Der Feind in meiner Organisation

11. Dezember 2006, 11:00 Uhr

Mit seinem neuen Film kehrt Regisseur Martin Scorsese zum Gangsterdrama zurück. In "Departed: Unter Feinden" jagt ein Maufwurf in den Reihen der Mafia einen Spitzel im Polizeidienst - und umgekehrt. Von Carsten Heidböhmer

Departed

Costello (Jack Nicholson) nimmt Billy (Leonardo DiCaprio) in seine Gang auf©

Der amerikanische Regisseur Martin Scorsese hat schon immer eine besondere Affinität zum Gangstermilieu gehabt. Bereits einer seiner ersten Filme, "Hexenkessel", erzählt von zwei Kleinganoven, die sich mit schmutzigen Jobs auf den Straßen New Yorks über Wasser halten. In "GoodFellas" taucht er dann tief in die Geschichte einer Mafia-"Familie" ein. "Casino" schließlich widmet sich der organisierten Kriminalität in Las Vegas.

In seinem neuen Film "Departed" begibt sich Scorsese auf die Straßen Bostons, wo Gangster-Karrieren auf Gewalt und Erpressung gebaut werden - und wo sich die Polizei einen harten, aber bislang erfolglosen Kampf gegen das organisierte Verbrechen liefert. Damit sich das ändert, wird der Polizeikadett Billy (Leonardo DiCaprio) als Undercover-Agent ins Umfeld von Mafiaboss Costello (Jack Nicholson) eingeschleust. Dieser wiederum hat seinen Zögling Colin (Matt Damon) eine Polizeilaufbahn durchlaufen lassen. Zum Officer aufgestiegen, gelangt Colin an nützliche Informationen und kann Costello über den Ermittlungsstand der Bostoner Polizei in Kenntnis setzen.

So einfach diese Grundkonstellation ist - so viele Möglichkeiten bietet sie zur dramatischen Zuspitzung. Denn schnell merken Mafia- wie Polizeiboss, dass es eine undichte Stelle in den eigenen Reihen gibt. Es beginnt eine hoch spannende Suche nach den Maulwürfen, die für Billy und Colin existenziell wird. Jeder von ihnen ist gleichzeitig Jäger und Gejagter.

Transatlantischer Kulturaustausch

"Departed" ist das glänzende Beispiel für einen gelungenen transatlantischen Kulturaustausch: Martin Scorsese hatte in den 70er Jahren mit seinen Gewalt-triefenden Großstadtballaden "Taxi Driver" großen Einfluss auf das asiatische Genrekino und auf Regisseure wie John Woo und Wong Kar Wai ausgeübt - nun lässt er sich selbst von dort inspirieren. Denn bei dem Film handelt es sich um das originalgetreue Remake des hoch gelobten Hongkong-Thrillers "Infernal Affairs". Nur an einer Stelle spitzt die amerikanische Neufassung den dramatischen Konflikt noch weiter zu: Die beiden Verräter Billy und Costello verlieben sich in die gleiche Frau. Damit reicht das gnadenlose Katz-und-Maus-Spiel bis ins Privatleben hinein. Die letzte sichere Bastion, das traute Heim als Refugium, ist damit gefallen. Weder den Protagonisten noch dem Zuschauer wird in diesem rasanten Thriller eine Verschnaufpause gegönnt.

Obwohl sich Scorsese sehr getreu an die Vorlage hält, ist es ihm doch gelungen, daraus einen komplett eigenen Film zu schaffen, der seine ureigene Handschrift trägt. Neben der für Scorsese typischen knallhart gezeigten Brutalität werden auch die seelischen Abgründe der Figuren ausgeleuchtet. Insbesondere bei dem Undercover-Spitzel Billy zeigt sich, wie sehr das Doppelleben voller Verrat und Lüge auf die psychische Verfassung drückt: Er leidet unter massiven Schlafstörungen und muss Tabletten schlucken, um überhaupt einmal Ruhe zu finden.. Kameramann Michael Ballhaus fängt die innere wie äußere Spannung in klaren Bildern ein, die den Zuschauer immer dicht am Geschehen teilhaben lassen.

Brillante Besetzung

Scorseses größter Coup gelang ihm bei der Besetzung: Wann hat man schon einmal drei große männliche Hollywood-Stars in einem Thriller gesehen? Leo DiCaprio läuft unter der Regie seines Mentors zu wahren Höchstleistungen auf. Und Jack Nicholson treibt seine Interpretation des dämonischen Mafia-Bosses an die Grenze des Parodistischen - läuft aber zu keiner Zeit in die Falle, den Bogen zu überspannen. Auch die Nebenrollen sind bis ins letzte Glied erstklassig besetzt: So spielen Alec Baldwin, Martin Sheen und Mark Wahlberg Police-Officer. Und selbst die bislang kaum bekannte Schauspielerin Vera Farmiga kann sich als einzige Frau in diesem hochkarätigen Darsteller-Ensemble gut behaupten.

In den USA bescherte der Film Regisseur Scorsese mit fast 117 Millionen Dollar das mit Abstand beste Kassenergebnis seiner Karriere. In der Academy of Motion Picture Arts and Sciences wird man dies genau registriert haben: Der Film gilt als heißer Anwärter auf den Regie-Oscar. Für Scorsese eine überfällige Ehrung: Nach sechs erfolglosen Nominierungen müsste schon die Mafia ihre Hände im Spiel haben, wenn es diesmal wieder nicht klappt!

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