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Absurdes Theater

Kein anderes Land zahlt so viel Geld für seine Bühnen: rund zwei Milliarden Euro jedes Jahr. Doch Schauspieler, Sänger und Tänzer sehen davon nur wenig. Das meiste Geld wird hinter den Kulissen verbraten. Enthüllungen aus dem Kultur-Betrieb - am Beispiel des Theaters in Saarbrücken.

Von Walter Wüllenweber

Es ist so weit. Das große Sterben beginnt. Blut fließt in Strömen. Es wird geköpft, erwürgt, erstochen. Auf der Bühne stapeln sich die Leichen. Die Überlebenden singen, was die Stimmen hergeben. In den nächsten Tagen wird ihnen selbst das Sprechen wehtun. Richard Strauss hat den Höhepunkt seiner Oper "Elektra" ohne jede Rücksicht auf die Stimmbänder der Sänger komponiert.

Auch in der Theaterkantine ist dies der Höhepunkt des Tages. Um einen Tisch sitzen Männer in blauen Latzhosen. Aus ihren T-Shirts quellen dicke Oberarme. Seit Stunden verquarzen sie die Kantinenluft und trinken einen Kaffee nach dem anderen. Oben auf der Bühne beginnt das Gemetzel. Es ist genau 21 Uhr. Von nun an bekommen die Muskelmänner 20 Prozent mehr Lohn. Nachtzuschlag. So steht es im Tarifvertrag. Ihnen wird diese Zuwendung nur zuteil, weil sie keine Sänger sind, keine Schauspieler und keine Tänzer. Es sind Bühnenarbeiter des Theaters in Saarbrücken. So ist das an deutschen Theatern: Den einen geht es an den Kragen, die anderen bekommen Zulagen.

Denn die Spielpläne werden ohne Respekt vor hart erkämpften Tarifverträgen zusammengestellt: Der Vorhang hebt sich meist erst abends. Das ist teuer. Allein die Sonn-, Feiertags- und Nachtzuschläge für die Bühnenarbeiter kosten das Saarbrücker Theater genauso viel wie die Gehälter für das gesamte Ensemble der Opernsänger zusammen.

Während der gesamten Spielzeit ist in den deutschen Feuilletons über das Ekeltheater diskutiert worden, über Schauspieler, die auf der Bühne kacken und kopulieren. Doch das wahrhaft absurde Theater spielt sich an den Schauspielhäusern nicht auf, sondern hinter der Bühne ab. An ganz normalen Regionaltheatern wie in Saarbrücken.

Deutsche Theater sind Volkseigene Betriebe. Nur rund 16 Prozent ihrer Kosten spielen sie selbst ein. Den Rest zahlt der Steuerzahler. Der Staat subventioniert die Theater, um die Künstler zu unterstützen. Die Zuschauer kommen ins Theater, um die Künstler zu sehen. Doch in der Firma Theater spielen Künstler nur eine Nebenrolle. Das zeigt schon ein Blick auf den Stellenplan: Am Saarbrücker Theater sind 477 Menschen beschäftigt. Von ihnen sind 19 Schauspieler, 15 Opernsänger und 14 Balletttänzer. Zusammen zehn Prozent aller Beschäftigten. Am Theater arbeiten mehr Schreiner als Schauspieler, mehr Schlosser als Schauspieler, mehr Schneider als Schauspieler. Das Geld vom Staat ist also mehrheitlich keine Subvention der Kunst, sondern eine Subvention des Handwerks und der Verwaltung. Der Apparat hat übernommen.

Am Vormittag weht eine Dunstwolke

durch das Treppenhaus des Saarbrücker Theaters. Jemand hat die Tür zum Probensaal des Balletts geöffnet. Dort wird seit Stunden geschwitzt. Perfekt modellierte Körper schweben über den Schwingboden, als hätte jemand die Schwerkraft abgestellt. Marguerite Donlon übt mit ihrem Ensemble eine neue Produktion. "Okay everybody, short break!", ruft die Chefin. Kurz darauf stehen 14 japsende Tänzer um die kleine Frau aus Irland. Umgangssprache ist Englisch. Die Tänzer kommen aus neun verschiedenen Nationen. Die Konkurrenz im Ballett ist brutal und global. Fünf Stunden probt das Ensemble. Und abends pumpen alle noch eine Einheit im Fitnessstudio. Die Qual bewirkt Qualität. Die "Donlon Dance Company", so heißt das Saarbrücker Ballett-Ensemble, tanzt in der deutschen Spitze, wird zu Aufführungen in ganz Europa eingeladen.

