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20. September 2008, 16:57 Uhr

Das letzte Gefecht der RAF

"Der Baader Meinhof Komplex" ist der teuerste deutsche Film aller Zeiten. Der Streifen von Uli Edel und Bernd Eichinger bietet eine Vollversammlung der besten Schauspieler - und liefert den Beweis, dass die Rote Armee Fraktion endgültig Geschichte ist. Von Stefan Schmitz

Die Tat als großes Kino Arbeitgeberpräsident Schleyer - dargestellt von Bernd Stegemann - wird aus einem Fluchtwagen gezerrt© Constantin Film Verleih GmbH

Check ich das richtig?", fragt Andreas Baader und sieht den Jüngling böse an: "Du willst meine Alte ficken?" Scheiße, scheiße, scheiße, denkt der Jüngling. Am liebsten würde er jetzt abtauchen. Er hockt in der Badewanne mit der bezaubernden Gudrun Ensslin; und die gehört nun mal - freie Liebe hin oder her - dem Andreas. "Coole Lederjacke", ist alles, was dem Bengel einfällt. Was macht Andreas, der unberechenbare Pistolero? Er lacht. Lässig wirft er die Jacke Richtung Wanne: "Hier, kannste haben." Vorher greift er seiner Liebsten noch an die schaumig-nasse Brust. So ging es zu, damals bei den Terroristen. Oder doch nicht? Egal. So geht es zu in dem Film, der uns die Bilder zum Terror der Rote Armee Fraktion (RAF) in den Kopf brennen will: im "Baader Meinhof Komplex".

Es ist der teuerste deutsche Film aller Zeiten. Geschrieben und produziert von Bernd Eichinger, der es schon immer gern eine Nummer größer hatte. Deshalb hat er den bedeutendsten lebenden RAF-Kenner und Ex-"Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust mit ins Boot geholt und die tollsten deutschen Schauspieler. Das Team um Regisseur Uli Edel hat ihm alles besorgt: Drehgenehmigungen im ehemaligen Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim; einen Haufen Sprengstoff, um es richtig krachen zu lassen, und tausend andere Dinge. Darunter so absurde Requisiten wie falsche Schamhaare; sodass die nackten Mädchen aussehen, als kämen sie geradewegs aus den flauschigen Sechzigern. "Wir haben alles so authentisch wie irgend möglich gemacht", sagt Eichinger. Aber er sagt auch: "Manchmal muss man sich von der Wirklichkeit entfernen, um der Wahrheit gerecht zu werden."

Das ist ein Problem. Aber wir wollen ja nicht gleich am Anfang der Gefahr erliegen, "dass bei diesem Stoff zu viel gequatscht und theoretisiert wird", wie die Meinhof-Darstellerin Martina Gedeck im Begleitbuch zum Film sagt. Gequatscht wird tatsächlich nur das Nötigste. Ist ja auch uncool, immer rumzureden. Es gelten die Gesetze der Traumfabrik und nicht die des Elfenbeinturms.

Vermarktung des Kapitals

Das Ganze ist eine Sause durch zehn Jahre westdeutsche Nachkriegsgeschichte; von der Demo gegen den Schah-Besuch 1967 in West-Berlin bis zum Terrorherbst 1977. Erst kommen die Nackten am Strand von Sylt. Dann die prügelnden Jubelperser in Berlin und die entfesselte Polizei, die jugendliche Weltverbesserer durch die Straßen hetzt, bis einer tot auf dem Pflaster liegt. Dann Moritz Bleibtreu als Andreas Baader. Ein Kotzbrocken mit Charme. Besser kann man Geschichtsunterricht für Achtklässler nicht anmoderieren.

Und wenn trotzdem Fragen offenbleiben? "Wer mehr wissen will, kann immer noch mein Buch kaufen", sagt Aust, dessen fast 900 Seiten dicker "Baader Meinhof Komplex" die Vorlage für den Film lieferte und in neuer Ausgabe in den Buchläden liegt. Ein Hörbuch mit dem Soundtrack zum Film kommt ebenfalls in den Handel. Eine Fernsehfassung - episch lang und langsamer erzählt - wird es auch noch geben. Selten wurde der Kampf gegen das Kapital so entschlossen vermarktet.

Alles andere als klammheimlich ist Eichingers Freude über den großartigen Stoff: "Die Geschichte beginnt in einem Idyll und endet in einem Blutbad." Eine griechische Tragödie sei das, nur alles "bittere Realität".

Unbedingt wollte er diesen Film machen. Die Besten waren gerade gut genug. Johanna Wokalek - die eigentliche Sensation des Films - gibt eine fiebrig-fanatische Gudrun Ensslin. Bruno Ganz ist als BKAPräsident Horst Herold so gut, wie er immer ist. Winzige Rollen sind noch mit Spitzenkräften wie Hannah Herzsprung und Tom Schilling besetzt. Alles Profis, die ihr Handwerk verstehen.

