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30. September 2008, 20:49 Uhr

Das sagen Jugendliche zum RAF-Film

Regisseur Uli Edel sagt, er hätte den Film "Der Baader Meinhof Komplex" für seine 20- und 21-jährigen Söhne gemacht. stern.de wollte wissen, was Jugendliche darüber denken und schickte 18-Jährige ins Kino. Von Kathrin Buchner

Gingen für stern.de ins Kino: Jan-Philipp Jacobs, 17, Laurence Kramper, 18, Katherina Kokkinos, 18, und Felix Schümann, 18© Buchner/stern.de

Erdrückend, schwer verdaulich und sehr heftig. Das sind die ersten Reaktionen der sechs Jugendlichen nach dem fast dreistündigen Kinomarathon. "Es war brutal, die Menschen waren krank", sagt Katherina Kokkinos, 18. Ihr Freund Felix Schümann, 18, ist noch ziemlich geschockt über die Erschießungen. "Mit welcher Brutalität die Vereinigung vorgegangen ist, war mir vorher nicht wirklich klar. Durch den Film hat man das erst richtig zu sehen bekommen". Die Morde, das Blut, das bliebe im Kopf hängen, sagt Juliane Schaarschmidt, 18.

Bewegt und sichtlich mitgenommen wirken die sechs Jugendlichen, die alle ein humanistisches Gymnasium in Hamburg besuchen. Als sie geboren wurden, dachten Politiker der Bundesrepublik Deutschland erstmals daran, die Spirale der RAF-Gewalt zu durchbrechen. Das war Anfang der 90er Jahre. Das Vorwissen über die Geschichte der linken Terrorvereinigung ist unterschiedlich.

Jan-Philipp Jacobs, 17, der Jüngste in der Gruppe, hatte sich schon relativ intensiv mit der ersten Generation der RAF und ihrer Entstehungsgeschichte auseinandergesetzt. Für Katherina Kokkinos und Juliane Schaarschmidt dagegen sind die Prügelszenen ein Schocker gleich zu Beginn des Films völlig überraschend. "Bei den Schlägereien mit der Polizei war man sofort drin. Ich wusste nicht, warum die demonstrieren und wie krass die Polizisten damals auf die Studenten eingeprügelt haben", sagt Kokkinos.

Muss den Film erst noch sacken lassen: Juliane Schaarschmidt, 18© Buchner/stern.de

Nicht Action, sondern pure Gewalt

Während die Kritiker die "Hollywoodisierung" in der Inszenierung bemängeln, empfinden die Jugendlichen durchweg die Darstellung der Gewalt als abschreckend. "Schüsse ins Gesicht und die Einschusslöcher im Gesicht danach habe ich noch nie gesehen", sagt Felix Schümann, der häufig Actionfilme guckt. "Das war keine Action, das war pure Gewalt", so auch Laurence Kramper, 18. Mit Schießereien à la Bruce Willis oder Vin Diesel hätte der Film wenig gemein, da sind sich die Jugendlichen einig. Kritik übten sie an "FSK 12", ihrer Meinung würde man in diesem Alter den terroristischen Hintergrund noch nicht verstehen.

Idolstatus und mangelndes Verantwortungsbewusstsein bei Baader

Ebenso übereinstimmend ist das Urteil der Jugendlichen über die überzeugende Leistung der Schauspieler. Besonders von Moritz Bleibtreu als Andreas Baader ist Katherina Kokkino angetan: "Ich guck immer, ob sich die Schauspieler nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit den Augen aufregen. Bei ihm war es echt." Porsche fahren, immer die Zigarette im Mund, Pelzmantel umgehängt - Baader, der coole Rebell? Ein Idol sei er schon gewesen, sagt Laurence Kramper. "Weil er anders und sehr jugendlich war. Er hat das getan, was ihm in den Sinn kam." Sein Idolstatus kombiniert mit seinem mangelnden Verantwortungsbewusstsein habe aber eine ungesunde Mischung ergeben. "Mir kam es so vor, als wusste er gar nicht, was er ausgelöst hat", so Kramper.

Haben sich mit der RAF-Thematik schon vor dem Kinobesuch beschäftigt: Jan-Philipp Jacobs, 17, und Felix Schümann, 18

Interesse für diese Epoche der deutschen Geschichte hat "Der Baader Meinhof Komplex" bei allen ausgelöst. "Datenspeicherung, Überwachungs- und Polizeistaat - das beeinflusst uns bis heute. Ich habe mich auch gefragt, wie ich damals reagiert hätte. Wäre ich bereit gewesen, so weit zu gehen? Aus heutiger Sicht kann ich sagen, es war falsch", sagt Jan-Philipp Jacobs. Was ihm allerdings beim "Baader Meinhof Komplex" fehle, sei die Verbindung von der ersten zur zweiten Generation und das Ende der RAF. "Das muss ich noch nachlesen", sagt Jacobs. Auch Laurence Kramper will seine Eltern befragen, was sie damals dazu meinten. Der Konflikt zwischen etwas bewegen zu wollen ohne ins Extreme zu fallen fasziniere ihn.

