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Alles, nur kein Hochstapler

Seit Jahren spielt Devid Striesow in preisgekrönten Filmen, ihne wirklich berühmt zu sein. Ein Gespräch über den Spieltrieb, Finanzbetrüger und die Bereitschaft der Menschen, sich täuschen zu lassen.

Von Carsten Heidböhmer

  Schauspieler Devid Striesow vor dem Drehstart zu dem neuen Dieter-Wedel-Zweiteiler in Bremen

Schauspieler Devid Striesow vor dem Drehstart zu dem neuen Dieter-Wedel-Zweiteiler in Bremen

Er war der Matratzenverkäufer in "Lichter". Der SS-Offizier in dem Oscar-gekrönten KZ-Drama "Die Fälscher". Und er spielte Hitlers betrunkenen Hundeführer in "Der Untergang". Jahrelang war er Assistent von Bella Block in dem gleichnamigen ZDF-Krimi vor einem Millionenpublikum zu sehen. Doch die wenigsten kennen seinen Namen. Devid Striesow ist Deutschlands bekanntester Unbekannter. Der 1973 auf Rügen geborene Schauspieler gilt als extremer Workaholic. Jedes Jahr dreht er mehrere Kinofilme, daneben spielt er regelmäßig in TV-Filmen mit, auch dem Theater hält er die Treue. Für seine seit Jahren erbrachten Leistungen auf höchstem Niveau erhielt Striesow zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Alfred-Kerr-Darstellerpreis (2004) und den Deutschen Filmpreis (2007). Als das Interview geführt wurde, weilte der Schauspieler gerade in Südafrika, wo er den Dieter-Wedel-Zweiteiler "Gier" drehte.

Über sein Privatleben ist wenig bekannt. Dabei gäbe es auch da Einiges zu berichten: Mit der Schauspielerin Maria Simon hat er einen zehn Jahre alten Sohn. Später war er mit seiner Kollegin Anneke Kim Sarnau liiert, ehe die ihr Herz für den Schauspieler Hinnerk Schönemann entdeckte. Inzwischen lebt Striesow mit seinem älteren Bruder Sven und zwei Bulldoggen in Berlin.

In dem Film "So glücklich war ich noch nie" ist Striesow in der Rolle des Hochstaplers Frank Knöpfel zu sehen, der aus dem Gefängnis entlassen wird und zunächst ein anständiges Leben als Reinigungskraft führen will. Doch als er sich in die Prostituierte Tanja (Nadja Uhl) verliebt und sie aus ihrem Bordell herauskaufen will, benötigt er viel Geld. So verfällt er schon bald seinem alten Spieltrieb und schlüpft in die verschiedensten Rollen: Mal gibt er sich als erfolgreicher Geschäftsmann aus Oslo aus, mal als Immobilienmakler, dann spielt er wieder einen windigen Finanzberater. Es ist die Geschichte eines Menschen, der einfach nicht davon lassen kann, ständig Rollen zu spielen. Der alle Rollen beherrscht, aber am Alltagsleben scheitert. Letztendlich wird dem Hochstapler seine ungeheure Spiellust zum Verhängnis. Bei aller Tragik überrascht der Film immer wieder mit ungemein komischen Szenen, in denen Striesow eine bei ihm selten gesehene komödiantische Ader entfaltet.

Herr Striesow, in dem Film "So glücklich war ich noch nie" verkörpern Sie einen Hochstapler, der mit dem Rollenspielen nicht mehr aufhören kann. Haben Sie darin Parallelen zu Ihrem Beruf als Schauspieler erkannt?

Es besteht schon eine Ähnlichkeit zwischen der Spielfreude, mit der sich ein Schauspieler in seine Rollen wirft, und der Art, wie sich der Hochstapler in verschiedene Rollen versetzt, um seine kriminellen Machenschaften auszuführen. Allerdings hat das Spielen beim Hochstapler krankhafte Züge. Am Ende kann er Realität und Spiel nicht mehr auseinander halten. Das ist beim Schauspieler anders. Er kann sich immer noch über seine Rollen hinwegsetzen und den Blick von außen bewahren.

Haben Sie es noch erlebt, dass Sie selbst nicht mehr aus einer Rolle herausgefunden haben?

Nein. Das wäre auch nicht gut: Ohne diesen Blick von außen hat man keine Kontrolle mehr darüber, was man macht.

