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Hör mal, wer da spricht

Aus dem Dunkel der Sprecherkabinen waren sie im Scheinwerferlicht zusammen gekommen: Die deutschen Stimmen von Hollywoodstars wie Julia Roberts und Robert de Niro trafen sich in Berlin zur Verleihung des Deutschen Preises für Synchron.

Von Dana Trenkner

So haben wir Julia Roberts noch nie gesehen. "Schlüpfrige kleine Scheißerchen" tönt es deftig durch den Raum, in fehlerfreiem Deutsch. Sie ist es, sie muss es sein, ihre Stimme hat sie verraten. Doch nicht Richard Gere und Julia Roberts sitzen da am Tisch und futtern glitschige Schnecken, wie in der berühmten Szene aus "Pretty Woman", sondern Julias deutsche Stimme, die Schauspielerin Daniela Hoffmann. 1,61 Meter groß ist sie, stupsnasig, bodenständig, Schnecken mag die 45-Jährige auch nicht. Ihre Stimme kennt jeder, ihren Namen kaum jemand. Und statt der Millionengage einer Julia Roberts bekam sie für die Synchronisation von "Pretty Woman" 1992 knapp 2000 Mark.

"Ziel der Preisverleihung ist es, die Leistungen der Synchronsprecher endlich aus dem Hintergrund des Filmgeschäfts auf die Bühne zu holen", betont Jurypräsident und Bambipreisträger Rainer Brandt, selbst Betreiber eines Synchronstudios. Seine sechsköpfige Fachjury vergab Preise in sieben Kategorien. 84 Kino- und TV-Beiträge, Serien und Animationsfilme waren zuvor von Synchronproduzenten, Filmverleihern und TV-Sendern aus ganz Deutschland eingereicht worden, ein neuer Rekord im achten Jahr.

Eine Frage der Intelligenz

"Gutes Synchronisieren ist auch eine Frage der Intelligenz. Ich will kein Papagei sein sondern die Rolle so ausfüllen, dass der Zuschauer später denkt: Jodie Foster spricht deutsch", erklärte die Synchronstimme der Leinwandgröße, Hansi Jochmann, 2005 in einem Zeitungsinterview. Dafür muss der Synchronsprecher verstehen, wie das Leinwandoriginal denkt, jede Gestik, jede Mimik bis ins Detail kennen, oft auch Dialekte und Akzente lernen. Zungenbrecher wie "Hier, ihr Tunfischsandwich Sergeant Smith" oder "Sind die Assistenzarztattests fertig"? müssen mühelos klappen.

Synchronsprecher sind deshalb meist gestandene Schauspieler und heißen eigentlich Synchronschauspieler. Kein Bühnenbild und keine Maskenbildner helfen ihnen dabei, in ihre Rollen zu schlüpfen, alles muss im Halbdunkeln am Mikro erfühlt werden. Und lippensynchron soll es sein, damit das "fünf" für "five" genau dann einsetzt, wenn der Schauspieler die Oberlippe an die Schneidezähne hebt. Im Idealfall merkt der Zuschauer später gar nichts von ihrer Arbeit. "Ein Synchrontag ist körperlich extrem anstrengend denn Gestik und Mimik müssen mithelfen beim Sprechen", erklärt Daniela Hoffmann. Sie steht am liebsten mit Jeans und T-Shirt am Mikrofon. Auf Dutzende verschiedene Arten kann die quirlige Blonde so ein "fünf" sprechen: schnell, gedehnt, wütend, gelangweilt, erleichtert, verächtlich, spritzig.

"Zeuge eines Wunders"

Zu Beginn der Tonfilmära sorgte die Synchronisation für begeisterte Reaktionen: "Es ist so, als wäre man Zeuge eines Wunders geworden", schrieb ein Journalist des "Filmkurier" im September 1929, als einer der ersten Tonfilme in Deutschland synchronisiert wurde. Er war beeindruckt davon, dass den englischsprachigen Darstellern in "Broadway" deutsche Worte so "leicht und flüssig“ von den Lippen kamen, "als handle es sich um ihre Muttersprache".

Nur durch harte Arbeit und professionelle Sprecher erreicht man, dass der Ton lippensynchron erscheint. Doch das Verständnis für diese Arbeit scheint langsam verloren zu gehen: "Bei den Sendern wird heute sehr oft zu wenig auf die Qualität geachtet", sagt Rainer Brandt, "einer musste gerade eine Serie absetzen, weil sie herausragend schlecht synchronisiert war". Immer schneller und immer preiswerter sollen die Produktionen sein.

