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22. März 2007, 18:59 Uhr

Ein Toter auf Urlaub

Der Film "Die Fälscher" erzählt ein bis heute wenig beachtetes Kapitel in der Geschichte des Dritten Reiches: Die Nazis errichteten 1942 eine Geldfälscherwerkstatt im KZ Sachsenhausen. Eine Spurensuche bei einem der Überlebenden ergab: Film und Wirklichkeit klaffen kaum auseinander. Von Kathrin Buchner

Einer der letzten Überlebenden der Geldfälscher, der 90-jährige Adolf Burger, mit der Blüte einer Pfundnote© Michal Cizek/AFP

Den ganzen Tag wurden sie mit Operettenmusik aus dem Radio berieselt, es gab Betten mit weißen Leinen und Kopfkissen, reichlich zu essen, Zigaretten, zivile Anzüge, Lederschuhe, Remmidemmi-Tanzabende mit SS-Schergen und eine Tischtennisplatte. In den Baracken 18 und 19 des Konzentrationslagers Sachsenhausen lebten Häftlinge unter Erste-Klasse-Bedingungen in Isolationshaft. Es war das größte Geldfälscherunternehmen, das es jemals gegeben hatte.

"Diese ganze Geschichte ist voll von bizarren, grotesken, theatralischen Facetten. Ich würde mich gar nicht trauen, die zu erfinden", sagt Stefan Ruzowitzky im stern.de-Interview. Der österreichische Filmemacher ("Die Siebtelbauern", "Anatomie") hat Regie bei "Die Fälscher" geführt und auch das Drehbuch geschrieben. Der Film zeigt ein bis heute wenig beachtetes Kapitel des Dritten Reichs. Um den Markt zu überschwemmen und den Gegner zu schwächen, suchte sich SS-Sturmbannführer Bernhard Krüger in KZs jüdische Buchdrucker, Typografen und die Blüten herstellten. "Operation Bernhard" hieß der Coup, über 130 Millionen britische Pfundnoten wurden gedruckt, so täuschend ähnlich, dass selbst Experten der Britischen Zentralbank sie als echt deklarierten.

"Das Schwerste war nicht die Königin, sondern die feinen Schnörkel auf den Geldscheinen", sagt Adolf Burger. 90 Jahre alt ist er, bis auf einen weiteren Insassen ist der gebürtige Slowake der einzige Überlebende der Fälscher. Nüchtern und ohne Sentimentalität erzählt der rüstige Senior von seinen Erlebnissen im Konzentrationslager. Er zeigt seinen Unterarm, Häftling Nummer 64.401, eine Zahl für die Ewigkeit tätowiert. Der Kommunist kam 1942 ins KZ Birkenau, 26 Jahre jung. Seine Frau landete gleich in der Gaskammer. Burger wurde als Versuchskaninchen mit Typhus infiziert, magerte bis auf 35 Kilo ab, schlief im verlausten Pferdestall, hatte aber Glück im Unglück: Er arbeitet 18 Monate im Aufräumungskommando, sortierte die Habseligkeiten der Todgeweihten, Zahnbürsten, Seife, Schuhe, Kleider, Gabel, Messer, Löffel, Lebensmittel - das Essen war gesichert, aber psychisch jenseits humaner Maßstäbe, "800.000 habe ich ins Gas gehen sehen", sagt Burger.

In Wirklichkeit war Burger kein Held

Im Film spielt August Diehl den KZ-Häftling und Drucker Adolf Burger als einen prinzipientreuen Sturkopf, eine moralische Instanz, der nicht mit dem Nazis kooperieren will, die anderen durch seine Sabotage-Aktionen in Lebensgefahr bringt und sich so ständig in Diskussionen mit seinen Mitinsassen lieferte. Vorgänge, die nicht der Wahrheit entsprachen. Das schmeichelt Burger, aber er gibt freimütig zu: "Ich war kein Held. In Auschwitz hatte ich Angst vor Schlägen, weil sie mir die Zähne ausgetreten hatten." Als er eines Tages den Befehl bekam, nach dem morgendlichen Zählappell zum Lagerführer zu gehen, konnte er die ganze Nacht nicht schlafen. "Dann ist ein Wunder geschehen", sagt Burger über seine Versetzung. Als er in die Fälscherwerkstatt kam und die luxuriösen Bedingungen sah, fühlte er sich "wie ein Toter auf Urlaub". Wenn sie duschen gehen wollte, wurde für die normalen Häftlinge Lagersperre angeordnet. Spätestens da wurde ihnen klar, dass sie als menschliche Geheimwaffe der Nazis die Fälscherwerkstatt nie lebend verlassen sollten.

10.02.2008 Das "Fälscher"-Ensemble bei der Berlinale, von links nach rechts: die Schauspieler Devid Striesow, Karl Markovics und August Diehl mit dem Regisseur Stefan Ruzowitzky (zweiter von links)© Michael Kappler/DDP

Ein Leben auf dem Pulverfass, trotz der vergleichsweise komfortablen Unterbringung. Kraft, viel zu diskutieren oder Widerstand zu leisten, hatten die Fälscher kaum, sagt Burger. Wenn einer der Fälscher nicht so funktionierte, wie er sich das vorstellte, machte SS-Sturmbannführer Krüger kurzen Prozess und erschoss denjenigen. Wie die anderen KZ-Insassen waren auch die Sonderhäftlinge waren froh um jeden Tag, den sie leben konnten. Trotzdem hat Regisseur Ruzowitzky sehr bewusst in seinem Film den Schwerpunkt auf den Konflikt zwischen purem Überleben und moralischer Verantwortung gelegt. "Für mich geht es da ganz stark um heutige, universelle Fragen. Darf man im KZ Pingpong spielen, während gleich nebenan Menschen zu Tode gefoltert werden?"

Selbst im KZ war der Meisterfälscher ein Außenseiter

Erst als sie nach Millionen falschen Pfundnoten auch noch den Dollar fälschen sollten, begann Sabotage. "Es war mein holländischer Vorarbeiter Abraham Jacobson, der sagte, dass sie nie den Dollar bekommen, sonst verlängern wir den Krieg", sagt Burger. Um die Druckvorlagen unbrauchbar zu machen, benützte er verdorbene Gelatine. SS-Sturmbannführer beschimpfte die Arbeiter als Dummköpfe und holte den russischen Meisterfälscher Salamon Smolianoff (im Film heißt er Salomon Sorowitsch) auch schon an der Herstellung der Pfundnoten beteiligt. Als nichtpolitischer Häftling war er ein Außenseiter, der Meisterfälscher, sagt Burger: "Alle haben sich von ihm abgesetzt, weil er einen grünen Winkel hatte, das bedeutet Krimineller. Ich konnte das nicht ertragen, also habe ich mich zu ihm gesetzt, wir wurden Freunde".

"Des Teufels Werkstatt"

"Des Teufels Werkstatt" Ein Buch gegen das Vergessen von einem Überlebenden: Der 90-jährige Drucker Adolf Burger schildert die Geschichte der größten Geldfälscheraktion der Weltgeschichte. Packend, detailliert, sachlich und ohne Rührseligkeit. Die Bilder, die Burger selbst nach seiner Befreiung vom Lager geschossen hat, sind grauenhafte Zeichen eines unfassbaren Verbrechens. "Des Teufels Werkstatt" von Adolf Burger ist im Elisabeth Sandmann Verlag gerade neu aufgelegt worden.

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