Die Tänzer haben den härtesten Beruf von allen und müssen sich mit Ende 30 einen neuen suchen. Doch sie werden am schlechtesten bezahlt. "What?", ruft Marguerite Donlon. "Wir verdienen wirklich am wenigsten? My God, das habe ich nicht gewusst." Künstler! Das Wirtschaftliche interessiert sie nicht. "Das ist ein Schock!" Erst mal einen Schluck Kaffee. Durchatmen. "Diese deutschen Regeln, diese Gewerkschaften und all das. Wie soll man das verstehen? Wir ignorieren das einfach. Sonst könnten wir gar nicht arbeiten", sagt sie.

Der VEB-Theater ist keine klassenlose Gesellschaft. "Abends spielen wir Brecht, aber am Theater selbst herrscht die übelste Klassengesellschaft", sagt Michael Hiller, Schauspieler am Saarbrücker Theater.

Und so sieht es aus,

das Klassensystem am deutschen Theater:

Die Unterschicht: Ganz unten sind alle, die abends auf der Bühne stehen. Sie verdienen am wenigsten und haben die unsichersten Arbeitsplätze. Am Saarländischen Staatstheater verdienen Tänzer im Durchschnitt 2300 Euro. Brutto. Schauspieler 2600 Euro und Opernsolisten 2700 Euro. Durchschnitt bedeutet: Manche, die am Abend Hauptrollen spielen, müssen mit 2000 Euro zufrieden sein. Künstler werden grundsätzlich nur mit immer neuen Zeitverträgen beschäftigt, meist auf ein Jahr begrenzt. In allen anderen Branchen sind solche "Kettenverträge" verboten. Die Gefahr, den Job zu verlieren, ist nicht theoretisch. Im Herbst wird es in Saarbrücken einen Intendantenwechsel geben. Die neue Chefin hat 10 von 19 Schauspielern gekündigt. Sie braucht Platz für ihre eigenen Leute. Zum schlecht bezahlten, unsicheren Arbeitsplatz gehört auch die "Residenzpflicht". Für Stücke, in denen sie nicht auftreten, sind Schauspieler und Sänger meist Ersatzbesetzung. Bei jeder Aufführung müssen sie einspringen können - wie derzeit Oliver Kahn. Weshalb sie oft die ganze Spielzeit über die Stadt nicht verlassen dürfen. "Schauspieler sind die ärmsten Schweine am Theater", sagt Klaus Siebenhaar, früher kaufmännischer Direktor am Deutschen Theater in Berlin, heute Professor für Kulturmanagement an der FU Berlin.

Die untere Mittelschicht: Die Chorsänger haben ähnliche Arbeitsverträge wie die Schauspieler. Aber in der Realität wird ihnen nie gekündigt. Und ihnen stehen umfangreiche Zulagen zu. Die gibt es beispielsweise, wenn der Chor eine große Oper in einer fremden Sprache singen muss. Und die Opern von Verdi oder Puccini sind rücksichtsloserweise sämtlich nicht auf Deutsch. Mit ihrer Hintergrundarbeit verdienen die Chorsänger in Saarbrücken 2800 Euro im Schnitt - mehr als die Opernsänger, die auf der Bühne solo singen. Darum wechseln die besten Solisten oft in den Chor, besonders wenn sie Familie haben.

Die obere Mittelschicht: Bühnenarbeiter, Handwerker und Verwaltungsangestellte sind ganz normale Beschäftigte des öffentlichen Dienstes. Sie arbeiten nach dem gleichen Tarifvertrag wie ihre Kollegen im Einwohnermeldeamt und sind praktisch unkündbar. "Rechnet man alle Schichtzulagen mit, wird hinter der Bühne meist mehr verdient als darauf", sagt Stefan Bender, Betriebsratsvorsitzender des Saarländischen Theaters.

Die Oberschicht: Die Könige an jedem deutschen Theater sind die Orchestermusiker. Sie verdienen bei weitem am meisten, in Saarbrücken 4000 Euro im Schnitt. Und sie haben - dank eines speziellen Tarifvertrags, der sie so privilegiert wie keinen anderen deutschen Arbeitnehmer - etwa denselben Kündigungsschutz wie der Papst. Kein Sterblicher kann einen Musiker, dessen Leistung mit den Jahren nachlässt, am Spielen hindern, geschweige denn degradieren. "Kulturorchester haben das Paradies auf Erden", sagt Professor Siebenhaar.

Ist diese Ungleichbehandlung gerecht?

