Regisseur Uli Edel sagt, er hätte den Film "Der Baader Meinhof Komplex" für seine 20- und 21-jährigen Söhne gemacht. stern.de wollte wissen, was Jugendliche darüber denken und schickte 18-Jährige ins Kino. Von Kathrin Buchner

Gingen für stern.de ins Kino: Jan-Philipp Jacobs, 17, Laurence Kramper, 18, Katherina Kokkinos, 18, und Felix Schümann, 18© Buchner/stern.de
Erdrückend, schwer verdaulich und sehr heftig. Das sind die ersten Reaktionen der sechs Jugendlichen nach dem fast dreistündigen Kinomarathon. "Es war brutal, die Menschen waren krank", sagt Katherina Kokkinos, 18. Ihr Freund Felix Schümann, 18, ist noch ziemlich geschockt über die Erschießungen. "Mit welcher Brutalität die Vereinigung vorgegangen ist, war mir vorher nicht wirklich klar. Durch den Film hat man das erst richtig zu sehen bekommen". Die Morde, das Blut, das bliebe im Kopf hängen, sagt Juliane Schaarschmidt, 18.
Bewegt und sichtlich mitgenommen wirken die sechs Jugendlichen, die alle ein humanistisches Gymnasium in Hamburg besuchen. Als sie geboren wurden, dachten Politiker der Bundesrepublik Deutschland erstmals daran, die Spirale der RAF-Gewalt zu durchbrechen. Das war Anfang der 90er Jahre. Das Vorwissen über die Geschichte der linken Terrorvereinigung ist unterschiedlich.
Jan-Philipp Jacobs, 17, der Jüngste in der Gruppe, hatte sich schon relativ intensiv mit der ersten Generation der RAF und ihrer Entstehungsgeschichte auseinandergesetzt. Für Katherina Kokkinos und Juliane Schaarschmidt dagegen sind die Prügelszenen ein Schocker gleich zu Beginn des Films völlig überraschend. "Bei den Schlägereien mit der Polizei war man sofort drin. Ich wusste nicht, warum die demonstrieren und wie krass die Polizisten damals auf die Studenten eingeprügelt haben", sagt Kokkinos.

Muss den Film erst noch sacken lassen: Juliane Schaarschmidt, 18© Buchner/stern.de
Während die Kritiker die "Hollywoodisierung" in der Inszenierung bemängeln, empfinden die Jugendlichen durchweg die Darstellung der Gewalt als abschreckend. "Schüsse ins Gesicht und die Einschusslöcher im Gesicht danach habe ich noch nie gesehen", sagt Felix Schümann, der häufig Actionfilme guckt. "Das war keine Action, das war pure Gewalt", so auch Laurence Kramper, 18. Mit Schießereien à la Bruce Willis oder Vin Diesel hätte der Film wenig gemein, da sind sich die Jugendlichen einig. Kritik übten sie an "FSK 12", ihrer Meinung würde man in diesem Alter den terroristischen Hintergrund noch nicht verstehen.
Ebenso übereinstimmend ist das Urteil der Jugendlichen über die überzeugende Leistung der Schauspieler. Besonders von Moritz Bleibtreu als Andreas Baader ist Katherina Kokkino angetan: "Ich guck immer, ob sich die Schauspieler nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit den Augen aufregen. Bei ihm war es echt." Porsche fahren, immer die Zigarette im Mund, Pelzmantel umgehängt - Baader, der coole Rebell? Ein Idol sei er schon gewesen, sagt Laurence Kramper. "Weil er anders und sehr jugendlich war. Er hat das getan, was ihm in den Sinn kam." Sein Idolstatus kombiniert mit seinem mangelnden Verantwortungsbewusstsein habe aber eine ungesunde Mischung ergeben. "Mir kam es so vor, als wusste er gar nicht, was er ausgelöst hat", so Kramper.

Haben sich mit der RAF-Thematik schon vor dem Kinobesuch beschäftigt: Jan-Philipp Jacobs, 17, und Felix Schümann, 18
Interesse für diese Epoche der deutschen Geschichte hat "Der Baader Meinhof Komplex" bei allen ausgelöst. "Datenspeicherung, Überwachungs- und Polizeistaat - das beeinflusst uns bis heute. Ich habe mich auch gefragt, wie ich damals reagiert hätte. Wäre ich bereit gewesen, so weit zu gehen? Aus heutiger Sicht kann ich sagen, es war falsch", sagt Jan-Philipp Jacobs. Was ihm allerdings beim "Baader Meinhof Komplex" fehle, sei die Verbindung von der ersten zur zweiten Generation und das Ende der RAF. "Das muss ich noch nachlesen", sagt Jacobs. Auch Laurence Kramper will seine Eltern befragen, was sie damals dazu meinten. Der Konflikt zwischen etwas bewegen zu wollen ohne ins Extreme zu fallen fasziniere ihn.
Geschichtsunterricht als Popcorn-Kino funktioniert also. Da sind die Filmfördergelder offensichtlich sinnvoll investiert. Und der Filmverleih Constantin Entertainment täte gut daran, etliche Kopien an deutsche Schulen zu schicken.