Ein anderer Sender soll die Qualitätsdiskussion um die Synchronarbeit an einer Serie mit den Worten "Hauptsache deutsch" beendet haben, erzählen sich die Synchronsprecher. Obwohl sie die stimmgewaltigsten der Branche sind, wurde ihre Stimme bisher immer überhört. Synchronregisseure und Synchronschauspieler haben sich auch deshalb seit 2006 in eigenen Verbänden organisiert. "Uns geht es vor allem um die Qualität der künstlerischen Arbeit und eine vernünftige soziale Absicherung", betont Nicolas Böll, Verbandssprecher des Interessenverbandes Synchronschauspieler (IVS) mit Sitz in Berlin. 365 Mitglieder hat sein Verband, im Bundesverband deutscher Synchronproduzenten (BVDSP) sind 23 Synchronfirmen organisiert. Der BVDSP gibt jetzt auch eine Gagenempfehlung heraus, die zeigt, was ein Synchronsprecher bekommen könnte.

Unstete Auftragslage

Synchronsprecher werden immer nur für einzelne Produktionen engagiert, mal ackern sie eine Woche fast rund um die Uhr, mal gibt es einen Monat gar keinen Auftrag. Abgerechnet wird in Takes, wie die einzelnen gesprochenen Szenen heißen. Vor 15 Jahren bekam ein Sprecher sieben Mark pro Take, heute sind es 3,50 Euro. Das Arbeitspensum pro Studiotag ist dagegen um 30 Prozent gestiegen. Das bedeutet oft auch: Der erste Take muss sitzen.

Nach einer Vergütungsempfehlung der Gewerkschaft ver.di sollen für einen Take drei Euro und einmalig 50 Euro pro Tag fürs Kommen gezahlt werden. 30 bis 35 Takes schaffen die Synchronschauspieler in einer Stunde. Wie viel tatsächlich bezahlt wird, bestimmt auch der Standort des Synchronstudios. In Berlin sind es nur 2,50 pro Take und 25 Euro pauschal, die Münchner zahlen im Durchschnitt 3,50 und 53 Euro. Wer die ganz großen Hauptrollen spricht, der kann mehr verlangen, bis zu 5 Euro pro Take und 100 Euro fürs Kommen. Doch das sind ganz wenige. Christian Brückner vielleicht, der seit 1974 Hollywoodlegende Robert de Niro auf Deutsch spricht und als "die Stimme" gilt.

Verwirrung bei der Rentenversicherung

Doch nicht nur der Verdienst ist meist nicht berauschend, auch mit der sozialen Absicherung der Sprecher sieht es schlecht aus. Mit Hunderten von Auftraggebern und ihren unsteten Arbeitszeiten passen die Synchronsprecher nicht in das Raster der deutschen Sozialversicherungsgesetze und werden oft auf vier verschiedene Arten abgerechnet. Bei der deutschen Rentenversicherung herrscht deshalb schon seit Jahren Verwirrung. Sind sie angestellt, sind sie selbstständig, sind sie "unstetig beschäftigt"?

Dass viele Synchronschauspieler sorgenvoll in die Zukunft blicken, liegt nach Meinung von Jurymitglied Peter Kirchberger auch an der Hysterie in der Filmbranche, von der die Synchronindustrie abhängig ist. "Die Kirchkrise war so ein hysterisches Konstrukt und wirkt bis heute nach. Es gab noch immer genug zu synchronisieren, nur hatte keiner mehr den Mut Aufträge zu erteilen". Vier von fünf Studios seien damals Pleite gegangen, schätzt der Hamburger. Im Winter 2007 brachte der dreimonatige Streik amerikanischer Drehbuchautoren, die wie die Synchronsprecher über unklare Verhältnisse bei Rentenzahlungen und Krankenversicherungszuschüssen klagen, die nächste Krise: "Weil es kaum neue Drehbücher gibt, hatten wir 30 bis 40 Prozent weniger Synchronaufträge", schätzt Rainer Brandt. Bleibt zu hoffen, dass für die Auftraggeber der Synchronbranche bald wieder die Qualität und nicht der Preis im Vordergrund steht. Denn wenn plötzlich Julia Roberts nicht mehr nach Daniela Hoffman klingen würde, wäre dass ein wenig so, als wenn man eine CD von Elvis kauft, und darauf singt Robbie Williams. Der singt auch nicht schlecht - aber erwartet hatte man eigentlich etwas anderes.

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