Das Problem mit dem Vorwissen

Nur ist das Handwerk in diesem Fall etwas schwieriger als sonst. Denn Spannungskino lebt nun mal von der Spannung. Aber wo soll die herkommen, wenn zumindest die älteren Zuschauer, die nicht von ihrem Sozialkundelehrer ins Kino geschleppt werden, wissen, wie die Sache ausgegangen ist? Man sieht Hanns Martin Schleyer und weiß, dass er sterben wird. Die Mallorca-Urlauber in der Lufthansa- Maschine "Landshut" werden entführt - und jeder weiß, dass sie leben werden. Trotzdem schaffen es Eichinger und Edel, daraus packendes Kino auch für die Wissenden zu machen.

Die beiden verlassen sich vor allem auf einen Trick: Sie stellen die millionenfach reproduzierten Bilder nach, die jeder kennt. Vergilbte Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind die Vorlagen für die große RAFShow. Wenn Benno Ohnesorg im Film stirbt, stimmt selbst das Kennzeichen auf dem Käfer hinter ihm mit dem auf dem berühmten Bild vom 2. Juni 1967 überein. Wenn Holger Meins sich zu Tode hungert, sprießt sein Bart wie der auf dem Totenbild des echten RAF-Terroristen.

"Man erschrickt immer ein wenig", sagt Stefan Aust, der auch am Drehbuch mitgewirkt hat. "Die Schnappschüsse aus der Wirklichkeit" würden dafür sorgen, dass der Film sich am kollektiven Bildgedächtnis festhakt.

Das erzeugt eine Art Kurzschluss im Hirn, das nun glaubt, auch der Rest habe sich genau so abgespielt, wie ihn Aust, Eichinger und Edel vorführen. Für Zweifel bleibt kaum Platz: So rollt das Auto des ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback genau in die Position, in der wir es von den Tatortfotos kennen. Der Studentenführer Rudi Dutschke zieht - getroffen von drei Kugeln aus der Waffe des Attentäters Josef Bachmann - die Schuhe aus. Sie liegen auf dem Kurfürstendamm; genau so, wie sie damals in allen Zeitungen zu sehen waren. Dadurch werden die Standbilder in den Köpfen der Zuschauer zum Teil der gezeigten Bewegung.

Verdrehte Tatsachen

Ein zwiespältiges Erlebnis. Und zwar nicht, weil Regie und Drehbuch hier und da von der Historie abweichen. Szenen werden kurzerhand von einem Land ins andere verlegt, vieles wird weggelassen und manches aus Bruchstücken der Realität etwas peppiger neu montiert. Baaders cooler Auftritt am Badewannenrand ist das beste Beispiel: Tatsächlich ließ Gudrun Ensslin den jungen Peter-Jürgen Boock mit in die Wanne - nur war Baader da Hunderte Kilometer entfernt in Berlin.

Aber darum geht es nicht. "Terrorismus ist Kommunikation mit Toten", sagt Aust. Es kommt nicht auf den Schaden an, den die Bomben anrichten; nicht auf die Menschen, die sterben - das wahre Ziel sind die Köpfe des Publikums und die Bilder, die dort ablaufen. Sie sollen Angst erzeugen oder Hass, Aufruhr oder Entschlossenheit.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 38/2008

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KOMMENTARE (10 von 10)
 
Vincent_Vega (23.09.2008, 11:14 Uhr)
@UR63
Bitte kommen Sie mir doch nit imt dem dämlichen Satz: "Der Deutsche hat einen Hang zu Diktaturen"
Haben Sie das Gefühl in einer Diktatur zu leben? Ich nicht? Aber -oho- vielleicht bin ich ja gerade dadurch Teil dieser Diktatur, wer weiß?
Ihr Satz jedenfalls ist genauso dämlich wie der Irrglaube, die Welt sei eine Scheibe.
Sorry, aber anders kann ich den Satz nicht kommentieren.
mats123 (22.09.2008, 18:48 Uhr)
Ironie der Geschichte
Was soll man denn davon halten, wenn die RAF-Terroristen heute kinoreif vermarktet und von Schauspielern, die aus reichem Elternhaus stammen, gespielt werden? Naja, Baader und Ensslin hatten ja auch beide einen Faible für Luxus (Baader fuhr Porsche, das Kapitalisten- und Systemauto schlechthin). Bleibtreu wurde schon mit 10 Porsches im Hintern geboren.
AchazIII. (22.09.2008, 11:19 Uhr)
Die Filmemacher können sich nur blamieren
Das Instrument "Spielfilm" hiostorischer Ereignisse hat immer die Gefahr in sich, verklärend und peinlich zu wirken, unabhängig davon, dass die Historentreue immer zu wünschen lässt. Wenn man es dann noch im ZDF-Stil macht, nämlich noch dazu zu phantasieren, geht es vollends in die Hose.
Der Regisseur Heinrich Breloer arbeitete mit dem Stil Halbdokumentarfilm und hat für einige Ereignisse unübertreffbare Maßstäbe gesetzt. In dem Film "Millionenspiel" (1997) ist fast alles gesagt zu diesem Komplex.
Wer sich jetzt noch an der Wiederkäuung dieser Ereignisse versucht, kann sich nur blamieren.
Man hätte Eichinger sagen sollen: Lass es im Jahre 2008 sein.
andreas37 (21.09.2008, 20:38 Uhr)
bekannte Bilder?
Die Zeitsprünge im Trailer sind schon seltsam: In einer Szene, dei wohl in den 70ern spielen soll wird ein Auto aus den 80ern in die Luft gesprengt......
UR63 (21.09.2008, 10:53 Uhr)
@Vincent_Vega
Wundersam!
sonst wird doch beim Stern zensiert?
Sind wohl alle im Wochende!
Islamismus wie Faschismus/Rassismus dürfen in Deutschland keinen Platz haben.Richtig!
Sie haben den Kommunismus vergessen!
Unabhängig davon wird die Demokratie in Deutschland derzeit ausgehebelt!
Aber der Deutsche hat ja schon immer einen Hang zu Diktaturen!
Entweder sind sie Nazis oder Kommunisten!Die Demokratie wird dieses Volk nie begreifen!Traurig!
Aber was solls!
Mir tun nur die paar Menschen leid,die nicht mit den Füßen abstimmen können!
Der Letzte macht das Licht aus!
Watschdog39 (21.09.2008, 08:28 Uhr)
Schon seltsam
wie aus Mördern und Gesetzesbrechern Helden stilisiert werden.
Hier sollten mal die täglichen Bilder von H.M. Schleyer gezeigt werden, die anschaulich die perverse Grausamkeit der RAF dokumentieren. Einen gesunden, kraftstrotzenden Menschen in 14 Tagen entmenschlichen und in am Ende wie ein Stück Abfall entsorgen, DAS war die RAF.
Aber wenn ich mir so die Niederlage der Demokratie in Köln ansehe wundert mich eigentlich nichts mehr.
Das Recht auf freie Meinungsäußerung gilt nur noch für politisch "richtig" denkende Menschen ????
Der Staat beugt sich der Gewalt von Chaoten ??? Die kamen als Alibi gerade recht !!!
Und dies wurde hier nicht kommentiert, weil sonst zu viele Leute zensiert werden "mussten".
So kommt man aber auch ins Grübeln; wem nutzt diese Tendenz aus den Deutschen ein "Beutevolk" zu machen.
Wer bestimmt die Politik in Deutschland?? Die von uns gewählten sicherlich nicht, die führen nur Befehle aus.
H.Heine (21.09.2008, 08:23 Uhr)
RAF
Ich bin gespannt auf diesen Film, der ja einen sehr wichtigen Teil der neueren deutschen Geschichte darstellt. Meinhof, Baader, Ensllin mögen zwar mit ihren wirren Vorstellungen gescheitert sein, doch haben sie ihren Platz in der Geschichte redlich verdient. Und der RAF Terror, wie er heute dargestellt wird, hatte in seiner Blütezeit eine ganz andere Dimension; auch was die Sympathie für die sogenannten Terroristen seitens der Bevölkerung angeht. Nicht wenige Menschen haben mit ihrer auch passiven Unterstützung der RAF die Doppelmoral der früheren Bundesrepublik anprangern wollen. Auch sollten in dem Film die eklantanten Verfahrensmängel im Stammheimer Prozeß, einem modernen Schauprozeß, verdeutlicht werden. Auch wären die Thesen des früheren Anwalts Schilly, der ja damals noch für faire Prozße auch für Terroristen eintrat, um seine Mandanten zu verteidigen sehr interesant. Das Buch von Stefan Aust ist an dieser Stelle besonders hervorzuheben, um auch mal ein objektives Betrachten der Ereignise zu gewährleisten. Danach sollte jeder für sich entscheiden, ob die RAF und der innere Kreis, also Baader, Meinhof, Ensllin, doch nur Terroristen waren, oder gescheiterte Helden.
Vincent_Vega (20.09.2008, 23:25 Uhr)
@UR63
Schon zwei Stunden und nix passiert.
Mir persönlich ist es egal, ob jemand Moslem ist oder nicht. Er soll nur die Rechte, welcher in der deutschen Verfassung jedem Menschen in Deutschland gegeben werden, achten => keine Fatwa gegen Glaubensabtrünnige, keine Zwangsverheiratung.
ABER: das Recht auf freie Religionsausübung. Wer Menschen pauschal verurteilt nur weil einem die Religion nicht passt, ist genauso verachtenswert wie solche, die ihre Religion als alleinglückselig machend ansehen.
Islamismus wie Faschismus/Rassismus dürfen in Deutschland keinen Platz haben.
UR63 (20.09.2008, 21:00 Uhr)
Jetzt aber schnell sperren!
Mal sehen wie lange es dauert!
UR63 (20.09.2008, 20:57 Uhr)
Da haben die Qualitätsjournalisten...
vom Stern ausversehen die Kommentar- funktion beim Köln Artikel aktiviert!
Habe ein paar Kommentare gerettet!
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