Und wenn man sich doch auf einen Krieg einlässt, dann nur, wenn man lange, lange darüber nachgedacht und sich extrem gut vorbereitet hat.

Sie sprechen jetzt vom Irak?

Was zur Hölle machen wir dort bloß? Ich war nie für diesen Krieg. Wieder aus ganz pragmatischen Gründen: Ich sah keinen Anlass dafür. Ja, ja, die Massenvernichtungswaffen: Selbst wenn sie existierten, hätten wir einen anderen Weg finden müssen, an sie heranzukommen. Es ist eine Sache, einzugreifen, wenn ein Irrer mit Atombomben droht. Aber eine ganz andere zu versuchen, die Welt von Diktatoren zu befreien. Ich glaube nicht, dass das die Aufgabe der Vereinigten Staaten ist. Wir werden dabei verbluten.

Ihr Präsident möchte der Welt ein großes Geschenk machen: Demokratie.

Das ist ein bisschen naiv. Demokratie ist nicht für jedermann geeignet. Sie funktioniert wunderbar für uns und viele andere Länder, aber man kann nicht erwarten, dass die Menschen im Irak ein paar tausend Jahre überspringen. Ich sage immer, am besten wäre es, Saddam hätte als Nachfolger einen mildtätigen Diktator gehabt, nicht ganz so verrückt und brutal wie er selbst.

Der Ex-Vorsitzende des Verbandes der Filmindustrie, Jack Valenti, führte das schwache US-Einspielergebnis von "Flags of Our Fathers" auf die mangelnde Bereitschaft junger Amerikaner zurück, für ihr Land in den Krieg zu ziehen.

Ach, es ist einfach eine andere Generation als die, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat. Materialistischer. Die Ich-Generation. Sie dürfen nicht vergessen, dass nach Pearl Harbor unser Land von einer kollektiven Paranoia erfasst wurde. Wir wohnten damals hier in Kalifornien, und ich weiß noch, wie alle Fenster schwarz angestrichen wurden aus Angst vor U-Boot-Angriffen der Japaner. Die Soldaten damals, nicht zu Unrecht genannt "The Greatest Generation", haben ihr Vaterland verteidigt, das ist etwas ganz anderes als heute.

Der letzte "gute" Krieg?

Wenn es so etwas wie einen guten Krieg überhaupt gibt. Mir geht es gar nicht um mein Leben. Mir geht es um das meiner Kinder. Ich will, dass sie im Frieden aufwachsen. Man muss Idealist sein.

Wenn Sie Filme drehen, kommt es vor, dass junge Schauspieler Sie anhimmeln?

Sie lassen es sich zumindest nicht anmerken. Und eigentlich ist an mir nichts zum Anhimmeln.

Sind Sie ein Feldherr am Set?

Nein, ich versuche, es für uns alle so nett wie möglich zu machen. Ich bin doch selber Schauspieler, ich weiß, dass wir nur geliebt werden wollen. Ich kenne Regie-Kollegen, die meinen, wenn sie viel reden, wirkten sie, als wüssten sie auch viel. Das verunsichert Schauspieler aber. Ich quatsche daher möglichst wenig.

Sie geben sich oft selbst die Hauptrolle. Arbeiten Sie gern mit Clint Eastwood?

Mit mir kann man ganz gut auskommen. Ich bin seit 35 Jahren Regisseur und seit mehr als 50 Jahren Schauspieler, ich weiß allmählich, worauf es ankommt.

Gibt es Tage, an denen Sie denken: Verdammt, so alt?

Hängt davon ab, wie viel Schnaps ich getrunken habe ... Nein, im Ernst: Ich kann vielleicht nicht mehr so rennen wie früher. Aber ich bin immer noch schnell.

Wären Sie gern jünger?

Wie mein Freund Harry, der mit 90 immer sagte: Ach, noch mal 80 sein ... Ich bin noch nicht an dem Punkt, wo ich mich nach besseren Zeiten zurücksehne. Ich kenne keine besseren als diese.

Sie sind seit bald elf Jahren in zweiter Ehe mit einer 35 Jahre jüngeren Frau verheiratet. Hält das jung?

Dina hält mich auf Trab, wenn Sie das meinen. Aber ich denke wirklich nicht über mein Alter nach. Ein Freund und ich haben einmal einen Mann getroffen, der gut zwanzig Jahre jünger war als ich, aber in echt schlechter Verfassung. Mein Freund sagte: Weißt du, was sein Problem ist? Er hat dem alten Mann aufgemacht. Und das ist etwas, was ich noch nicht getan habe: Ich lasse den alten Mann nicht rein.

Interview: Christine Kruttschnitt/print

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