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3. Februar 2007, 15:14 Uhr

Hommage an eine Instinktfrau

Ihr Leben war aufregend genug für zehn Filme: Das Fotomodell Uschi Obermaier nutzte den Zeitgeist optimal aus, um ihren Traum von Freiheit und Abenteuer zu verwirklichen. Die heißesten Momente sind in dem autobiografischen Film "Das wilde Leben" komprimiert. Von Kathrin Buchner

Mit Motiven wie diesen brach sie mit gängigen Konventionen der bisher so biederen Frauendarstellung und wurde zur Ikone der Hippies: Uschi Obermaier© EFA

Man kann es kaum glauben, dass es diesen Film nicht längst gibt. Denn ihr Leben war eine Wundertüte, kein Drehbuchschreiber könnte sich das ausdenken: Sex, Drugs und Rock'n' Roll, noch lange bevor jemand das Wort 'Punk' kannte. Ein Vorstadtmädchen aus München-Sendling träumt nicht nur von Freiheit und Abenteuer, sondern durchtanzt die Nächte in den angesagtesten Clubs, trifft die berühmtesten Rockstars ihrer Zeit, macht ganz nebenbei eine Karriere als Fotomodell, schlägt einen Vertrag als Schauspielerin aus, um stattdessen die halbe Welt zu bereisen. Dabei schert sie sich nicht um gängige Moralvorstellungen und lebt die Emanzipation, lange bevor Alice Schwarzer mit "Emma" das Zentralorgan des Feminismus auf den Markt bringt.

Uschi Obermaier, von der hier die Rede ist, konnte mit Theorie nie etwas anfangen. Bei den Diskussionen in der Kommune 1 ist sie regelmäßig eingeschlafen. Zumindest sind sich ihr langjähriger Lebensgefährte Rainer Langhans und die Uschi ausnahmsweise mal einig - trotz aller anderen Zerwürfnisse hinsichtlich des Films "Das wilde Leben", den Langhans - wenn wundert's - als viel zu kommerziell empfindet.

Das von Regie-Neuling Achim Bornhak umgesetzte obermaiersche Biopic ist schließlich mit dem Segen der Protagonistin entstanden und wirkt phasenweise auch wie eine späte Abrechnung mit den leicht verklemmt dargestellten Kommunen-Bewohner. Das ist zumindest für den Zuschauer komisch, verdammt komisch. Wenn Kommunarde Friedberg alias Dieter Kunzelmann (Milan Peschel) von der "Untermaier" und dem "Suppenhuhn" spricht, und Rainer Langhans (brav, aber überzeugend: Matthias Schweighöfer) nicht müde wird, ihn zu verbessern. Seine geliebte Uschi sei schließlich ein edles "Perlhuhn" und für diese Frau würde er jede Revolution verraten.

Und Friedberg stellt lapidar und sehr visionär fest: "Sex sells". Denn schon damals fanden sich selbst auf den Titeln der wichtigsten Nachrichtenmagazine nicht politische Inhalte, sondern das Bild der Obermaier, dem "schönsten Gesicht der APO". Wenn dieser Langhans dann in höchst anachronistisch anmutenden verkopftem Soziologen-Geschwalle der vor Wut kochenden Uschi klar macht, sie müsse "ihre kleinbürgerliche Konditionierung" überwinden, und selbst nur schwer seine Eifersucht unterdrücken kann, als die Uschi mit Mick Jagger ins Separée verschwindet. Dann mögen die 68er Banalisierung unken, gemeine Kinobesucher verbuchen es einfach unter Amüsement.

In Hochglanzbildern verdichtet Bornhak zusammen mit Drehbuchautor Olaf Krämer die ausschweifende Geschichte der O. auf kompakte knapp drei Stunden Film, der sich vor allem durch die richtige Wahl der Schauspieler auszeichnet. Bis auf Matthias Schweighöfer hat man auf nicht allzu bekannte Namen gesetzt, dafür umso mehr auf optische und charakterliche Übereinstimmung: Alexander Scheer ("Sonnenallee") ist ein herrlich taumelnder und ständig bedröhnter Keith Richards. David Scheller bringt die kraftstrotzende nervöse Energie und den Chauvinismus des echten Prinz vom Kiez, Dieter Bockhorn, authentisch rüber.

Casting nicht nach großen Namen, sondern nach Glaubwürdigkeit

Und Natalia Avelon, die sich unter mehr als 500 Bewerberinnen durchgesetzt hat, spielt die Obermaier mit jugendlicher Frische und einer Prise Naivität, aber auch als Dickkopf, die nicht nach der Pfeife des Machos Bockhorn tanzt, die ein Leben als Luxus-Groupie an der Seite der Stones sausen lässt, um als Vagabundin durch exotische Länder zu ziehen. Man nimmt ihr nicht nur das bayerische Timbre der Uschi ab, auch ihre Sinnlichkeit, Gestik und Mimik, selbst der Busen, wirkt wie eine perfekte Kopie der Instinktfrau Obermaier zwischen 20 und 35, die schon immer mit dem Körper besser kommunizierte als mit Worten. Was der Film weidlich ausschlachtet. Avelon ist öfter oben ohne als mit zu sehen. Dafür ist man beim Zeigen der Sexszenen durchaus dezent geblieben.

Ein Leben in rauschhaften Bildern

Dass sich Drehbuchautor Olaf Krämer zusammen mit Regisseur Achim Bornhak nur die markanten Stationen herausgepickt hat, ist legitim: Uschi mit erhobenen Kopf vor den Ordnungshütern als PinUp-Girl der Revolution, Uschi als Modell für Limonade nur mit Jeans bekleidet vor der Fotowand, Uschi als indische Prinzessin in Rajasthan. Die Filmgeschichte hält sich nicht lange mit Details ihrer Teenie- und frühen Twenzeit auf: So flüchtet die junge Uschi in "Das wilde Leben" aus dem miefigen Elternhaus in München-Schwabing, steigt in einen Hippie-Bus und landet schnurstracks in der Kommune 1 in Berlin, wo sie mitten rein platzt in das Fotoshooting mit den nackten Kommunebewohnern. Sie schnieft Heroin mit Keith, posiert für "Twen", wirft den Affen von Bockhorn raus, verliert sein Kind irgendwo im Mittleren Osten, wird von islamischen Frauen mit Steinen beworfen und erlebt eine Märchenhochzeit in Indien. Das alles zeigt "Das wilde Leben". Was er nicht zeigt: Uschi auf Drogen-Entzug, Uschis Depressionen und Geldnöte nach dem Tod von Bockhorn und die Momente, in denen auch sie sich benutzt fühlte, nachdem ein x-beliebiger Rockstar sie zur Matratze degradiert hat. Am Ende wird der Schmerz zwar angedeutet: in einer durchaus ergreifenden Szene, in der Uschi nach dem Unfalltod allein am Strand steht und die wichtigsten Männer ihrer Lebens verloren hat, Keith hat geheiratet und Bockhorn sich auf seinem Motorrad in den Tod geritten.

Wie der Großteil ihres Lebens auch, ist "Das wilde Leben" ein Rausch aus schönen Bildern, heißer Musik und exotischen Eindrücken. Kino ist schließlich genauso wie Verführung, wie es die Obermaier zeitlebens war und noch ist. Eine durchaus gelungene Hommage an eine Frau, die Verklemmung durch Enthemmung aufgelöst hat, die ihren Instinkten gefolgt ist, ohne zu bereuen oder scheinheilig zu dementieren. Davon können sich Püppchen wie Paris Hilton und Britney Spears sogar heute noch, 40 Jahre nach der sexuellen Revolution, ein Scheibchen abschneiden.

Der Soundtrack zu "Das wilde Leben"

Der Soundtrack zu "Das wilde Leben" Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten hat den Soundtrack zusammengestellt, eine stimmige Zusammenstellung von Songs, die Uschi Obermaiers Leben geprägt haben. Das eine oder andere Lied wurde neu eingespielt. Zum Beispiel singt Hauptdarstellerin Natalia Avelon zusammen mit HIM-Frontman Ville Vallo den Lee-Hazlewood-Klassiker "Summer Wine"

"High Times"

"High Times" Das Buch zum Film: "High Times. Mein wildes Leben". Darin erzählt Uschi Obermaier dem Journalisten Olaf Krämer ihr Leben - offen und in Uschi-Duktus. Als sie es las, zog sie die Veröffentlichung zurück, weil sie es zu offen und ungeschminkt fand. Etliche Jahre später gab sie dann doch ihre Zustimmung. Das Buch ist im Heyne Verlag erschienen und kostet 14 Euro.

Von Kathrin Buchner
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
Kathrein (03.02.2007, 18:15 Uhr)
Das schönste Gesicht der APO.
Nein, ich werde mir diesen Film nicht ansehen (evtl. das Buch kaufen), weil ich U. Obermaier so in Erinnerung behalten möchte, wie sie damals war. Viele von uns haben sie seinerzeit bewundert, viele beneidet und nochmehr den Zeigefinger erhoben. Bis auf einige wenige haben sich damals getraut, so oder ähnlich zu leben wie Uschi. Wie schon im Bericht kurz erwähnt, hatte ihr Leben auch Schattenseiten, die selbstverständlich nicht sehr filmreif sind und die sie nach den TV-u. Medienberichten, bzw., Interview`s "scheinbar" gut gemeistert hat. Die Film-Uschi, Natalia Avelon, mag ihre Rolle sicher gut interpretiert haben, aber sie ist eben für viele aus meiner Generation nicht das Original.
Kathrein (03.02.2007, 17:53 Uhr)
Das schönste Gesicht der APO.
Nein, ich werde mir diesen Film nicht ansehen (evtl. das Buch kaufen), weil ich U. Obermaier so in Erinnerung behalten möchte, wie sie damals war. Viele von uns haben sie seinerzeit bewundert, viele beneidet und nochmehr den Zeigefinger erhoben. Bis auf einige wenige haben sich damals getraut, so oder ähnlich zu leben wie Uschi. Wie auch im Bericht
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