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9. Oktober 2008, 10:55 Uhr

Ulrike Meinhof war meine Freundin

Die Publizistin Peggy Parnass war in den 60er Jahren eng mit Ulrike Meinhof befreundet. Jetzt hat sie sich für stern.de "Der Baader Meinhof Komplex" angeschaut. In ihrem Gastbeitrag schreibt sie darüber, wie sie die Zeit erlebt hat, was ihr an dem Film missfällt - und warum sie sich Ulrike Meinhof noch immer verbunden fühlt. Von Peggy Parnass

"Als ich Ulrike erstmals auf einem Fahndungsplakat sah, habe ich einen Schock gekriegt": Fahndungsfoto von Ulrike Meinhof© Picture-Alliance

Ich kannte Ulrike Meinhof sehr gut aus ihrer Hamburger Zeit und war mit ihr eng befreundet. Wir hatten die gleichen Ideale, die gleichen Vorstellungen, aber auch die gleichen Feinde. Sie war Pazifistin so wie ich. Ich fühle mich nach wie vor mit ihr befreundet. Ich habe sie weder gesehen noch gesprochen, seit sie 1968 Hamburg verlassen hat. Aber sie hat später in Berlin ein junges Mädchen, das sie aus dem Heim geholt und herangezogen hat, nach mir benannt. Das Mädchen hieß Irene Goergens, aber sie nannte sie Peggy.

Ich habe es damals nicht glauben können, als ich hörte, dass sie sich für den bewaffneten Kampf entschieden hat. Ich habe erst viele Jahre später erfahren, dass es stimmte. Lange habe ich es für eine Lüge gehalten. Ich war die ganzen Jahre sicher, dass Ulrike da nur reingerutscht ist. Denn sie neigte zur Hörigkeit. Sie war auch ihrem Ehemann Klaus Rainer Röhl völlig verfallen und hat viele Jahre hinnehmen müssen, dass er sich kreuz und quer für andere Frauen begeisterte. Weil die weniger anstrengend waren als Ulrike. Er sagte mir einmal, das seien die "Puschenfrauen". Ulrike war dagegen eine permanente Herausforderung Tag und Nacht, in allem.

War sie Andreas Baader verfallen?

Ich habe geglaubt, sie sei dem hübschen Baader verfallen. Zwar habe ich ihn nie kennengelernt, aber ich habe mich bei vielen erkundigt, die mit ihm in Berlin zu tun gehabt haben. Viele waren ihm tatsächlich richtig verfallen. Er war bisexuell und beherrschend. Ich vermutete, dass er Ulrike in die RAF reingelockt hat und sie schließlich nicht wieder herausfand.

Dass sie sehr verzweifelt war, ist klar. Sie hat sich immer engagiert, Tag und Nacht. Für alles, was sie als richtig erachtete - und gegen alles, was sie für falsch hielt: Wiederbewaffnung, Faschismus, Ungerechtigkeit. Mit aller Kraft. Der ganze Einsatz weitgehend erfolglos.

Und dann tauchten überall Fahndungsplakate auf. Sie hingen in jeder Polizeidienststelle, jeder Feuerwehr. In jedem Restaurant, der Post, Banken, bei Friseuren, an der Grenze sowieso. Man suchte eben ganz gründlich. Nicht ganz so gründlich wurde nach den Nazi-Massenmördern gesucht. In den ganzen Jahren hing nicht ein einziges Fahndungsplakat nach irgendeinem Täter irgendwo aus. Sie wurden nicht gesucht, denn sie sollten ja nicht gefunden werden.

Als ich Ulrike erstmals auf einem Fahndungsplakat sah, habe ich einen Schock gekriegt. Ich war rasend wütend. Nicht auf sie. Nur weil Gudrun Ensslin ihren Baader aus dem Gefängnis holen wollte, der nur noch ein paar Monate zu sitzen hatte, hat Ulrike ihre ganze Existenz verspielt, ihre Kinder, ihre Möglichkeiten zu arbeiten. Sie hat immer sehr intensiv gearbeitet. Nicht nur für die politische Monatszeitschrift "Konkret" und das NDR-Magazin "Panorama". Auch privat setzte sie sich unentwegt für alles ein.

Ein Land voller Mordgelüste

Der Schreck steigerte sich ins Unermessliche, als ich jeden Tag Leute hörte, die sie alle tot sehen wollten. Kopf ab. Weg mit dem Gesocks. Es war eine ungeheure Stimmung im Land. Hysterie. Nur Mordgelüste. Mord, Mord, Mord - um die RAF zu beseitigen. Mich betraf dies auch intensiv, weil es meine Arbeit, wie die Arbeit jedes Linken, unmöglich machte. Wir alle standen damals automatisch unter Terrorismusverdacht. Wurden bespitzelt, abgehört.

Ich habe Ulrike Meinhof zu sehr geliebt und zu sehr geschätzt, um ihr das alles übelzunehmen. Insgesamt nahm ich es aber der RAF sehr übel, dass sie uns Linken damals in die Quere gekommen war. Das Argument war immer, sie wollten die Welt verbessern. Aber hinterher ging alle Energie und Fantasie nur noch da hinein, wie befreien wir die Inhaftierten in Stammheim. Und nicht: Wie befreien wir die Welt, wie verändern wir die Menschheit. Darum ging es gar nicht mehr. Von wegen Befreiung der Arbeiter - die meisten kannten doch gar keine Arbeiter. Die haben so geredet und so geschrieben, dass sie kein Arbeiter verstehen kann. Es war ihnen wohl gar nicht wichtig, verstanden zu werden.

Lesen Sie auf der zweiten Seite, wie Peggy Parnass die Zeit miterlebte - und was sie über den Film denkt

Zur Person

Zur Person Peggy Parnass ist Schauspielerin und Publizistin. Sie wurde in den 1970er Jahren durch ihre Gerichtsreportagen für die Zeitschrift "Konkret" bekannt, die auch in ihrem preisgekrönten Buch "Prozesse" veröffentlicht wurden. Sie war mit Ulrike Meinhof befreundet, bevor diese in den Untergrund ging. Parnass verlor ihre Eltern im KZ Treblinka. Zusammen mit ihrem damals vierjährigen Bruder gelangte sie per Kindertransport nach Stockholm und London. Heute lebt sie in Hamburg. Kürzlich wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet

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KOMMENTARE (10 von 31)
 