"Ach, was ist schon gerecht auf dieser Welt", sagt Kurt Josef Schildknecht, seit 15 Jahren Generalintendant des Saarländischen Staatstheaters. Was kümmern ihn die Strukturen der Firma, deren Chef er ist. Auch die ökonomische Situation des Hauses wischt der Generalintendant mit einer Generalweisheit vom Tisch: "Unwirtschaftlich ist am Theater alles." Zum Beispiel das Gehalt eines Intendanten. Am Saarländischen Staatstheater verdient er etwa so viel wie der Ministerpräsident. Und Leonid Grin, der Generalmusikdirektor, kommt den Landeshaushalt ungefähr so teuer zu stehen wie ein Minister. In Saarbrücken hat er den Spitznamen "Klinsi", weil er viel Zeit in Kalifornien verbringt. Fünf Monate, sagt der Intendant, müsse "Klinsi" anwesend sein. Bezahlt bekommt er ein ganzes Jahr.

Intendant Schildknecht hat gekündigt. Ab Oktober wird Dagmar Schlingmann seinen Posten übernehmen. Grund für Schildknechts Flucht war der Beschluss der Landesregierung, die Subventionen zu kürzen. Bislang zahlte das Land 24 Millionen Euro pro Jahr. Der Kultusminister Jürgen Schreier (CDU) will die Zuschüsse deutlich kürzen. Zuerst verlangte er, sechs Millionen Euro einzusparen, nach massiven öffentlichen Protesten hat er seine Forderung auf drei bis vier Millionen reduziert.

Wie können Theater sparen? 85 Prozent aller Kosten sind Personalkosten. Dort also muss der Rotstift angesetzt werden. Doch die teuren Orchestermusiker sind unantastbar. Ebenso die "nicht künstlerisch Beschäftigten". Es bleiben nur die Schauspieler, Tänzer und Sänger. Wegen der Zeitverträge. Ein Theater kann also nicht bei den Nebensachen sparen, sondern nur beim Wesentlichen, bei denen, für deren Leistung die Subventionen überhaupt gezahlt werden: bei den Künstlern. Und genau das geschieht. In den vergangenen fünf Jahren sind an deutschen Bühnen rund 6000 Solistenstellen gestrichen worden. Das hat die Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) ermittelt. "Schauspieler sind die Sparmasse der Theater", sagt der Kulturwissenschaftler Michael Söndermann.

"Bitte Ruhe!" Hans Michael Beuerle klopft aufs Dirigentenpult. Die Bläser schütten die Spucke aus ihren Instrumenten. Der erste Geiger schaut streng in die Runde. Orchesterprobe des "War Requiem" von Benjamin Britten. Beuerle ist ein Gastdirigent, der für Proben und Aufführung aus Freiburg anreist. Mit Hingabe probt er die ersten Takte und erklärt den Musikern gestenreich, worauf sie zu achten haben. Langsam, aber präzise verändert sich das Klangbild. Das "War Requiem" ist ein schwieriges Stück, oft unmelodisch. Beuerle und dem Orchester gelingt es, den stillen, traurigen Charakter herauszuarbeiten. Auf dieser Basis ließe sich bei der nächsten Probe aufbauen. Doch wenn Beuerle nächste Woche wieder nach Saarbrücken reist, sitzen womöglich ganz andere Musiker vor ihm.

Der Grund dafür ist das "Mugge", das Musikalische Gelegenheits-Geschäft. Die meisten Orchestermusiker verdienen sich nebenher noch ein paar hundert oder gar tausend Euro dazu. Sie gründen kleine Kammerorchester, spielen in Bands oder geben Unterricht. Das können sie, weil das Orchester nie komplett gebraucht wird. In Saarbrücken passen nicht mal alle gleichzeitig in den Orchestergraben. Die Musiker teilen selbst ein, wer bei welcher Aufführung oder Probe spielt. Und nehmen dabei Rücksicht auf die jeweiligen Mugge-Verpflichtungen. "Der Dirigent hat nur wenig Einfluss darauf, wer gerade im Orchester sitzt", sagt Constantin Trinks, Dirigent des Saarbrücker Orchesters. "Allenfalls zur Premiere kann er Wünsche äußern. Das wird vom Orchester aber nicht gern gesehen."

Man stelle sich vor, Jürgen Klinsmann dürfte seine Mannschaft nicht selbst aufstellen und höchstens für das Eröffnungsspiel Wünsche äußern. Ob dann die Abwehrformation, die er trainiert hat, auch wirklich aufläuft, wüsste er trotzdem nicht. Genau so werden Orchester organisiert.

Musiker haben ihren eigenen "Tarifvertrag für die Musiker in Kulturorchestern". Das Werk ist ein Katalog von Rechten und Zulagen: Spielen sie auf der Bühne - Zulage. Sind sie kostümiert - Zulage. Sind sie geschminkt - Zulage. Flötisten beherrschen in der Regel auch die Piccoloflöte. Steht das gelegentliche Spielen eines solchen Zusatzinstruments im Arbeitsvertrag - Gehaltserhöhung. Wenn nicht - Zulage.

Die Arbeit des Orchesters wird in Diensten gemessen. Ein Dienst ist eine Aufführung oder eine Probe. Davon absolviert das Orchester maximal acht in der Woche. Ein Dienst dauert höchstens 3 Stunden und 15 Minuten. Und nicht 3 Stunden und 16 Minuten. Nun haben Mozart, Wagner oder Puccini leider aufs Gröbste gegen die Vorschriften des Tarifvertrags komponiert. Eine bombastische Wagner-Oper bedeutet für das Orchester immer einen "Doppeldienst", also einen Dienst, der wie zwei zählt. Aber was ist mit Mozarts "Hochzeit des Figaro"? Sie dauert nur wenige Minuten länger als ein Dienst. Da kennt der Tarifvertrag null Toleranz. Eine Minute drüber - Doppeldienst. Und das bei jeder Aufführung. Das bedeutet in der Summe, dass in einer Spielzeit eine ganze Produktion entfallen muss. Ein ziemlicher Einnahmeverlust. Aber der Doppeldienst lässt sich umgehen: Man lässt einfach die eine oder andere Arie weg. ""Die Hochzeit des Figaro" wird in Deutschland in der Regel nicht voll ausgespielt", sagt Gerald Mertens, Geschäftsführer der Orchestergewerkschaft DOV. Tarifvertrag geht vor Kunst.

"Langsam wird mir kalt", sagt der Schauspieler Michael Hiller und zieht sich einen Bademantel über. Den ganzen Nachmittag hat er mit nacktem Oberkörper auf der Probebühne gesessen. Regisseur Laurent Gutmann und einige Schauspieler arbeiten an einer Szene der Tragödie "Lorenzaccio" von Alfred de Musset. Sie suchen nach einer Möglichkeit, die das enge, fast intime Verhältnis zwischen zwei Männern deutlich macht, zwischen Lorenzaccio, gespielt von Jan-Aiko zur Eck, und dem Herzog, gespielt von Hiller. Der hat schließlich eine Idee. "Hey, Lorenzaccio, du könntest mir doch die Brust enthaaren. In Vorbereitung auf das Rendezvous in der nächsten Szene." Einen Moment lang schweigen alle. "Absurd genug ist es", resümiert Regisseur Gutmann.

Nur: Wie enthaart man eine Männerbrust? "Hat jemand Enthaarungspflaster dabei?", fragt Gutmann. Hat natürlich keiner. Am Rand der Bühne liegt eine Rolle breites Gewebeklebeband. Hiller zieht den Bademantel aus, reißt drei etwa 15 Zentimeter lange Stücke ab und pappt sie sich quer über die Brust in die gekräuselten Haare. Dann setzt er sich in einen Sessel auf der Bühne, Jan-Aiko zur Eck steht dahinter. Sie versinken in ihren Rollen. Lorenzaccio fetzt dem Herzog die Klebestreifen ab. Der Herzog schreit. Der Schmerz ist nicht gespielt. Auf seiner Brust leuchten drei rote, haarlose Streifen. Vermutlich wird die Haut sich entzünden. "Na, was meint ihr?", fragt Hiller. "Hm, weiß nicht", sagt Laurent Gutmann. Dreimal wiederholen sie die Prozedur an diesem Nachmittag. Und wissen am Ende immer noch nicht, ob sie es so machen wollen.

"Das ist eben Kunst", sagt Hiller. "Da muss man was riskieren und die Freiheit haben, sich zu verrennen. Sonst kommt nur fades Zeug raus." Mit ökonomischen Maßstäben kann man diese Arbeit nicht messen. Tag für Tag ringt das Ensemble um Details. 200 Stunden Probe sind dafür angesetzt worden. Für insgesamt maximal zwölf Aufführungen. "Dann waren alle Abonnenten einmal drin. Im Saarland kommt danach keiner mehr", sagt Chefdramaturg Matthias Kaiser.

Genau für solche Experimente ist die Förderung gedacht. "Die Subventionen sollen künstlerische Wagnisse absichern", sagt Jürgen Schreier, der Kultusminister. Er hat eingesehen: "Bei den Schauspielern selbst kann man nicht mehr sparen." Doch sein Plan, die Zuschüsse zu kürzen, bewirkt genau das, was Schreier vermeiden will: Künstlerische Wagnisse werden schwieriger, und die Schauspieler verdienen noch weniger.

