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25. September 2008, 16:47 Uhr

Der Baader-Komplex

Alle reden über den Film "Der Baader-Meinhof-Komplex" und die angeblich neue Darstellung der RAF-Terroristen. Doch vor allem Andreas Baader platzt ohne Vorgeschichte in den Film. Wer war denn dieser Mann, der bereits zu Lebzeiten an der eigenen Legende baute? Von Sophie Albers

War Andreas Baader sexy?© AP

Da ist er wieder, dieser Mann mit dem dunklen Blick, den wilden Koteletten und den geradezu prä-raffaelitisch geschwungenen Lippen. Man kann viel reininterpretieren in die Augen, die ins Nirgendwo gucken, die zerfurchte Stirn. Ja, eigentlich ist jedes dieser Schwarz-Weiß-Bilder eine Einladung dazu. Vor allem wenn man weiß, dass es Fahndungsfotos sind. Schließlich heißt der Abgebildete Andreas Baader: Gründer der Roten Armee Fraktion, Terrorist, Mörder. Aber auch eine Ikone und mittlerweile fast eine Art Popstar.

Das ist auch im neuesten Werk zu seiner Person so. Oder ist es Zufall, dass er in dem bereits vorab heftig diskutierten Film "Der Baader Meinhof Komplex" die einzige Hauptfigur ohne Vorgeschichte ist? Während Meinhof und Ensslin im Kreis ihrer Familie eine Vergangenheit bekommen, platzt Baader einfach so in den Film als wilder Kerl in Lederjacke, mit einer Vorliebe für schnelle Autos, dicke Knarren und Gudrun. Er bleibt der "Fahndungsposter-Boy", zu dem er bereits Anfang des Jahrtausends als T-Shirt-Held des "Radical Chic" gemacht wurde. Auch im Film ist Baader der harte Kerl mit dem gewissen weichen Etwas, wie die Popkultur ihn kennt und liebt. Das entsprechende Gesicht leiht ihm diesmal Publikumsliebling Moritz Bleibtreu. Deshalb sind die Lippen auch noch ein bisschen plüschiger als sonst. Wüsste Baader, wie sehr er auch 31 Jahre nach seinem Tod im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses von Stuttgart-Stammheim Thema ist, er wäre sicherlich begeistert. Schließlich war die Legendenbildung von Anfang an Teil der Baader-Show - bis hin zum perfekt inszenierten Selbstmord. Beeindruckend ist, dass sie immer noch wirkt. Aber wo kommt er denn nun her, dieser Mann, dessen Kampf gegen das "Schweinesystem" dazu führte, dass bis zur Auflösung der RAF 1998 67 Menschen getötet und 230 zum Teil schwer verletzt wurden? Muttersöhnchen Vielleicht gibt ja die Biografie etwas her: 1943 in München geboren, wuchs Andreas Baader mit Mutter, Großmutter und Tante auf, der Vater blieb im Krieg verschollen. Baader war Schulabbrecher, rutschte ins Kleinkriminellen-Milieu ab und fiel immer wieder als Schläger auf. Er klaute Autos, um ohne Führerschein durch die Gegend zu rasen. Seine Kindheit und Jugend seien instabil gewesen, heißt es in den Biografien. Manchmal fällt auch das Wort Muttersöhnchen.

