"Der Baader Meinhof Komplex" ist der teuerste deutsche Film aller Zeiten. Der Streifen von Uli Edel und Bernd Eichinger bietet eine Vollversammlung der besten Schauspieler - und liefert den Beweis, dass die Rote Armee Fraktion endgültig Geschichte ist. Von Stefan Schmitz

Check ich das richtig?", fragt Andreas Baader und sieht den Jüngling böse an: "Du willst meine Alte ficken?" Scheiße, scheiße, scheiße, denkt der Jüngling. Am liebsten würde er jetzt abtauchen. Er hockt in der Badewanne mit der bezaubernden Gudrun Ensslin; und die gehört nun mal - freie Liebe hin oder her - dem Andreas. "Coole Lederjacke", ist alles, was dem Bengel einfällt. Was macht Andreas, der unberechenbare Pistolero? Er lacht. Lässig wirft er die Jacke Richtung Wanne: "Hier, kannste haben." Vorher greift er seiner Liebsten noch an die schaumig-nasse Brust. So ging es zu, damals bei den Terroristen. Oder doch nicht? Egal. So geht es zu in dem Film, der uns die Bilder zum Terror der Rote Armee Fraktion (RAF) in den Kopf brennen will: im "Baader Meinhof Komplex".
Es ist der teuerste deutsche Film aller Zeiten. Geschrieben und produziert von Bernd Eichinger, der es schon immer gern eine Nummer größer hatte. Deshalb hat er den bedeutendsten lebenden RAF-Kenner und Ex-"Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust mit ins Boot geholt und die tollsten deutschen Schauspieler. Das Team um Regisseur Uli Edel hat ihm alles besorgt: Drehgenehmigungen im ehemaligen Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim; einen Haufen Sprengstoff, um es richtig krachen zu lassen, und tausend andere Dinge. Darunter so absurde Requisiten wie falsche Schamhaare; sodass die nackten Mädchen aussehen, als kämen sie geradewegs aus den flauschigen Sechzigern. "Wir haben alles so authentisch wie irgend möglich gemacht", sagt Eichinger. Aber er sagt auch: "Manchmal muss man sich von der Wirklichkeit entfernen, um der Wahrheit gerecht zu werden."
Das ist ein Problem. Aber wir wollen ja nicht gleich am Anfang der Gefahr erliegen, "dass bei diesem Stoff zu viel gequatscht und theoretisiert wird", wie die Meinhof-Darstellerin Martina Gedeck im Begleitbuch zum Film sagt. Gequatscht wird tatsächlich nur das Nötigste. Ist ja auch uncool, immer rumzureden. Es gelten die Gesetze der Traumfabrik und nicht die des Elfenbeinturms.
Das Ganze ist eine Sause durch zehn Jahre westdeutsche Nachkriegsgeschichte; von der Demo gegen den Schah-Besuch 1967 in West-Berlin bis zum Terrorherbst 1977. Erst kommen die Nackten am Strand von Sylt. Dann die prügelnden Jubelperser in Berlin und die entfesselte Polizei, die jugendliche Weltverbesserer durch die Straßen hetzt, bis einer tot auf dem Pflaster liegt. Dann Moritz Bleibtreu als Andreas Baader. Ein Kotzbrocken mit Charme. Besser kann man Geschichtsunterricht für Achtklässler nicht anmoderieren.
Und wenn trotzdem Fragen offenbleiben? "Wer mehr wissen will, kann immer noch mein Buch kaufen", sagt Aust, dessen fast 900 Seiten dicker "Baader Meinhof Komplex" die Vorlage für den Film lieferte und in neuer Ausgabe in den Buchläden liegt. Ein Hörbuch mit dem Soundtrack zum Film kommt ebenfalls in den Handel. Eine Fernsehfassung - episch lang und langsamer erzählt - wird es auch noch geben. Selten wurde der Kampf gegen das Kapital so entschlossen vermarktet.
