"Wenn jemand Bomben wirft, halte ich keine Blümchen hoch"

28. Januar 2007, 10:38 Uhr

Von Ideologien hält er gar nichts. Also drehte Clint Eastwood gleich zwei Filme über eine der größten Schlachten des Zweiten Weltkrieges. Einen aus amerikanischer und einen aus japanischer Sicht. Der stern sprach mit ihm über Antikriegsbotschaften, redselige Regisseure und die Ehe als Jungbrunnen.

"Über mein Alter denke ich wirklich nicht nach": Clint Eastwood, 76©

Der Mann an der Tür fragt: "Ist schon auf?"

Clint Eastwood schüttelt den Kopf. "Erst um vier", sagt er freundlich. Er sitzt an einem Fenstertisch des leeren Restaurants in seiner "Mission Ranch", einer Hotelanlage im kalifornischen Küstenstädtchen Carmel. Eine Windjacke in Rentner-Beige hat er an, beigefarbener Pullover, Khakis an den langen Beinen. Die grauen Haare stehen vom Kopf, es ist ein stürmischer Januartag am Pazifik. Die Haut in seinem scharf geschnittenen Gesicht ist schlaffer geworden, am Hals rinnen Hunderte kleiner Falten in den Kragen seines Polohemds, aber ein Blick aus den schmalen blauen Augen genügt - kein Zweifel, er ist's, Dirty Harry. "Jetzt ist geschlossen", sagt Clint Eastwood sanft. "Ach!", ruft der Tourist beglückt. Und dann: "Danke!" Und: "Danke, Sir!" Und: "Auf Wiedersehen, Mr. Eastwood, Sir!"

Als er vor rund fünfzig Jahren in der Nähe von Carmel stationiert war, erzählt Eastwood - es war die Zeit des Koreakriegs -, kam er abends immer mit seinen Kameraden in genau diese Bar. Wenn ich einmal Geld habe, sprach der Gefreite damals nach dem zweiten oder dritten Bier, dann komme ich hierher zurück. Hier will ich leben! Drei Milliarden Dollar später - so viel haben seine Filme weltweit bis heute eingespielt - hat Eastwood in Carmel nicht nur einige seiner sieben Kinder (von fünf Frauen) großgezogen, er war auch Ende der Achtziger zwei Jahre Bürgermeister seines Traumstädtchens.

Seinen gemütlichen Alltag mit morgendlichem Golfspiel und "viel Familienkram" - wie die jüngste Tochter Morgan, 10, zur Schule zu bringen oder deren dickes Kaninchen zum Tierarzt - unterbricht der 76-Jährige gelegentlich, um preisgekrönte Filme zu drehen. In einem Bungalow der "Mission Ranch" hat er einen Schneideraum eingerichtet und dort die beiden Kriegsdramen "Flags of Our Fathers" und "Letters from Iwo Jima" fertiggestellt; Ersteres kommt jetzt, der zweite Film im Februar in die deutschen Kinos. Beide thematisieren die legendäre Schlacht um die Insel Iwo Jima im Zweiten Weltkrieg, der eine aus amerikanischer, der andere aus japanischer Sicht.

Mr. Eastwood, wie gut ist Ihr Japanisch?

Praktisch nicht vorhanden.

Fühlt man sich da nicht ein bisschen komisch als Regisseur eines japanischen Films?

Wir hatten gute Dolmetscher. Das war wie früher, als ich in Spanien gedreht habe, mit einem italienischen Regisseur, da habe ich auch kein Wort verstanden.

Zwischen "Für eine Handvoll Dollar" von Sergio Leone und Ihrem jüngsten Film, "Letters from Iwo Jima", liegen Welten. Was fanden Sie an dieser Weltkriegsschlacht um eine obskure japanische Pazifikinsel so spannend?

Ich habe das Buch gelesen, das der Sohn eines damals beteiligten US-Soldaten geschrieben hat. Ich wollte die Filmrechte kaufen, aber Steven Spielberg war mir zuvorgekommen. Als wir uns auf einem Empfang trafen, sagte er zu mir: "Clint, hast du nicht Lust, "Flags of Our Fathers" zu drehen? Ich bin mit diesen Weltkriegsgeschichten irgendwie durch." Mich interessierte der Stoff sehr, schon weil ich so wenig darüber wusste. Und je mehr ich über Iwo Jima und die Strategien der Amerikaner und Japaner lernte, desto häufiger fragte ich mich: Wie haben eigentlich die anderen diese Schlacht erlebt? Unsere Feinde? Als "Flags of Our Fathers" abgedreht war, sagte ich zu Spielberg: Ich glaube, ich fahre jetzt mal nach Japan und schaue mir die andere Seite an.

Wie hat er reagiert?

Die Augen verdreht. Ich hatte inzwischen alles über den japanischen General gelesen, der die Insel verteidigen sollte. Es war nicht viel. Japan hat diese Episode seiner Geschichte totgeschwiegen. Von General Kuribayashi sind aber Briefe an seine Familie erhalten geblieben: Darin ermahnt er seine Kinder, in der Schule besser aufzupassen, und entschuldigt sich bei seiner Frau, dass er vor der Abreise nicht das Gartentor repariert hat. Rührend normale Dinge, mit denen ich als Familienvater mich sofort identifizieren konnte und die zeigen, dass Japaner und Amerikaner sich durch ihre Uniform, nicht aber in ihrem Inneren unterschieden.

Ihre Antikriegsbotschaft, schrieb die "Los Angeles Times", sei überraschend für einen "Mann, dessen konservatives Image nicht gerade Nähe zu Michael Moore und Konsorten vermuten lässt".

Bringen Sie mich nicht in die Nähe von Michael Moore! Ich meine, ich kenne den Mann nicht persönlich, nur seine Kommentare, aber nichts, was er sagt, hat je die Ansichten seiner Zuhörer geändert. Richtig ist: Beides sind Antikriegsfilme.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 04/2007

Zwei Filme, ein Thema Am 23. Februar 1945 schoss der Pressefotograf Joe Rosenthal auf dem höchsten Berg einer steinigen Pazifikinsel das berühmteste Bild des Zweiten Weltkrieges: Sechs Soldaten hissen die amerikanische Fahne. "Flags of Our Fathers" (Foto oben) handelt vom Schicksal dieser Männer. Nur drei davon überleben die Schlacht von Iwo Jima und werden in der Heimat bis zum Erbrechen als Helden gefeiert. 7000 Amerikaner verloren ihr Leben auf diesem trostlosen Eiland - und mehr als 20 000 Japaner. Deren verzweifelten - und von Anfang an sinnlosen - Verteidigungskampf schildert "Letters from Iwo Jima" (Foto unten, in der Mitte Hauptdarsteller Ken Watanabe). Beide Filme sind unsentimentale Studien über Männer, Jungs oft noch, im brüllenden Mahlwerk der Geschichte. Ist "Flags" jedoch eher großes Hollywood-Epos, das mit raffiniert gesetzter Ironie von der Würdelosigkeit des Ruhms erzählt, so hat der alte Meister Eastwood mit "Iwo Jima" nicht weniger als ein Meisterwerk geschaffen, voller Weisheit und Zärtlichkeit für seine dem Untergang geweihten - doch, sagen wir es ruhig: Helden.

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