Hitlers letzte Tage, die Vertreibung - und jetzt die Geschichte der RAF: Die Schrecken und Dramen der Zeitgeschichte treiben deutsche Filmemacher derzeit mächtig um. Aber: Wird Geschichte so banalisiert? Im Gespräch streiten unter anderem RAF-Experte Stefan Aust und der Historiker Arnulf Baring.

Moritz Bleibtreu als Andreas Baader und Johanna Wokalek als Gudrun Ensslin in der "Baader Meinhof Komplex"© Constantin Film/DPA
Stefan Aust: Die Rote Armee Fraktion ist jetzt Geschichte. Das war vor 20 Jahren, als ich das Buch geschrieben habe, noch nicht so. Da existierte die RAF noch zwölf weitere Jahre und war ein virulentes Thema. In diesen Filmen haben wir - jeder auf seine Weise - versucht, mit den historischen Ereignissen umzugehen. Der Zeitpunkt, sich so damit auseinander zusetzen, war einfach gekommen.
Nadja Uhl: Die Auseinandersetzung mit Geschichte bedeutet für mich, die eigene Identität besser zu verstehen und gibt dem Streben, das Leben zu ergründen, einen Sinn. Schauspieler haben die Möglichkeit, Menschen im Spiegel ihrer Zeit zu zeigen, die Zeit und ihre Ereignisse für jeden fühlbar zu machen. Zwei der schwierigsten Rollen waren für mich die Rolle der Stewardess Gabriele Dillmann und zur selben Zeit die Rolle der Terroristin Brigitte Mohnhaupt. Ich spielte gleichzeitig zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht in den Kontext ihrer Zeit einzuordnen sind. Ich empfand es als professionelle wie emotionale Zerreißprobe.
Aust: Gerade die Täter-Perspektive halte ich für wichtig, um das Geschehen zu begreifen. Das habe ich versucht: zu verstehen und herauszuarbeiten, warum die so gehandelt haben. Das soll auch dem Zuschauer vermittelt werden. Ich finde übrigens, dass wir das mit unserem Film gut hinbekommen haben. Der Zuschauer macht das Wechselbad der Gefühle so mit, wie wir damals empfunden haben. Da wird der Student Benno Ohnesorg erschossen, worüber man sich empört und wogegen man aufstehen will und wo man auch versteht, dass es jemand tut - und dann erlebt man andererseits diese absurde Gewalt. Den gleichen Effekt gibt es beim Dritten Reich. Filme und Literatur ermög lichen uns, in die Täter hineinzuschauen, was selbstverständlich viel schwerer ist. Aber nur so kann ich irgendwie heraus finden, woher zum Beispiel dieser Judenhass kommt - und meine Schlüsse ziehen.
Uhl: Täter agieren in einem vollkommen veränderten Werte-Koordinatensystem, das das Töten von Menschen rechtfertigt und sie von persönlicher Verantwortung freispricht. Um das moralisch Unbegreifliche zu verstehen, habe ich das Buch von Harald Welzer "Täter" gelesen.
Gabriela Sperl: Die Täter-Perspektive ist durch Stefan Aust seit Mitte der 80-er präzise erforscht. Um die Täter geht es immer viel häufiger als um die Opfer. Wir konzentrieren uns beim Film "Mogadischu", den ich mit der Firma teamWorx und Nico Hofmann für die ARD produziert habe, auf die Perspektive der Opfer. Auf die kleinen Helden, die innerhalb und außerhalb der entführten Maschine Zivilcourage bewiesen haben, wie etwa der Lufthansa-Kapitän Schumann, der für den Versuch, seine Pas sagie re zu retten, mit dem Leben bezahlte. Wir zeigen auch den Mut der GSG-9-Männer, die jahrelang Trockentraining machen mussten, statt gegen den Terrorismus ein gesetzt zu werden. Der Autor von "Mogadischu", Maurice Philip Remy, hat jahrelang recherchiert. Am Ende, das zeigt der Film sehr genau, bleibt vom Mythos der RAF nichts übrig als Terroristen, die nicht überlebensgroß sind, sondern Handlanger, gedungene Mörder, Schachfiguren auf dem Spielfeld des Kalten Kriegs.
