Die Publizistin Peggy Parnass war in den 60er Jahren eng mit Ulrike Meinhof befreundet. Jetzt hat sie sich für stern.de "Der Baader Meinhof Komplex" angeschaut. In ihrem Gastbeitrag schreibt sie darüber, wie sie die Zeit erlebt hat, was ihr an dem Film missfällt - und warum sie sich Ulrike Meinhof noch immer verbunden fühlt. Von Peggy Parnass

"Als ich Ulrike erstmals auf einem Fahndungsplakat sah, habe ich einen Schock gekriegt": Fahndungsfoto von Ulrike Meinhof© Picture-Alliance
Ich kannte Ulrike Meinhof sehr gut aus ihrer Hamburger Zeit und war mit ihr eng befreundet. Wir hatten die gleichen Ideale, die gleichen Vorstellungen, aber auch die gleichen Feinde. Sie war Pazifistin so wie ich. Ich fühle mich nach wie vor mit ihr befreundet. Ich habe sie weder gesehen noch gesprochen, seit sie 1968 Hamburg verlassen hat. Aber sie hat später in Berlin ein junges Mädchen, das sie aus dem Heim geholt und herangezogen hat, nach mir benannt. Das Mädchen hieß Irene Goergens, aber sie nannte sie Peggy.
Ich habe es damals nicht glauben können, als ich hörte, dass sie sich für den bewaffneten Kampf entschieden hat. Ich habe erst viele Jahre später erfahren, dass es stimmte. Lange habe ich es für eine Lüge gehalten. Ich war die ganzen Jahre sicher, dass Ulrike da nur reingerutscht ist. Denn sie neigte zur Hörigkeit. Sie war auch ihrem Ehemann Klaus Rainer Röhl völlig verfallen und hat viele Jahre hinnehmen müssen, dass er sich kreuz und quer für andere Frauen begeisterte. Weil die weniger anstrengend waren als Ulrike. Er sagte mir einmal, das seien die "Puschenfrauen". Ulrike war dagegen eine permanente Herausforderung Tag und Nacht, in allem.
Ich habe geglaubt, sie sei dem hübschen Baader verfallen. Zwar habe ich ihn nie kennengelernt, aber ich habe mich bei vielen erkundigt, die mit ihm in Berlin zu tun gehabt haben. Viele waren ihm tatsächlich richtig verfallen. Er war bisexuell und beherrschend. Ich vermutete, dass er Ulrike in die RAF reingelockt hat und sie schließlich nicht wieder herausfand.
Dass sie sehr verzweifelt war, ist klar. Sie hat sich immer engagiert, Tag und Nacht. Für alles, was sie als richtig erachtete - und gegen alles, was sie für falsch hielt: Wiederbewaffnung, Faschismus, Ungerechtigkeit. Mit aller Kraft. Der ganze Einsatz weitgehend erfolglos.
Und dann tauchten überall Fahndungsplakate auf. Sie hingen in jeder Polizeidienststelle, jeder Feuerwehr. In jedem Restaurant, der Post, Banken, bei Friseuren, an der Grenze sowieso. Man suchte eben ganz gründlich. Nicht ganz so gründlich wurde nach den Nazi-Massenmördern gesucht. In den ganzen Jahren hing nicht ein einziges Fahndungsplakat nach irgendeinem Täter irgendwo aus. Sie wurden nicht gesucht, denn sie sollten ja nicht gefunden werden.
Als ich Ulrike erstmals auf einem Fahndungsplakat sah, habe ich einen Schock gekriegt. Ich war rasend wütend. Nicht auf sie. Nur weil Gudrun Ensslin ihren Baader aus dem Gefängnis holen wollte, der nur noch ein paar Monate zu sitzen hatte, hat Ulrike ihre ganze Existenz verspielt, ihre Kinder, ihre Möglichkeiten zu arbeiten. Sie hat immer sehr intensiv gearbeitet. Nicht nur für die politische Monatszeitschrift "Konkret" und das NDR-Magazin "Panorama". Auch privat setzte sie sich unentwegt für alles ein.
Der Schreck steigerte sich ins Unermessliche, als ich jeden Tag Leute hörte, die sie alle tot sehen wollten. Kopf ab. Weg mit dem Gesocks. Es war eine ungeheure Stimmung im Land. Hysterie. Nur Mordgelüste. Mord, Mord, Mord - um die RAF zu beseitigen. Mich betraf dies auch intensiv, weil es meine Arbeit, wie die Arbeit jedes Linken, unmöglich machte. Wir alle standen damals automatisch unter Terrorismusverdacht. Wurden bespitzelt, abgehört.
Ich habe Ulrike Meinhof zu sehr geliebt und zu sehr geschätzt, um ihr das alles übelzunehmen. Insgesamt nahm ich es aber der RAF sehr übel, dass sie uns Linken damals in die Quere gekommen war. Das Argument war immer, sie wollten die Welt verbessern. Aber hinterher ging alle Energie und Fantasie nur noch da hinein, wie befreien wir die Inhaftierten in Stammheim. Und nicht: Wie befreien wir die Welt, wie verändern wir die Menschheit. Darum ging es gar nicht mehr. Von wegen Befreiung der Arbeiter - die meisten kannten doch gar keine Arbeiter. Die haben so geredet und so geschrieben, dass sie kein Arbeiter verstehen kann. Es war ihnen wohl gar nicht wichtig, verstanden zu werden.
Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie Peggy Parnass die Zeit miterlebte - und was sie über den Film denkt
Zur Person Peggy Parnass ist Schauspielerin und Publizistin. Sie wurde in den 1970er Jahren durch ihre Gerichtsreportagen für die Zeitschrift "Konkret" bekannt, die auch in ihrem preisgekrönten Buch "Prozesse" veröffentlicht wurden. Sie war mit Ulrike Meinhof befreundet, bevor diese in den Untergrund ging. Parnass verlor ihre Eltern im KZ Treblinka. Zusammen mit ihrem damals vierjährigen Bruder gelangte sie per Kindertransport nach Stockholm und London. Heute lebt sie in Hamburg. Kürzlich wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet