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12. Dezember 2002, 14:42 Uhr

Kampf um Mittelerde

Helden mit haarigen Füßen und Horden wilder Widerlinge, Elben-Liebe und der uralte Traum von einer besseren Welt. In der Traumlandschaft Neuseelands entstand das größte Kino-Märchen unserer Zeit.

Frodo in Bedrängnis© Warner

Von Hannes Ross

Gleich werden sie kommen. Die Zwerge, Elben, Orcs, die Ritter und auch die Hobbits mit ihren haarigen Riesenfüßen. Sie werden sich an die Holztische setzen und ihre Schwerter und Keulen daneben legen, als wären es Regenschirme. Sie werden Putensteaks und Kartoffelsalat mampfen und literweise schwarzes Wasser mit Kaffeegeschmack in sich hineinschütten. In der Ecke wird ein Streicherquartett »Die vier Jahreszeiten« spielen, und ein Hobbit wird zum Gelächter aller mit einem Orc ein paar Tanzschritte zwischen den Stuhlreihen wagen.

Dann, nach einer halben Stunde, wird dieses seltsame Schauspiel so plötzlich vorbei sein, wie es begann. Dann werden sie wieder in der Fabrikhalle nebenan verschwinden und sich dort mit ihren Schwertern und Keulen die Köpfe einschlagen. Oder seltsame Sätze sagen wie: »I amar prestar aen, han mathon ne nen.« Das ist Elbisch, die Sprache der Elben, und bedeutet: »Die Welt ist im Wandel, ich spüre es im Wasser.«

Neuseeland, im Mai 2002. Es ist Mittagszeit in der Stone Street. Man fährt vom Zentrum der Hauptstadt Wellington eine halbe Stunde hierher, links die Oriental Bay, wellenlos und flach wie ein Baggersee, rechts steile Regenwaldhänge. Es ist auf den ersten Blick schwer zu glauben, dass hier, zwischen bunt angestrichenen Holzhäuschen in einer ehemaligen Farbfabrik, das bislang aufwendigste und größte Filmprojekt entsteht, das es je gab: die Fantasy-Trilogie »Der Herr der Ringe«.

Eine 310-Millionen-Dollar-Produktion mit mehr als 20.000 Statisten, deren erster Teil, »Die Gefährten«, vor ziemlich genau einem Jahr in die Kinos kam und seitdem 860 Millionen Dollar eingespielt hat - davon können »Spider-Man« oder die Jungs von »Stars Wars« nur träumen. Nächste Woche nun läuft weltweit die Fortsetzung an, »Die zwei Türme«. Der dritte und letzte Teil, »Die Rückkehr des Königs«, folgt im Dezember 2003.

Gab es im vergangenen Jahr noch eine sanfte Einführung ins Reich der Märchenwesen und Zauberringe, bei der man sich so ganz gemütlich einstellen konnte auf untergehende Elb-Kulturen und die Gefahren aus dem Lande Mordor, wo die Schatten drohen, so schießt dieser neue Film aus den Startblöcken wie zu einem 100-Meter-Lauf. Ohne langatmige Zusammenfassung, ohne Verschnaufpause wird der Zuschauer nach Mittelerde geschleudert. Und dort ist's noch finsterer, noch böser und gefährlicher geworden.

Die Gemeinschaft der Gefährten, die in Teil eins aufgebrochen waren, um den einen, den mächtigsten aller Ringe zu zerstören, ist auseinander gebrochen. Die Fürsten der Finsternis - der Zauberer Saruman und sein Meister Sauron - rüsten ihre Orc-Armeen zur Vernichtungsschlacht. Und bei diesem rund zwanzig Minuten langen, am Computer bearbeiteten Gefecht wird sich auch ein George Lucas staunend die Augen reiben.

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