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"Die Deutschen machen sich kleiner, als sie sind"

Sein neuer Film "Mein Führer - Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler" mit Ulknudel Helge Schneider sorgt derzeit für Gesprächsstoff. Im stern.de-Interview erzählt der Berliner Regisseur, warum sich bislang noch kein Nichtjude an solch einen Film gewagt hat.

Herr Levy, Yoko Ono wurde einmal gefragt: "Was sollen wir bloß mit den Faschisten machen? Wie können wir Frieden finden, wenn es einen Hitler gibt?" Ihre Antwort war: "Ich wäre mit ihm ins Bett gegangen!".

(lacht) Das ist eine sehr gute Antwort - aber er hätte keinen hochgekriegt.

Ihr Film heißt "Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler". Darin zeigen Sie Hitler weniger als Diktator und Verbrecher, sondern als gestörten Menschen mit einer kaputten Kindheit. Ist das die Wahrheit über das Dritte Reich?

Der Nationalsozialismus war ja nicht nur ein politisches System, sondern für viele Menschen war er ein Lebensmodell, in dem sie sich wieder erkannt haben.

...also ein gestörter Hitler als Sinnbild und Erlöser für das gestörte deutsche Volk?

Ja. In gewisser Hinsicht war der Nationalsozialismus ein Aufstand der geschändeten Seelen. Deswegen wollte ich Hitler psychologisch anschauen, auch wenn es tabuisiert ist, weil es nach Entschuldigung riecht. Aber dieses Tabu ist pervers, weil es Anti-Erkenntnis ist.

Sie erzählen, wie Hitler von einem Schauspiellehrer gecoacht und gleichsam therapiert wird. Wie sind Sie darauf gekommen?

Als Erklärung seiner Gefühllosigkeit und Gestörtheit war für mich Alice Millers Theorie von der "Schwarzen Erziehung", einem lebensfeindlichen Erziehungsstil, ganz bedeutend. Dann entdeckte ich den Schauspiellehrer Paul Devrient, der Hitler tatsächlich unterrichtet hat, und plötzlich hatte ich das Gefühl, wie ich auf die immer noch unverarbeitete Geschichte des Dritten Reiches reagieren möchte.

Wie wurde in Ihrem Elternhaus über Nationalsozialismus und Holocaust gesprochen? Was für eine Figur war Hitler für den kleinen Dani Levy?

Eine total diabolisierte, dämonisierte Schreckensfigur. Meine Mutter ist in Deutschland aufgewachsen und 1939 als 12-Jährige herausgeschmuggelt worden in die Schweiz. Meine Mutter hat es gehasst, über dieses Thema zu reden. Das führte so weit, dass auch wir wie gelähmt der deutschen Geschichte gegenüber aufgewachsen sind. Für meine Mutter sind die ersten Gehversuche mit solchen Bildern und Themen jetzt meine Filme. Es war ein Riesenschritt für sie, sich den Film daheim auf DVD anzugucken - und dann auch noch gut zu finden.

Aber sie konnte nicht lachen.

Gelacht hat sie nicht - aber sie hat zumindest geschmunzelt! Ich glaube, sie war deshalb glücklich, weil sie beim Humor gespürt hat, dass sie ein Stück mitgehen konnte bei meiner Zersetzung Hitlers. Und weil sie sich gefreut hat, dass Grünbaum für sie gültig war. Er war ihr Strohhalm, weil er sich für sie richtig verhält. Nach "Alles auf Zucker" hatte sie ein wenig Schiss, dass ich jetzt überall ’rumtrampel wie ein Wahnsinniger und auch noch den Juden massakriere. (lacht)

Wie findet Ihr Vater, was sein Sohn so treibt?

Mein Vater ist da ironischer, er ist in der Schweiz aufgewachsen und kein Flüchtlingskind, er ist wagemutiger mit seinem Humor. Er war Arzt und hat viel Tod gesehen, und eine Weise für ihn damit umzugehen, war der Humor. Ich bin als Kind aufgewachsen mit bösen Witzen eines Arztes über die beschränkten Möglichkeiten Leben zu retten.

Geht der Witz des Films zurück auf die Arztwitze Ihres Vaters?

Insofern ja, als dass Schmerz auch Ursache für Humor sein kann, und dass Humor nicht per se despektierlich ist. Diesen Humor mag meine Mutter an meinem Vater sehr.