Geschichtsunterricht als Popcorn-Kino funktioniert also. Da sind die Filmfördergelder offensichtlich sinnvoll investiert. Und der Filmverleih Constantin Entertainment täte gut daran, etliche Kopien an deutsche Schulen zu schicken.

Von Kathrin Buchner
 
 
KOMMENTARE (10 von 25)
 
whismerh2 (02.10.2008, 09:32 Uhr)
@Malt
Volle Zustimmung was Herrhausen betrifft, interessanter Weise, hatte er Wochen vorher ein Konzept vorgestellt wie man gewisse Länder Entschulden könnte, diese Thesen waren gewiss in macher Leute ein ernstzunehmendes Problem.
Des weiteren wie können ein paar Leute in dieser Gegend mal geschwind eine Strasse aufmeisseln um eine Induktionsschleife zu legen.
Gerüchten nach, sind sogar kurz vor dem Anschlag die Begleitautos abgezogen worden.
Hat warscheinlich ein Terrorist angerufen.
Fragen über Fragen die wir nie richtig beantwortet bekommen.
Und
bayerbienengift (02.10.2008, 00:02 Uhr)
So wie im Krieg
der gleichzeitig gewütet hat. Im Vietnamkrieg wurden Millionen Menschen durch Kopfschüsse, Ganzkörperverbrennungen, Körpersprengungen vernichtet, so wie im Film. Dazu kam der Hass auf eine ganze Reihe von Altnazis, die sich in der Adenauerregierung breitgemacht haben und welche die Terror-Linie der Amerikaner voll unterstützt haben. Der Protest dagegen wurde von einigen (RAF) mit den falschen Mitteln geführt nämlich mit Gewalt und das musste schiefgehen. Die Polizei hat aber auch durch gezielte Gewaltprovokationen einen guten Beitrag geleistet, beispielsweise die Erschiessung von Benno Ohnesorg, die die Studentenbewegung letztendlich radikalisiert hat.
Inzwischen sind wir wieder im Krieg, aber heute ist das egal. Es ist ja ein guter, fortschrittlicher und humaner Krieg gegen die bösen Menschen.
keinheiliger (01.10.2008, 19:25 Uhr)
@Eisenbaer
Verehrter Eisenbaer, dieses war eigentlich kein Kommentar, sondern eine Feststellung ueber das unglaubliche Vorgehen einer radikalen Gruppierung, die sich seinerzeit ueber alle politischen und gesellschaftlichen Normen gestellt hat, ansonsten waeren dieser und andere Filme gar nicht erst entstanden, geschweige von irgendwelchem Interesse. Nebenbei, ich hab den Film noch nicht einmal gesehen und es wird wohl auch noch dauern, bis sich die Moeglichkeit ergibt. Das Phaenomen dieser Gewaltbereitschaft hatte Ursachen, die wir offensichtlich nicht bereit sind objektiv zu analysieren. Es ist aber keinesfalls damit abgetan, das es irgendwelche wildgewordenen Spinner waren, wie Raphael83 schrieb, die man nun endlich vergessen sollte. Und genau darum ging es mir an erster Stelle. Gebe allerdings zu, trifft auch ein wenig ihre nachlaessige Sicht der Dinge. MfG
Eisenbaer (01.10.2008, 17:12 Uhr)
@keinheiliger
Auf dieses Zitat von Ihnen bezog ich mich:

"Warum haben sie das getan? Es waren Krimininelle, Verbrecher, keine Frage, aber auf keinen Fall mal irgendwie wild gewordene Buergerkinder. Im Gegenteil, sie haben unerhoert praezise geplant und haben ihre Untaten nicht aus persoenlicher Bereicherung begangen. Damit bekommen sie einen Status, der schon eine gewisse Bedeutung hat und sind damit Teil deutscher Nachkriegsgeschichte, der Fragen hinterlaesst."