annette_ (16.10.2008, 22:44 Uhr)
hintergruendig
Ich habe den Film neulich gesehen und war etwas enttäuscht. Die Perspektive liegt auf den RAF-Handelnden und nicht auf den gesellschaftlichen Hintergruenden. Wie können wir uns heute die Gesellschaft von damals vorstellen - heute, wo eingetragene Lebenspartnerschaften, Elternzeit, Web 2.0 mit Beteiligungsmöglichkeiten fuer (fast) alle Normalität sind? Ich will die Gewaltbereitschaft der RAF nicht verteidigen, nur daran erinnern, dass ich solche Artikel wie gerade diesen von Peggy Parnass zum Film bisher vermisst habe. Die Spiessigkeit der "ganz normalen Mitbuerger", die Nichtverfolgung von Naziverbrechen bis in die höchsten Etagen der Gesellschaft und die Intoleranz gegenueber kritischem Denken muss gerade die sensiblen, nachdenklichen Geister in einer Hilflosigkeit zurueckgelassen haben, die das Entstehen der Gewalt erst erklärt. Wem der Film diese Hintergruende nicht erklärt hat, sei das Buch "Die Reise" von Bernward Vesper empfohlen. Der ehemalige Lebensgenosse von Gudrun Ensslin hat eine verzweifelte Biographie abgeliefert, in der die Situation verdichtet dargestellt wird: Sein Vater ein beruehmter Nazidichter und unvorstellbar autoritär zu seinen Kindern, Bernward Vesper selbst auf der Suche nach einer menschlicheren Lebensweise und schliesslich so verzweifelt, dass er in der Psychiatrie landet und Selbstmord begeht. Erinnert euch oder fragt Zeitzeugen. Meine Mutter berichtet, dass noch 1974 keine Wohnung fuer ein Pärchen in "wilder Ehe" zu bekommen war. Das will ich nicht wieder zurueck, und ich kann nur allen gesellschaftlichen Kräften dankbar sein, die sich fuer eine freiere Gesellschaft eingesetzt haben (und damit meine ich an dieser Stelle nicht die RAF - sie war ein Auswuchs der Eskalation).
herrfreitag (09.10.2008, 22:03 Uhr)
ganz toller....
beitrag zum themas ulrike meinhof,raf und dessen neuste verfilmung.
sehr persönlich und menschlich zugleich gehalten.
soondecember (09.10.2008, 21:25 Uhr)
mag ja sein
mag ja sein..
dass Ulrike Meinhof in jungen Jahren pazifistisch war, mag sein, das Andreas Bader sie reinlockte oder sie vielleicht ihm hörig war...mag sein.
Nur die Toten starben durch bewusst abgebene Schüsse, durch bewusst gezündete Bomben, viele Angehörige fühlen noch heute Schmerz.
Deshalb, ist die Fahndungsaktion seinerzeit eben keine sinnleere Hysterie, auch Volkes Gerede "Kopf ab" ist angesichts der vielen Morde die mit Mitwirkung von Ulrike Meinhof verübt wurden, also diese Gerede ist nicht unverständlich.
Warum sollen die Menschen Mord in einer Gesellschaft tolerien ? und wenn es passiert, wo führt es hin..
vielleicht zu Stalin ?- der alle exekutierte die seiner Ansicht und seiner Macht im Wege standen.
rolandhippler (09.10.2008, 19:03 Uhr)
Menschenverachtend und dekadent
ist nicht, eine freundin zu mögen die Täter ist, aber eine maniplativ verklärende Einstellung, selbst wenn diese Zeitgeist zu werden droht.
Nicht heldenhafte linke Gutmenschen unter furchtbaren inneren Leiden auf der Suche nach der Wahrheit ihrer Eltern waren am Werke, sondern egozentrische, kaltblütige Killer und Räuber im sowjetisch - mfs- nahen Dunst- und Ideologienkreis, zum passenden Zeitpunkt jeweils mit ausländischer Hilfe (Palästina) oder zum politischen Thema (Raketenstationierung der Nato). Gegen das eigene Volk, die eigene Familie. Und noch heute nicht den Hauch von sichtbarer Reue selbst bei Gnadengesuchen. Das Unterlassen dieser Diskussion führt im übrigen zur einer natürlichen Verklärung im Zeitablauf.
F_F_H (09.10.2008, 18:19 Uhr)
Lesen können hilft enorm
Es wäre für eine gewinnbringende Diskussion und Auseinandersetzung mit dem Thema sinnvoll, wenn einige Schreiber hier in der Lage wären, einen Text sinnentnehmend lesen und interpretieren zu können!