Alles andere als klammheimlich ist Eichingers Freude über den großartigen Stoff: "Die Geschichte beginnt in einem Idyll und endet in einem Blutbad." Eine griechische Tragödie sei das, nur alles "bittere Realität".
Unbedingt wollte er diesen Film machen. Die Besten waren gerade gut genug. Johanna Wokalek - die eigentliche Sensation des Films - gibt eine fiebrig-fanatische Gudrun Ensslin. Bruno Ganz ist als BKAPräsident Horst Herold so gut, wie er immer ist. Winzige Rollen sind noch mit Spitzenkräften wie Hannah Herzsprung und Tom Schilling besetzt. Alles Profis, die ihr Handwerk verstehen.
Nur ist das Handwerk in diesem Fall etwas schwieriger als sonst. Denn Spannungskino lebt nun mal von der Spannung. Aber wo soll die herkommen, wenn zumindest die älteren Zuschauer, die nicht von ihrem Sozialkundelehrer ins Kino geschleppt werden, wissen, wie die Sache ausgegangen ist? Man sieht Hanns Martin Schleyer und weiß, dass er sterben wird. Die Mallorca-Urlauber in der Lufthansa- Maschine "Landshut" werden entführt - und jeder weiß, dass sie leben werden. Trotzdem schaffen es Eichinger und Edel, daraus packendes Kino auch für die Wissenden zu machen.
Die beiden verlassen sich vor allem auf einen Trick: Sie stellen die millionenfach reproduzierten Bilder nach, die jeder kennt. Vergilbte Schwarz-Weiß-Aufnahmen sind die Vorlagen für die große RAFShow. Wenn Benno Ohnesorg im Film stirbt, stimmt selbst das Kennzeichen auf dem Käfer hinter ihm mit dem auf dem berühmten Bild vom 2. Juni 1967 überein. Wenn Holger Meins sich zu Tode hungert, sprießt sein Bart wie der auf dem Totenbild des echten RAF-Terroristen.
"Man erschrickt immer ein wenig", sagt Stefan Aust, der auch am Drehbuch mitgewirkt hat. "Die Schnappschüsse aus der Wirklichkeit" würden dafür sorgen, dass der Film sich am kollektiven Bildgedächtnis festhakt.
Das erzeugt eine Art Kurzschluss im Hirn, das nun glaubt, auch der Rest habe sich genau so abgespielt, wie ihn Aust, Eichinger und Edel vorführen. Für Zweifel bleibt kaum Platz: So rollt das Auto des ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback genau in die Position, in der wir es von den Tatortfotos kennen. Der Studentenführer Rudi Dutschke zieht - getroffen von drei Kugeln aus der Waffe des Attentäters Josef Bachmann - die Schuhe aus. Sie liegen auf dem Kurfürstendamm; genau so, wie sie damals in allen Zeitungen zu sehen waren. Dadurch werden die Standbilder in den Köpfen der Zuschauer zum Teil der gezeigten Bewegung.
Ein zwiespältiges Erlebnis. Und zwar nicht, weil Regie und Drehbuch hier und da von der Historie abweichen. Szenen werden kurzerhand von einem Land ins andere verlegt, vieles wird weggelassen und manches aus Bruchstücken der Realität etwas peppiger neu montiert. Baaders cooler Auftritt am Badewannenrand ist das beste Beispiel: Tatsächlich ließ Gudrun Ensslin den jungen Peter-Jürgen Boock mit in die Wanne - nur war Baader da Hunderte Kilometer entfernt in Berlin.
Aber darum geht es nicht. "Terrorismus ist Kommunikation mit Toten", sagt Aust. Es kommt nicht auf den Schaden an, den die Bomben anrichten; nicht auf die Menschen, die sterben - das wahre Ziel sind die Köpfe des Publikums und die Bilder, die dort ablaufen. Sie sollen Angst erzeugen oder Hass, Aufruhr oder Entschlossenheit.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 38/2008