Den Theatern mangelt es nicht so sehr an Geld, sondern vor allem an Gerechtigkeit. Nicht geizige Politiker, sondern Tarifverträge knebeln die Kunst. Vor der Aufgabe, dieses Grundübel zu beseitigen, haben die Kulturmacher kapituliert. Ein Arbeitsrecht für alle Beschäftigten am Theater wird es nicht geben. "Das wünsche ich mir. Aber das schaffen wir nicht", sagt der Minister.

Die mächtigsten Kämpfer gegen einheitliche Rechte

aller Arbeitnehmer sind die Gewerkschaften. Alle Gruppen am Theater haben ihre eigene Gewerkschaft und ihren eigenen Tarifvertrag. Die Deutsche Orchester Vereinigung (DOV) verteidigt die Privilegien der Musiker. Die Vereinigung Deutscher Opernchöre wacht über die Zulagen der Chorsänger. Schauspieler, Tänzer und Opernsolisten werden von der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger vertreten.

Hans Herdlein ist der geschäftsführende Präsident der GDBA. Dieses Amt hat er 1972 übernommen. Damals war Willy Brandt Bundeskanzler, Ver.di hieß noch ÖTV, und deren Vorsitzender war Heinz Kluncker. In den Amtsjahrzehnten Herdleins hat sich die Lage der Schauspieler kontinuierlich verschlechtert. In der Branche heißt es: Auf einem Herdlein kann man nur köcheln.

Für die "nicht künstlerisch" Beschäftigten kämpft die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Am Theater sind Ver.di und die Künstlergewerkschaft keine Partner, die gemeinsam gegen die Arbeitgeber streiten. Sie sind Konkurrenten. "Wir liegen seit Jahren im Clinch", sagt GDBA-Chef Herdlein. Für Herdlein geht es ums Überleben. Nicht der Schauspieler, sondern seiner kleinen Gewerkschaft. Ver.di will ihm die Mitglieder abjagen. "Klar", sagt Rolf Linsler, Landesbezirksleiter von Ver.di im Saarland. "Die Schauspieler sollten sich lieber von uns vertreten lassen. Dann ginge es ihnen besser." Je schlechter es den Schauspielern also geht, desto besser für Linsler und für Ver.di.

"Japapapapaaah", "dududududuuuh". Michael Hiller und fünf seiner Kollegen singen sich für die Abendvorstellung ein. Hiller steckt in einer Polizeiuniform, unter der die inzwischen enthaarte Brust nicht zu sehen ist. "Männer" steht auf dem Programm, ein Liederabend von Franz Wittenbrink, der die verschiedenen Mannstypen parodiert. Noch ein paar Minuten bis zur Vorstellung. Die Männer diskutieren ihre Zukunft. Allen sechs ist gekündigt worden. "Für viele von uns bedeutet das in einem Jahr Hartz IV. Der Markt für Schauspieler ist verdammt eng", sagt Hillers Kollege Thomas Hölzl. Alle nicken.

Schauspieler haben sich nie um die Strukturen, nie um Politik und die Geldflüsse am Theater gekümmert. All das symbolisiert für deutsche Kulturschaffende die Gegenwelt, das Reich des Bösen, mit dem sie möglichst nicht in Berührung kommen wollen. Naivität gehört zu ihrem Lebensgefühl. Das rächt sich.

"Hopphopp. Los geht's!", ruft der Bühnentechniker. Im Publikum sitzen überwiegend Frauen. Immer wieder hört man sie seufzen: "Genau wie meiner", wenn eine in den dargestellten Kerlen ihren Liebsten erkennt.

Wären die sechs Männer auf der Bühne keine Schauspieler, würden sie an diesem Abend kräftig verdienen. Es ist Sonntag, und es geht bis weit nach 22 Uhr. Für Bühnenarbeiter heißt das: Sonntags- und Nachtzuschlag. Ständen heute Abend Chorsänger oder Musiker für eine winzige Rolle mit auf der Bühne, erhielten sie Zulagen. Schauspieler hingegen, deren Job eigentlich das Sprechen ist, singen bei "Männer" den ganzen Abend, sogar in fremden Sprachen. Zwischendurch spielen sie auf ungewöhnlichen Instrumenten. Für all das würde irgendjemand am Theater Extrakohle abgreifen. Addiert man alle Zulagen, die nach Tarifverträgen am Theater für einen solchen Abend fällig wären, kommt man auf acht. Schauspieler bekommen keine.

Die Zuschauer sind begeistert. Am Schluss klatschen und trampeln sie minutenlang. Es gibt eine Zugabe. Und noch eine. Und noch eine. Bei Schauspielern ist das alles inklusive.

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