Arnulf Baring: Ich muss Sie enttäuschen. Ich sehe keinen großen Unterschied zwischen meiner Arbeit und dem, was Journalisten, Literaten und Filmemacher tun. Selbst eine frei erfundene Biografie, wie sie Jonathan Littell in dem NS-Täter-Roman "Die Wohlgesinnten" abgeliefert hat, dient der Vermittlung von Geschichte.
Baring: Man muss eines vorab anerkennen: Geschichte als solche gibt es gar nicht. Es gibt verschiedene Bilder und Darstellungen des Geschehenen. Zu denen gesellen sich ständig neue Versionen, Interpretationen, die das kollektive Bild weiterentwickeln. Es gibt keinen Anspruch auf eine wahre Sicht. Das sieht man allein darin, dass sich selbst Zeitzeugen, die es wissen müssten, ständig widersprechen.
Sperl: Das haben wir bei den Dreharbeiten zu "Mogadischu" erlebt. Nach unseren Recherchen hat der GSG-9-Kommandeur Ulrich Wegener bei der Erstürmung der Maschine einen der Terroristen erschossen. Vor Ort, beim Nachstellen der Szene, wies Wegeners ehemaliger Adjutant seinen Chef darauf hin, dass er doch gar nicht in der Maschine gewesen sei, sondern die Aktion vom Boden aus geleitet habe. So verschieben sich oft die Abläufe über die Jahrzehnte in der Erinnerung. Jede Darstellung von Geschichte ist lückenhaft und eine Interpretation ex post.
Baring: Ich glaube, dass unser Land tief gestört ist, weil die Traumatisierung durch das Dritte Reich nie verarbeitet werden konnte. Zum Teil auch durch dogmatische Deutungen. Auf einmal hieß es, die damaligen Deutschen seien insgesamt Massenmörder gewesen, was grotesk ist. Dazu kam ein verzerrtes Bild der Widerstandskämpfer. Natürlich ist mir als Historiker die größtmögliche Genauigkeit wichtig. Aber Einfühlung in die historischen Vorgänge und die handelnden Personen, die Emotionalisierung, die uns an die Wahrheit heranlässt, ist ebenso wichtig. Auch wenn es subjektive Wahrheiten sind, die wir da entdecken, jeder für sich.
Aust: Ich weiß, die Frage drängt sich auf. Jeder ahnt, dass ich damals sehr dicht dran war. Ich kannte Ulrike Meinhof und andere gut. Aber die Frage mitzumachen, in den Untergrund zu gehen, hat sich für mich keine Sekunde gestellt. Ich war immer ein großer Freund der Freiheit. Ich hatte nie den Drang, Gewalt anzuwenden, auch nicht, um jemanden zu be freien. Und ich wollte nie zeigen, dass dieser Staat ein Polizeistaat ist, indem ich mich von ihm besonders quälen lasse. Es war mir nie ein Bedürfnis, auf die Straße zu laufen und "Ho Ho Ho Chi Minh!" zu brüllen. Aber ich wollte ganz genau wissen, was warum gerade passiert.
Baring: Es war eine Folge von 68, dass man die gesamte deutsche Geschichte so interpretierte, als habe sie zwangsläufig zum Holocaust geführt. Das wurde irgendwann Allgemeingut.
Aust: Und war trotzdem falsch. Diese Kausalkette gibt es nicht.
Baring: Genau. Heute ahnen die Deutschen, dass sie nur zukunftsfähig sind, wenn sie ein entspanntes und inhaltlich verarbeitetes Verhältnis zur eigenen Geschichte haben. Wir sind auch deshalb demokratisch so gefährdet, weil wir unsere Wurzeln verloren haben.
Das komplette Gespräch als Videointerview finden Sie unter www.parkavenue.de.
Gefunden in... ...der Zeitschrift Park Avenue. Titelthema der aktuellen Ausgabe (Heft 10): Die große Martina Gedeck.