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Der rosarote Kinderwahn

Krönchen, Glitzerschmuck und süße Kleidchen im Spielzimmer. Eltern von kleinen Mädchen kennen das zur Genüge. Mit dem ersten "Prinzessin Lillifee"-Film erreicht der rosarote Kinderwahn jetzt sogar die Kinos. Doch warum sind Prinzessinnen so angesagt und was bedeutet das eigentlich für die Psyche unserer Kinder?

Von Matthias Schmidt

Glitzer-Haarreifen, Schweißbänder, "Anti-Ziep-Shampoo", Deckenleuchten, Tretroller, Backmischungen von Dr. Oetker, ja sogar ein massives Himmelbett für 530 Euro. Mehr als 350 verschiedene Artikel hat der Münsteraner Coppenrath Verlag im Sortiment von "Prinzessin Lillifee", 750.000 Artikel wurden bereits verkauft. Die beiden Lillifee-Zeitschriften erreichen inzwischen eine Gesamtauflage von über 300.000 Exemplaren. Die Tütchen mit Sammel-Aufklebern verkauften sich rund vier Millionen Mal. Aus einem Bilderbuch über die Prinzessin Lillifee wurde in kürzester Zeit eine riesige Produktwelt mit Megaerfolg.

Mit dem ersten Spielfilm von "Prinzessin Lillifee" erreicht der rosarote Kinderwahn nun auch die Kinos. Es ist der vorläufige Karrieregipfel einer Figur, die wie keine andere in letzter Zeit Eltern in Erziehungskrisen und Händler ins Verkaufsglück gestürzt hat. Unter Erziehungsberechtigten gilt Lillifee allerdings nur als Einstiegsdroge in die Prinzessinnen-Sucht. Der Mädchenbereich eines x-beliebigen Spielwarenladens sieht heute aus, als hätten sich Barbara Cartland und Madame Pompadour zu einem Kostümfest verabredet: eine Verpackungsorgie in allen Rosa- und Pinkschattierungen. Und jede Menge süßlicher Stoff von Marken wie Barbie, Baby Born, Disney, Ravensburger, Lego Duplo oder Playmobil. In gut sortierten Buchläden machen sich Prinzessinnen wie Isabella, Rosabella, Pfiffigunde, Lucy, Pia, Sara, Vivi, Amelie, Horst oder die dickköpfige "Kleine Prinzessin" von Tony Ross breit. Selbst ein Tiroler Hotel wirbt im Internet mit seinem Wellness-Angebot für kleine Prinzessinnen. Maniküre, Pediküre und Phantasiemassage - eine "wahrlich königliche Behandlung".

Vier Milliarden Umsatz mit Prinzessinnen-Artikel

"Zu behaupten, Prinzessinnen wären ein Trend, wäre so, als würde man sagen, Harry Potter ist ein Buch", analysiert die "New York Times". Eine gewichtige Mitschuld für den Thronfolgerinnen-Trend trägt ein Schotte: Andy Mooney, Leiter der Produktmanagement-Abteilung bei Disney, bündelte im Jahr 2000 Cinderella, Schneewittchen, Dornröschen, Arielle, die Meerjungfrau, Jasmine aus "Aladdin", Belle aus "Die Schöne und das Biest" plus Mulan und Pocahontas unter dem gemeinsamen Label "Disney Princess" und machte daraus eine weltweit führende Lifestyle-Marke. Neben den Filmen auf DVD warf Disney Tausende von Begleitartikeln auf den hart umkämpften Kindermarkt: Kosmetik, Schmuck, Kleidung und Wohnungsdeko. Disney Germany organisiert seit einiger Zeit für seine minderjährigen Kundinnen einen Prinzessinnen-Ball inklusive Tanzunterricht, Kutschfahrt und Vorlesestunde mit Maja von Hohenzollern. Lag der globale Umsatz der neuen Marke 2001 noch bei rund 300 Millionen Dollar, stiegen die Zahlen in den vergangenen beiden Jahren auf je vier Milliarden Dollar. Ein fulminantes Wachstum. "Wir gaben den Mädchen einfach, was sie wollten. Auch wenn keiner von uns ahnen konnte, wie sehr sie das wollten", erklärt Mooney den Erfolg.

Warum Prinzessinnen bei Drei- bis Sechsjährigen so angesagt sind, bedarf im Prinzip keiner komplizierten wissenschaftlichen Erklärung. Sie tragen eine Krone, schöne Kleider, schönen Schmuck und schöne Schuhe. Mein Prinz, mein Pferd, mein Schloss. Michael Böhme, der für Deutschland die Disney Produkte vermarktet, geht noch einen Schritt weiter: "Prinzessinnen stehen nicht nur für Schönheit, sondern auch für positive Werte wie Großzügigkeit, Vertrauen und soziales Engagement. Sie haben eine Vorbildfunktion für die Kinder."