Ein Kommentar, der zumindest einige Fragen aufwirft.
keinheiliger (01.10.2008, 10:52 Uhr)
@Eisenbaer
Wenn sie meinen Beitrag gelesen haetten, so wuerden sie festgestellt haben, dass er gar keine Sichtweise enthielt, sondern die simple Frage stellt, warum???
Ich habe auch noch gar nichts analysiert und Schlussfolgerungen sind in meinem Beitrag auch nicht zu finden, oder???
Sie haben in einem vorangegangenen Posting eine aehnliche Analyse des Warums und des Scheiterns geschrieben.
Ich teile im wesentlichen ihre Ansicht, dass die mangelnde Akzeptanz, besser noch Ablehnung der RAF, als auch die Verinnerlichung der intellektuelle Arroganz zu einer elitaeren Kampfbrigade, die den Dialog mit der Gesellschaft als gescheitert ansah, nicht auf der Linie mit der internationalen Linken lag.
Ich kann aber beim besten Willen nicht erkennen, wo ich geschrieben haben soll, das Mord und Terror ohne persoenliche Bereicherung, ein hoeheres Ziel rechtfertigt.
Das sie die Gewerkschaften als stark und unbeeinflusst darstellen ist teilweise richtig, die Arbeiterschaft hat die damaligen Studentendemonstrationen und Revolten abgelehnt und scharf verurteilt. Sie ist von den Medien ( Bild) auch entsprechend instrumentalisiert worden, so dass eine neues Feindbild geschaffen wurde.
Die Haerte mit der der Staat auf die 60er Unruhen reagierte, war mit einer der Gruende, warum sich militante Kader bildeten und spaeter in den Untergrund gingen.
Das jetzt im einzelnen zu analysieren waere muessig und nicht mehr wichtig.
Im Gegenteil, es geht mir gar nicht um die politische Analyse dieser Bewegung, oder Bewegungen, weil sie nicht relevant ist, obwohl sie im Kern politisch war.
Mein Hauptansatz in meinem Beitrag war eigentlich der, warum diese Leute damals diesen Weg waehlten und zwar mit der furchtbaren Erkenntnis wahrscheinlich zu scheitern. MfG
-ich- (01.10.2008, 10:17 Uhr)
Ach noch was...
Ich bin mir ziemlich sicher, das wenn der Irakkrieg in all seiner Brutalität jeden Abend im deutschen Fernsehen offen gezeigt worden wäre, so wie damals der Vietnamkrieg, dann gäbe es hier sicher auch wieder Bombenanschläge gegen US-Einrichtungen.
-ich- (01.10.2008, 10:10 Uhr)
@520i
Um die "Preisfrage" in dem von dir verlinkten Artikel zu beantworten:
Diese dort beschriebenen Erkenntnisse sind erst kürzlich im Spiegel erschienen und einfach zu neu als das sie in dem zum Film zugrunde liegenden Buch enthalten sein könnten.
Aust´s Buch wurde ja schon in der Vergangenheit unzählige Male neu aufgelegt und mit neuen Details/Enthüllungen versehen.
.
Zum Film:
Ich fand ihn gut, weil er ziemlich schonungslos die Ereignisse darstellt ohne großartig Partei zu ergreifen. Man sollte aber zumindest grob die Abläufe und Geschehnisse von 1967 - 1977 im Kopf haben um im Film nicht den Faden zu verlieren.
Fidi4877 (01.10.2008, 09:56 Uhr)
einfach nur nervend
diese theatralische und überzogene Geschauspielere und dann die ach so betroffenen Interviews mit den Schauspielern sind einfach nur nervend....
OnkelHo (01.10.2008, 09:31 Uhr)
@keinheiliger
Ihre Beiträge finde ich richtig gut und sehr inspirierend. Ein sehr interessanter Blickwinkel, der sich positiv abhebt.
Zum Film (aber bitte nur als Filmkritik sehen): Ich habe ihn mir gestern angesehen und fand ihn recht farblos, flach und enttäuschend. Der Versuch, diesen Streifen in den Oscar-Wettbewerb zu schicken, kann nicht ernst gemeint sein. Da hätte es "Der Untergang" eher schaffen müssen. Hat er aber nicht. Apropos: Das Casting war nach meiner Meinung in dieser Hinsicht auch etwas unglücklich. Immer wenn Heino Ferch und Bruno Ganz gemeinsam zusehen waren, fühlte ich mich unwillkürlich an ihre Rollen im "Untergang" erinnert (Hitler/Speer). Aber das ist natürlich eine völlig subjektive Wahrnehmung.
Auch das Auftauchen einiger Personen wird zu wenig erklärt, wer sich nicht auskennt, dem dürfte die Zuordnung schwerfallen. Ich bin Jahrgang 67 und habe die "bleierne Zeit" noch recht gut in Erinnerung. Trotzdem habe ich mir vor dem Film nochmal eine entsprechende Lektüre vorgenommen. So fällt es (meiner Meinung nach) leichter, die Handlung nachzuvollziehen.
Malt (01.10.2008, 08:32 Uhr)
Mich nervt eher...
...wie hier (und nicht nur hier) für einen Spielfilm ständig die Werbetrommmel gerührt wird. Ich mein, der Film nimmt die korrekten Eckdaten und Zeitabläufe zum Vorbild, aber der Rest ist FREI ERFUNDEN! Kein Mensch (oder fast keiner) weiß tatsächlich was damals ablief, was gesprochen wurde uswusf... aber es wird einem ständig suggeriert, dass es so abgelaufen sein soll. Vielleicht sollte man mit ähnlichem Enthusiasmus mal an die ungeklärten Fragen bezüglich der RAF, vor allem der sog. "3.Generation" herangehen. Denn bis heute ist über den Mord an Herrhausen nicht bekannt, wer ihn tatsächlich begangen hat. Als "Beweis" gilt ein angebliches Bekennerschreiben der RAF... und das ist nur eine von vielen, vielen offenen Fragen, auf die anscheinend auch niemand ernsthaft eine Antwort sucht (vermutlich, weil sie auch eigentlich keiner wissen will).
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