Alle reden über den Film "Der Baader-Meinhof-Komplex" und die angeblich neue Darstellung der RAF-Terroristen. Doch vor allem Andreas Baader platzt ohne Vorgeschichte in den Film. Wer war denn dieser Mann, der bereits zu Lebzeiten an der eigenen Legende baute? Von Sophie Albers

War Andreas Baader sexy?© AP
Da ist er wieder, dieser Mann mit dem dunklen Blick, den wilden Koteletten und den geradezu prä-raffaelitisch geschwungenen Lippen. Man kann viel reininterpretieren in die Augen, die ins Nirgendwo gucken, die zerfurchte Stirn. Ja, eigentlich ist jedes dieser Schwarz-Weiß-Bilder eine Einladung dazu. Vor allem wenn man weiß, dass es Fahndungsfotos sind. Schließlich heißt der Abgebildete Andreas Baader: Gründer der Roten Armee Fraktion, Terrorist, Mörder. Aber auch eine Ikone und mittlerweile fast eine Art Popstar.
Das ist auch im neuesten Werk zu seiner Person so. Oder ist es Zufall, dass er in dem bereits vorab heftig diskutierten Film "Der Baader Meinhof Komplex" die einzige Hauptfigur ohne Vorgeschichte ist? Während Meinhof und Ensslin im Kreis ihrer Familie eine Vergangenheit bekommen, platzt Baader einfach so in den Film als wilder Kerl in Lederjacke, mit einer Vorliebe für schnelle Autos, dicke Knarren und Gudrun. Er bleibt der "Fahndungsposter-Boy", zu dem er bereits Anfang des Jahrtausends als T-Shirt-Held des "Radical Chic" gemacht wurde. Auch im Film ist Baader der harte Kerl mit dem gewissen weichen Etwas, wie die Popkultur ihn kennt und liebt. Das entsprechende Gesicht leiht ihm diesmal Publikumsliebling Moritz Bleibtreu. Deshalb sind die Lippen auch noch ein bisschen plüschiger als sonst. Wüsste Baader, wie sehr er auch 31 Jahre nach seinem Tod im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses von Stuttgart-Stammheim Thema ist, er wäre sicherlich begeistert. Schließlich war die Legendenbildung von Anfang an Teil der Baader-Show - bis hin zum perfekt inszenierten Selbstmord. Beeindruckend ist, dass sie immer noch wirkt. Aber wo kommt er denn nun her, dieser Mann, dessen Kampf gegen das "Schweinesystem" dazu führte, dass bis zur Auflösung der RAF 1998 67 Menschen getötet und 230 zum Teil schwer verletzt wurden? Muttersöhnchen Vielleicht gibt ja die Biografie etwas her: 1943 in München geboren, wuchs Andreas Baader mit Mutter, Großmutter und Tante auf, der Vater blieb im Krieg verschollen. Baader war Schulabbrecher, rutschte ins Kleinkriminellen-Milieu ab und fiel immer wieder als Schläger auf. Er klaute Autos, um ohne Führerschein durch die Gegend zu rasen. Seine Kindheit und Jugend seien instabil gewesen, heißt es in den Biografien. Manchmal fällt auch das Wort Muttersöhnchen.
Erst in München, dann in Berlin zog der junge Mann durch die linke Szene, arbeitete als Bauarbeiter, Model und Journalist oder ließ sich aushalten. Baader sei "sehr charmant, ein bisschen eingebildet, aber ausgesprochen nett" gewesen, erinnert sich der Ex-Kommunarde Dieter Kunzelmann in der BBC-Dokumentation "Baader Meinhof: In Love with Terror". Er kannte Baader aus der K1. Das sieht Baaders Ex-Freundin und Mutter seiner Tochter in der TV-Biografie "Der Staatsfeind" anders: "Er war ein Arschloch", sagt Ello Michel, beschreibt ihn als eitel, cholerisch und brutal. Als sie ihn einmal verlassen wollte, habe er ihr in die Nase gebissen, damit sie sich nicht auf die Straße traute. Die "Arschloch"-Beschimpfung wählte übrigens angeblich auch der französische Philosoph Jean-Paul Sartre, nachdem er Baader 1974 in Stammheim besucht hatte. Der BBC lieferte Michel außerdem noch eine Erklärung für die Eskalation der Gewalt im Namen der politischen Idee: "Er hat mal vier LSD auf einmal genommen, das hat ihn verändert, glaube ich." Der deutsche Herbst: das Drogenproblem eines unangenehmen Muttersöhnchens? So einfach ist es dann doch nicht. Mit Samthose im Wüstensand Das Äußere von Baader ist in allen Biografien immer wieder ein großes Thema: Er war ein stilbewusster Revoluzzer, legte Wert auf edle Klamotten. "Er kleidete sich sehr modebewusst, das passte schlecht zum Bild eines Revolutionärs", erinnert sich der ehemalige RAF-Anwalt Horst Mahler, der mittlerweile auf die rechtsextreme Seite gewechselt ist. Später wollte Baader selbst im Ausbildungslager der Fatah in der jordanischen Wüste nicht auf seine enge, burgunderrote Samthose verzichten. In Haft verlangte er nach Sonnenbrille und Gesichtspuder und nähte die Gefängniskleidung enger. Zwei Pelzmäntel hatte er in seiner Zelle. Das fügt dem hübschen, auf einem Trip hängen gebliebenen Muttersöhnchen die Eitelkeit hinzu, die sich bei Baader offensichtlich zum Narzissmus ausgewachsen hatte. "Ruhm macht eitel", beobachtete der Schriftsteller und ehemalige RAF-Anwalt Peter O. Chotjewitz bei seinen Besuchen in Stammheim, von denen er stern.de berichtete. "Er war voll drauf. Immer eine halbe Nummer zu groß, leichte Neigung, sich zu überschätzen."

Moritz Bleibtreu als Andreas Baader© Constantin/ DPA
Aus der Zeit vor dem Leben im Untergrund stammt eine Aufnahme des Fotografen Herbert Tobias, die Baader mit freiem Oberkörper und Schlafzimmerblick zeigt. Sie wird immer wieder hervorgekramt, wenn es darum geht, das Phänomen Baader zu beschreiben. Dieser hübsche Schein ist das krasse Gegenbild zu Baaders harscher Art und Brutalität. Cholerisch sei er gewesen und rasend eifersüchtig, schreibt Stefan Aust in seinem Standardwerk zur RAF "Der Baader Meinhof Komplex". Frauen nannte er "Fotzen", und wer nicht bereit war, den ganzen Weg zu gehen, war ein lebensunwürdiger Verräter. Gnade kam in Baaders Wortschatz nicht vor. Vor allem nicht nach 1968, als er gemeinsam mit Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein in Frankfurter Kaufhäusern Bomben legte. Es entstand nur Sachschaden. Die Täter wurden zu je drei Jahren Gefängnis verurteilt. Während der Revisionsantrag lief, kamen sie auf freien Fuß. Als er abgelehnt wurde, ging ein Teil der Gruppe 1969 in den Untergrund. Baader wurde 1970 verhaftet, wurde jedoch spektakulär befreit. Es folgten der bewaffnete Kampf, Anschläge und Mord. Ein mörderisches, zugedröhntes Muttersöhnchen mit Model- und "Arschloch"-Qualitäten also, das sich gerne selbst überschätzt.