Blaublüter sind Eskapismus-Sujet

Historiker sehen das deutlich düsterer. Sie erklären die derzeitige Prinzessinnen-Manie mit dem Zustand der Welt nach dem 11. September. In Zeiten der Unsicherheit und des tiefgründigen sozialen Wandels seien die Blaublüter schon häufiger als Eskapismus-Sujet erste Wahl gewesen. Die originalen Märchen entstanden beispielsweise in einem mittelalterlichen Europa, in dem Hungersnöte, Krieg und Epidemien das Überleben bedrohten.

Erfolgreiche Mütter kompensieren Vakuum an Femininem

Trendforscher Peter Wippermann verortet die Wurzeln des Lillifee-Booms bei den Müttern selbst: "Berufstätige, emanzipierte Frauen, die in ihrem Leben ein Vakuum an Femininem wahrnehmen." Eine Ansicht, die wohl schon Mitte der 80er Jahre auf Zustimmung gestoßen wäre. Damals wurde der Geschlechtsunterschied zur Schlüsselstrategie beim Vermarkten von Kinderprodukten. War Rosa noch bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg die konventionelle Farbe für Jungs - Blau stand für die Gottesmutter Maria und war deshalb für Frauen und Mädchen reserviert - wurde das kleine Rot nun zur weiblichen Farbe schlechthin. Rosa, das stand und steht für Unschuld, Sanftmut, Fürsorglichkeit. Soziologen sahen das auch als Reaktion auf die ersten Erfolge des Feminismus und die unterbewusste Angst der neuen, starken Frauen, niemals einen Traumprinzen abzukriegen.

Folgen der femininen Stereotypen für die Kinderpsyche

Wobei sich spätestens jetzt die Frage stellt: Sind Mädchen, die sich und ihre Freundinnen mit Rüschenkleid und Glitzerschmuck aufhübschen so viel schlimmer als Jungs, die mit Piratensäbeln Topfpflanzen verstümmeln? Schadet es wirklich der frühkindlichen Psyche, in femininen Stereotypen zu baden? Entwicklungspsychologen entdecken gerade im Vorschulalter ein extremes und zugleich natürliches Ausleben von Rollenklischees. Die Welt wird geordnet und sortiert; Mädchen grenzen sich offensiv von Jungs ab und das geht nun mal am besten mit typischem Mädchenkram, mit Schminken, Schmücken und Tanzen.

Depressionen und Opfertussi-Erziehung

Doch auch wenn keine Studien existieren, die belegen, dass Prinzessin-Spielen in späteren Jahren das Selbstwertgefühl dämpft: Es gibt medizinische Hinweise, dass Frauen, die sich an übliche Weiblichkeitsattribute halten – nett sein, schön sein, Konflikte meiden – eher zu Depressionen neigen. "Beschissen", findet den anhaltenden Trend denn auch die Feministin Lady Bitch Ray, die sich neben ihrer Karriere als Rapperin wissenschaftlich mit den Ausdrucksformen von Kleidung beschäftigt: "Ich kritisiere, dass Mütter ihre Töchter zu Opfertussen erziehen. Warum erfindet heutzutage niemand eine emanzipierte Variante einer Prinzessin? Pippi Langstrumpf war doch schon tausendmal fortschrittlicher als Lillifee."

Die amerikanische Pädagogik-Professorin Lyn Mikel Brown, eine anerkannte Expertin in Sachen Mädchen und Marketing, weist noch auf eine andere Gefahr hin: "Prinzessin spielen ist nicht das Problem, 25.000 Prinzessinnen-Artikel sind das Problem." Trete eine Sache dermaßen dominant auf, würden alle anderen Spielvarianten kannibalisiert. Das habe einen Verlust an Fantasie und Vorstellungskraft zur Folge.

Die Berliner Modedesignerin Monika Finsterbusch, Erfinderin von Lillifee, kennt die Kritik am Prinzessinnen-Übermaß: "Wenn ich gut drauf bin, schmunzle ich darüber." Sie habe kein bestimmtes Frauenbild für die Figur gewählt, erinnert sie sich. Bei Lillifee sei lediglich eingeflossen, was sie selbst an Menschen mag: Mut, Selbstbewusstsein, Unabhängigkeit. "Viele Eltern erzählen mir: Lillifee geht uns eigentlich auf den Geist. Aber sobald wir sie in der Hand haben, finden wir sie doch ganz nett. Wenn ein Charakter sitzt, merkt man das eben", so Lillifee-Erfinderin Finsterbusch.

Nett endet erwartungsgemäß auch der Kinoausflug vo Lillifee. "Für dich ist die Welt schon in Ordnung", sagt an einer Stelle jemand zur pinken Prinzessin, "wenn sie rosa ist." Das gilt in den nächsten Wochen nicht nur im Kino für sehr viele Mädchen.

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