Wie schwer ist Ihnen vor diesem familiären Hintergrund das Schreiben des Drehbuchs gefallen?

Das Schreiben war ein Befreiungsschlag. Natürlich lebe auch ich in diesem Land unter dem Schatten der Vergangenheit, und das war für mich eine Art es zu zerpflücken oder anzugehen.

Es gibt im Film Witze, bei denen man sich fragt: "Darf ich darüber lachen?". Wo liegt für Sie die Grenze des Humors?

Man lacht nicht über die Opfer - da war ich sehr vorsichtig. Deshalb war mir die Besetzung mit Helge Schneider und Ulrich Mühe auch so wichtig. Wenn der Komödiant Helge Schneider einen Hitler spielt, mit all diesen Widersprüchen, die beim Zuschauer durchaus Mitgefühl auslösen, dann brauchte ich für Grünbaum einen Schauspieler, dem es gelingt, dessen ganze Not und Todesangst zu vermitteln. Die komplette Tragödie. Sonst hätte sich etwas ganz Wichtiges verdreht.

Sind Sie manchmal zu weit gegangen und haben einige Gags später gestrichen?

Manchmal hatte ich Skrupel, aber die bösen Sachen sind alle drin geblieben. Dem Produzenten Stefan Arndt habe ich gesagt: "Lass uns den Film schnell machen, bevor mein Mut mich verlässt."

Im Kino haben nach der Vorführung einige Zuschauer gesagt: "Einen solchen Film darf in Deutschland nur ein Jude drehen." Was fühlen Sie, wenn Sie diesen Satz hören?

Will ich nicht! Will ich nicht haben! (lacht) Ich mag diese kulturelle Zuordnung nicht - aber vielleicht war es nicht so negativ gemeint ... Ich glaube dahinter steckt etwas Grundsätzlicheres: Der Jude darf subversiv sein, er darf frech sein. Das gehört natürlich zur jüdischen Kultur, die sich durch Widersprüchlichkeit einen Namen gemacht hat. Andererseits findet damit eine Zuordnung jüdischer Eigenschaften statt, die ich nicht mag. Diese Zuweisung hat auch damit zu tun, dass sich die Deutschen kleiner machen als sie sind. Denn es gibt ja eine Kultur des Subversiven und des Bösen! Nimm Karl Valentin, Gerhard Polt, Harald Schmidt, Walter Moers, Helmut Dietl, nimm die Macher der Titanic. Da hängt das Titanic-Cover an der Wand (darauf ist Hitler zu sehen, Dani Levy liest lachend die Zeilen vor:) "Schockierender Verdacht: War Hitler Antisemit?"

Ich meine, dass diese Scham eher mit einem Schuldgefühl vieler Deutscher zu tun hat: Wer einen Film wie "Mein Führer" dreht, macht sich prinzipiell der Verharmlosung Hitlers verdächtig - es sei denn, er ist Jude.

Ich verstehe das. Für mich und meinen Film ist das sogar bestimmt ein Bonus, der in der Volksmeinung da sein wird.

Haben Sie diesen Bonus auch bei der Finanzierung des Films und der Beantragung der Fördergelder erlebt?

Ne, ne. Also pass auf: Ich war genügend lange in Deutschland unterwegs als Jude und jüdischer Filmemacher, und ich habe diesen Bonus nie genossen. Ich wurde in Grund und Boden geschrieben. Ich erhielt keine Fördergelder. (lacht) Es gab also lange genug ausreichend Gründe, dieses Privileg nicht zu spüren!

Dann kam Ihr Erfolg mit "Alles auf Zucker" ...

Der Film hat wider Erwarten ein großes Publikum gefunden. Mit "Alles auf Zucker" habe ich das Jüdische für mich entdeckt - vielleicht sogar als Marktlücke. Ich wusste plötzlich: "Ah, so funktioniert die Klaviatur!", also die Filmsprache der jüdischen Regisseure der letzten 80 Jahre.

Das klingt, als ob Sie ohne die Erfahrung von "Alles auf Zucker" nicht "Mein Führer" hätten drehen können?

Ich habe das Gefühl, dass ich mit "Alles auf Zucker" als Regisseur sehr verspätet in Deutschland angekommen bin.

Interview: Oliver vom Hofe
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