Erst in München, dann in Berlin zog der junge Mann durch die linke Szene, arbeitete als Bauarbeiter, Model und Journalist oder ließ sich aushalten. Baader sei "sehr charmant, ein bisschen eingebildet, aber ausgesprochen nett" gewesen, erinnert sich der Ex-Kommunarde Dieter Kunzelmann in der BBC-Dokumentation "Baader Meinhof: In Love with Terror". Er kannte Baader aus der K1. Das sieht Baaders Ex-Freundin und Mutter seiner Tochter in der TV-Biografie "Der Staatsfeind" anders: "Er war ein Arschloch", sagt Ello Michel, beschreibt ihn als eitel, cholerisch und brutal. Als sie ihn einmal verlassen wollte, habe er ihr in die Nase gebissen, damit sie sich nicht auf die Straße traute. Die "Arschloch"-Beschimpfung wählte übrigens angeblich auch der französische Philosoph Jean-Paul Sartre, nachdem er Baader 1974 in Stammheim besucht hatte. Der BBC lieferte Michel außerdem noch eine Erklärung für die Eskalation der Gewalt im Namen der politischen Idee: "Er hat mal vier LSD auf einmal genommen, das hat ihn verändert, glaube ich." Der deutsche Herbst: das Drogenproblem eines unangenehmen Muttersöhnchens? So einfach ist es dann doch nicht. Mit Samthose im Wüstensand Das Äußere von Baader ist in allen Biografien immer wieder ein großes Thema: Er war ein stilbewusster Revoluzzer, legte Wert auf edle Klamotten. "Er kleidete sich sehr modebewusst, das passte schlecht zum Bild eines Revolutionärs", erinnert sich der ehemalige RAF-Anwalt Horst Mahler, der mittlerweile auf die rechtsextreme Seite gewechselt ist. Später wollte Baader selbst im Ausbildungslager der Fatah in der jordanischen Wüste nicht auf seine enge, burgunderrote Samthose verzichten. In Haft verlangte er nach Sonnenbrille und Gesichtspuder und nähte die Gefängniskleidung enger. Zwei Pelzmäntel hatte er in seiner Zelle. Das fügt dem hübschen, auf einem Trip hängen gebliebenen Muttersöhnchen die Eitelkeit hinzu, die sich bei Baader offensichtlich zum Narzissmus ausgewachsen hatte. "Ruhm macht eitel", beobachtete der Schriftsteller und ehemalige RAF-Anwalt Peter O. Chotjewitz bei seinen Besuchen in Stammheim, von denen er stern.de berichtete. "Er war voll drauf. Immer eine halbe Nummer zu groß, leichte Neigung, sich zu überschätzen."

Moritz Bleibtreu als Andreas Baader© Constantin/ DPA

Aus der Zeit vor dem Leben im Untergrund stammt eine Aufnahme des Fotografen Herbert Tobias, die Baader mit freiem Oberkörper und Schlafzimmerblick zeigt. Sie wird immer wieder hervorgekramt, wenn es darum geht, das Phänomen Baader zu beschreiben. Dieser hübsche Schein ist das krasse Gegenbild zu Baaders harscher Art und Brutalität. Cholerisch sei er gewesen und rasend eifersüchtig, schreibt Stefan Aust in seinem Standardwerk zur RAF "Der Baader Meinhof Komplex". Frauen nannte er "Fotzen", und wer nicht bereit war, den ganzen Weg zu gehen, war ein lebensunwürdiger Verräter. Gnade kam in Baaders Wortschatz nicht vor. Vor allem nicht nach 1968, als er gemeinsam mit Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein in Frankfurter Kaufhäusern Bomben legte. Es entstand nur Sachschaden. Die Täter wurden zu je drei Jahren Gefängnis verurteilt. Während der Revisionsantrag lief, kamen sie auf freien Fuß. Als er abgelehnt wurde, ging ein Teil der Gruppe 1969 in den Untergrund. Baader wurde 1970 verhaftet, wurde jedoch spektakulär befreit. Es folgten der bewaffnete Kampf, Anschläge und Mord. Ein mörderisches, zugedröhntes Muttersöhnchen mit Model- und "Arschloch"-Qualitäten also, das sich gerne selbst überschätzt.

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KOMMENTARE (10 von 23)
 