Haben Sie als Schauspieler nicht auch manchmal das Gefühl, eine Art Hochstapler zu sein? Sie müssen den Zuschauern vorgaukeln, jemand zu sein, der sie gar nicht sind.

Natürlich macht man den Leuten vor, dass man jemand anderes ist. Man versucht den Leuten was zu verkaufen und ist froh, wenn sie darauf anspringen. Der Unterschied zum Hochstapler besteht in dessen krimineller Energie.

Woher nimmt der Hochstapler seine Energie?

Es ist ein Sammelsurium von Hochstaplern, die in der Figur verarbeitet sind. Diese Menschen haben die Veranlagung, in jeder Rolle überleben zu wollen. Jeder Mensch löst manchmal Situationen und Konflikte über eine Notlüge. Wenn sich das häuft, kann es irgendwann zwanghaft werden. Aber grundsätzlich macht jeder in seiner eigenen Biografie seine kleinen Betrügereien durch.

Der Hochstapler schlüpft auch in die Rolle eines Finanzmaklers, der seinen Opfern traumhafte Renditen verspricht. Man sieht förmlich, wie die Gier in den Leuten hochkommt. Sie schalten ihren Verstand sofort aus. Ein Hochstapler kann also nie funktionieren ohne die Leute, die sich betrügen lassen wollen.

Auf jeden Fall. Es steckt eine bestimmte Bequemlichkeit dahinter, leichtfertig sein Geld und damit Verantwortung wegzugeben an jemanden, der einen mit unrealistischen Gewinnspannen ködert. Renditen, wo jeder klar denkende Mensch wissen muss: Das kann gar nicht funktionieren. Viele denken: Schön, der macht alles, was ich nicht machen will. Der kümmert sich um mein Geld und vermehrt es sogar. Und die Hochstapler fragen sich: Was wollt ihr denn von mir? Wer ist denn hier der wahre Betrüger? Das ist eine spannende Täter-Opfer-Diskussion.

Wie finden Sie in eine Rolle hinein?

Ich löse sehr viel über Situationen. Das macht der Hochstapler auch. Wenn ich auf Menschen treffe - in meinem Fall sind es Partner, die eine Rolle spielen - dann ergeben sich daraus spielerische Vorgänge. Wenn das Drehbuch gut geschrieben ist, dann gibt es nicht mehr viele Fragen zu stellen. Dann habe ich dazu ein Gefühl, und es funktioniert. Ich kann mir aber ganz schwer etwas ausdenken und dann umsetzen. Die Grenzen finde ich erst beim Spielen heraus.

Der Regisseur Christian Petzold hat über Sie gesagt, sie müssten sich in Ihre Rollen reinalbern. Haben Sie schon mit Regisseuren oder Schauspielern zusammengearbeitet, die für diese Art des Zugangs kein Verständnis aufgebracht haben?

Ja, das ist vorgekommen. Aber das war dann nicht mein Problem, das ist deren Problem.

Würden sie mit solchen Regisseuren oder Schauspielern wieder zusammenarbeiten?

Ach, man kann das ja auch klären. Ich bin mittlerweile in einer Position, wo eine ganze Menge akzeptiert wird, weil die Resultate stimmen. Wenn sich jemand darüber aufregt, ist das die eigene Unsicherheit, die er auf mich projizieren will. Ich bin nicht bereit, irgendwelche Kompromisse zu machen. Wer mich besetzt, weiß, wie ich funktioniere.

In "So glücklich war ich noch nie" können Sie an einigen Stellen Ihre komische Seite ausleben. Warum sieht man Sie nie in Komödien?

Es werden nicht so viele gute Komödien gedreht. Die letzte Komödie, die mir gefallen hat, war "Schtonk!" von Helmut Dietl.

Das war Anfang der 90er Jahre.

Haben Sie in letzter Zeit einen lustigen deutschen Film gesehen?

Mir fällt gerade nichts ein...

Sehen Sie!

Besteht also ein Mangel an guten Drehbüchern im Bereich Komödie?

Nein, überhaupt nicht. Es liegen genügend gute Drehbücher auf Halde. Sie werden nur nicht produziert.

Sie haben einmal gesagt, für "Yella" würden Sie in Unterhose auf dem "Playboy" posieren. Wie weit würden Sie für "So glücklich war ich noch nie" gehen?

(lacht) Ach Mann... Wie lang ist das her?

Zwei Jahre.

Ich bin ein bisschen dicker geworden in der letzten Zeit. Im Schlüpfer würde ich mich da nicht mehr hinstellen (lacht).

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