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14. September 2004, 16:21 Uhr

Ewig im Bann des Bösen

Bernd Eichingers Kinowerk "Der Untergang" markiert den Höhepunkt eines verblüffenden Revivals: Spielfilme, TV-Dokumentationen und Erinnerungsbücher über die Nazi-Zeit stoßen auf riesiges Interesse.

Verbrechen: Mindestens 5,29 Millionen, wahrscheinlich aber knapp mehr als sechs Millionen Juden haben die Deutschen während der NS-Herrschaft umgebracht© AKG-Images

Kaum hatte der Kanzler ein russisches Kind adoptiert, fiel schon der dunkle Schatten der Vergangenheit auf die kleine Viktoria. "Hätte es nicht auch ein deutsches Kind sein können?", zitierte Peter Boenisch nörgelnde Leser in der "Bild"-Zeitung. Um sogleich zu mahnen: "Diese Frage hat ein zu kurzes Gedächtnis. Denn bei der deutschen Belagerung von Leningrad im Zweiten Weltkrieg kamen eine Million Menschen um, darunter Zigtausende Kinder."

Da ist es wieder, das Gedächtnis der Geschichte. Hitlers langer Schatten. Die Vergangenheit, die nicht vergeht. Fast 60 Jahre ist der Krieg vorbei, und noch immer erntet das Land, was es gesät hat. Geradezu exemplarisch überfällt die obszöne Erbschaft derzeit den Industriellen-Enkel Friedrich Christian Flick, der seine berühmte Sammlung zeitgenössischer Kunst nächste Woche in Berlin präsentieren wird. Sein Großvater Friedrich Flick, ein skrupelloser Rüstungs- und Arisierungsgewinnler, in Nürnberg als Kriegsverbrecher verurteilt, hat sein Millionenvermögen auch mit Tausenden von Zwangsarbeitern gemacht.

Der Erbe weigert sich, in den Zwangsarbeiterfonds einzuzahlen, und flüchtet in die schönen Künste. Damit wolle er "den dunklen Seiten meiner Familiengeschichte eine hellere hinzufügen", hat er in aller Unschuld verkündet. Die Proteste sind bis heute heftig. Schon jetzt haben ehemalige Flick-Zwangsarbeiter eine Demonstration zur Ausstellungseröffnung am 21. September angekündigt.

Wir hatten das gefühlte Alter, die gefühlte Temperatur, und jetzt haben wir die gefühlte Geschichte. Eine gigantische Erinnerungswelle schwappt über das Land, die auch im nächsten Jahr, dem 60. Jahr nach Kriegsende und der Befreiung aller Konzentrationslager, kein Ende haben wird.

An diesem Donnerstag startet Bernd Eichingers Monumentalwerk "Der Untergang" über Hitlers letzte Tage. Schon vor dem Filmstart gaben sich die Engländer alarmiert. "Verzeiht Deutschland Hitler?", fragt die "Daily Mail". Nein, "Der Untergang" ist ein eher kalter Film, ohne mitleidheischende Helden. Selbst Hitlers hübsche junge Sekretärin ist kein echter Sympathieträger, und am Schluss ist man ganz froh, dass die düstere Brut im Führerbunker sich endlich entleibt. Der Stoff habe 20 Jahre in ihm gearbeitet, sagt der 55-jährige Bernd Eichinger. Eine "Führer-Verklärung" ist dabei nicht herausgekommen.

Der Regisseur Volker Schlöndorff widmet sich in "Der neunte Tag" der bizarren Beziehung zwischen einem KZ-Häftling und einem Gestapo-Agenten. Die Stauffenbergs liefen im Sommer auf allen Kanälen. In Kürze kommt NS-Propagandaminister Joseph Goebbels ins Kino und per Dokumentarfilm ins Fernsehen. Und im Frühjahr 2005 dann Hitlers Architekt und Rüstungsminister Albert Speer, eine TV-Produktion des bewährten Dokumentarfilmers Heinrich Breloer, der angesichts so vieler Produktionen bereits von einer "Nazi-Olympiade" spricht.

Aber das ist noch nicht alles. Auch auf dem Buchmarkt graben Töchter, Söhne, Brüder, Enkel in Deutschlands düsterer Vergangenheit. So die frühere stern-Autorin Wibke Bruhns, die in "Meines Vaters Land" einen quellenreichen Bericht über den Vater vorgelegt hat, der als Mitwisser des 20. Juli hingerichtet wurde. Das intensive Psychogramm einer deutschen Familie steht seit Monaten auf der Bestsellerliste. Der Schriftsteller Uwe Timm sucht in seinem Buch "Am Beispiel meines Bruders" nach den Spuren des Älteren, der als SS-Mann fiel und fortlebte als ewiges Ge-spenst in der Familie. Die Schriftstellerin Ulla Hahn skizziert in "Unscharfe Bilder" die mitleidsarme Auseinandersetzung einer Tochter mit ihrem Soldatenvater.

Auch die Enkel machen sich auf den Weg. Wie Thomas Medicus, der "In den Augen meines Großvaters" dessen Kriegslandschaft in Italien erkundet. Claudia Brunner, 32, ernennt das Phantom der Familie zu ihrem persönlichen Forschungsobjekt. Sie ist die Großnichte des nach dem Krieg nach Damaskus geflüchteten Kriegsverbrechers Alois Brunner. Der war die rechte Hand von Adolf Eichmann und wird bis heute wegen Mordes an 130.000 Juden gesucht. Uwe von Seltmann, 40, dessen Großvater als Mitglied der Waffen-SS beteiligt war an der Liquidierung des Aufstands im Warschauer Ghetto im Frühjahr 1943, fahndet nach Opas mörderischen Spuren. Programmatischer Titel: "Schweigen die Täter, reden die Enkel".

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