In dem Artikel wird nichts verherrlicht, ganz im Gegenteil. Die Autorin wendet sich ganz regide gegen Gewalt auf jeder Seite, ob von den Demonstranten, den RAF-Mitgliedern und dem Staat. Wer geschichtlich ein wenig Ahnung hat, der weiß, dass damals die Polizisten sogar die Order von den regierenden Personen bekommen haben, hart mit den Demonstranten umzugehen, Gewalt war nicht verboten, sondern wurde gewünscht! Die Polizisten wurden dazu angehalten.
Es wird kritisiert, dass die Autorin immer wieder die Nazis ins Spiel bringt! Gerade diese waren u.a. der Auslöser zahlreicher Demonstrationen, denn sie saßen weiterhin an allen Schaltstellen des Staates! Es ging in der Zeit um das Aufdecken der Machenschaften der Elterngeneration, der ehemaligen NSDAP/SA/SS-Mitglieder! Sie waren u.a. ein Ursprung der Auflehnung vieler Studenten.
Wer weiterhin des Lesens mächtig und in dem Thema bewandert ist, der weiß auch, dass Ulrike Meinhof lange, lange Zeit in verschiedensten Zeitschriften/Veröffentlichungen immer wieder auf Gewaltfreiheit gepocht hat! Sie war eine sehr anerkannte (auch auf der gegnerischen Seite!) Journalistin. Was sie letztendlich zum Ausbruch aus dem System gebracht: Hörigkeit/plötzliche Gewaltphantasien oder ähnliches, wird man wohl nie erfahren, denn dazu hat sie m.E. nie Stellung genommen bzw. es gibt keine Dokumente. Die Autorin äußert nur, dass sie es nach wie vor nicht glauben kann - trotz der Beweise -, dass ihre Freundin zu solchen Taten fähig war. Sie verleugnet auch keineswegs, dass die RAF eine absolute Gewalttruppe war, die den eigentlichen Zielen der Demonstranten/Linken mehr geschadet als genutzt hat. Dies wird mehr als deutlich dargestellt! Das Ziel der RAF war nicht mehr eine Verbesserung innerhalb des Staates, sondern es ging auch in den Folgegenerationen nur noch um die Befreiung der Baader-Meinhof-Gruppe aus Stammheim, alles andere trat absolut in den Hintergrund und schadete damals extrem.
Darüberhinaus wird deutlich gemacht, dass es sich bei diesem Film um einen Gewaltfilm handelt - der letztendlich nichts außer einem Kinoabend bringen wird. Als Anti-Gewaltfilm hätte er etwas bewirken, verändern können. So ist er nur ein Film unter vielen anderen.
Rainhelt (09.10.2008, 17:08 Uhr)
@hbbaer
Wohl die Gewaltenteilung und das begründete Monopol des Staates auf Gewalt nicht verstanden!?!
Es geht darum, "privat Armeen", wie die RAF oder die SA, um jeden Preis zu verhindern. Das bröckelt zwar, wie zuletzt in Köln, ist aber der einzig mögliche Weg. Reflektieren kann man da Nichts.
vegefranz (09.10.2008, 17:00 Uhr)
Ulrike Meinhof war kein Pazifist. Adolf Hitler auch nict
@swissmiss: Pazifistin bis U.H. zur RAF kam? Was für ein dummes Zeugt. da kann man ja gleich behaupten, Adolf itler sei Pafist gewesen bis er in Polen einmarschierte.
ritchie (09.10.2008, 16:53 Uhr)
Was wäre der Himmel...
für Herrn Schäuble, wenn es für Frau Meinhof keine Hölle gäbe?
influ (09.10.2008, 16:33 Uhr)
Mißverständnis?
Ähm, ich glaub wir reden aneinander vorbei.
Ich meine die Zeit und Umstände die zur Entstehung der RAF führten.
Sie wohl die Zeit ab 69, kann das sein?
Daß Terrorismus nicht der Weg sein kann seh ich auch so, insofern sind wir da wohl gar nicht so weit voneinander wntfernt...
influ (09.10.2008, 16:29 Uhr)
@manesse II
Ich hab grad mal geforscht...
Bis 1969 waren Adenauer, Erhardt und dann Kiesinger Bundeskanzler.
Letzterer in ner großen Koalition.
Die Beteiligung der CDU lässt nicht unbedingt auf eine sozialliberale Ausrichtung schliessen.
Ich weiss, daß du dich auf die Zeit der Verbrechen beziehst doch wichtig ist ja wohl die Zeit der Entstehung des Ganzen.
Dazu eine kleine Info über den Kiesinger aus Wikipedia:
Zwei Tage nach dem Attentat auf Rudi Dutschke und den teilweise gewalttätigen Protesten dagegen griff Bundeskanzler Kiesinger am 13. April 1968 die Studenten wahllos als „militante linksextremistische Kräfte“ und Feinde der parlamentarischen Ordnung an und machte sie damit indirekt selbst für das Attentat verantwortlich. Auch wurden aus der CDU Rufe zur Einschränkung des Demonstrationsrechts laut.
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