RBrunnerHH (26.09.2008, 16:43 Uhr)
@Robbespierre
Mag sein, dass damals nicht alles Gold war, es ist aber aus rein pragmatischen Gründen gar nicht möglich gewesen auf EX-Nazis zu verzichten, weil deren fachliche Expertise gerade im Bereich, Militär, Organisation, Polizei und Abwehr unersetzlich war. Immerhin haben diese Leute für einen im Vergleich zu heute gerechteren, breit gefächerten Wohlstand gesorgt, und das ist letztlich (fast) alles was zählt, so lange man sich nicht aktiv die Hände schmutzig macht, bzw. sich wenigstens nicht dabei erwischen läßt. Sozialtheoretiker wie Sie zu sein SCHEINEN machen es sich immer sehr leicht, in dem sie möglichst radikale Forderungen stellen und aus einer Position der sowohl wirtschaftlich, als auch politisch völlig unbedrängten Situation heraus kluge Reden schwingen. Bei der realen Umsetzung werden Sie entweder selbst zum Pragmatiker, oder zum tyrannischen Monster á la Pol Pot oder eben Robbespierre. Insofern ist Ihr Nick absolut passend.
Robbespierre (26.09.2008, 14:44 Uhr)
Zum streiten gehötren immer zwei
1970 war die BRD ein Staat, in dem fast alle maßgeblichen Positionen in Justiz verwaltung und Wirtschaft von NS Leuten besetzt waren. Die Täter von damals hatten sich hemmungslos protegiert, Schleyer gab noch 1977 zu verstehn, daß er stolz auf seine SS-Vergangenheit sei. Auf der Straße machten noch viele Polizisten Dienst, die sowohl Jargon wie auch Vergangenheit der Erschießungskommandos teilten. Langhaarigen wurde an so ziemlich jeder Straßenecke von Passanten ins Gesicht gesagt, daß man sie besser "vergasen" oder "an die Wand stellen" sollte. Wohlgemerkt passanten, die die NS Zeit miterlebt hatten. Das war Deutschland dmalas, die offizielle Politik unterstütte den Vietnamkrieg und pflegte den Schulterschluß mit fast allen faschisten Regimen von Franko über Portugal bis Argentinien. Verbürgt ist, daß der BND, der damals aus vielen ehemaligen Abwehr-Offzieren bestand, Günter Wallraf durch die portugisischen Faschisten beseitigen lassen wollte. Wallraf - auf einer Lesereise -wurde gewarnt und konnte aus Portugal entkommen. Politiker wie Franz Josef Strauß lobten das argentinische Foltersystem und stiegen in Chile ganz ungeniert bei der Nazi-Kolonie Colonia Digidad ab. Ich denke schon, daß die BRD ein System war, dem man 1970 in höchstem Maße mißtrauen mußte. Eben ein "Schweinesystem"
Malt (26.09.2008, 12:21 Uhr)
Also....
...ich finde es sehr erstaunlich. Damals fühlte sich offenbar jeder dahergelaufene Doldi von der RAF bedroht, obwohl die erklärten Ziele (Opfer) bekannterweise im Prinzip nur aus der damaligen "Elite" bestand. Im Gegenzug wurde die Bevölkerung vom Staat mit Rasterfahndung etc. terrorisiert, immer unter dem Deckmantel die Bevölkerung vor diesen Monstern zu schützen. Das Volk wurde halt per medialem Dauerfeuer künstlich derart in Panik versetzt, daß sich jeder Dorfbewohner gleich als potetielles Attentatsziel vorkommen musste. Zudem finde ich es schon seltsam, dass die Opfer der sog. 3.Generation nach wie vor zu den nachweislich durch die RAF Getöteten gezählt werden. Bis heute gibt es dazu nicht einen Beweis - nur Bekennerschreiben, die so ziemlich jeder hätte anfertigen können, der ein Interesse am Tod der jeweiligen Personen gehabt haben könnte. Ich persönlich habe mich ehrlich gesagt gewundert, dass neben Barschel kein Bekennerschreiben der RAF gefunden wurde...
.
@Eisenbär: Ihre Meinung in allen Ehren, aber nur weil Sie nur die Beatles kennen und für sie neben denen keine andere Band besteht heisst das nicht, dass das bei allen so ist. Noch nie so einen arroganten Blödsinn gelesen.
Schwaebin (26.09.2008, 11:49 Uhr)
Ich werde mir diesen Film ansehen
um das Verhalten dieser Verbrecher besser nachvollziehen zu können, da ich Jahrgang 1972 bin und das alles nur aus den Medien kenne.
Wer hier allerdings diese Zeit -ebenso wie die RAF- glorifiziert, der hat meines Erachtens nix begriffen.
Die RAF hätte genauso gut eine Partei gründen können, um ihre Interessen durchzusetzen, anstatt unschuldige Menschen zu töten.
Für mich sind diese Leute (vor allem die noch lebenden Ex-Mitglieder) ein gemeines Verbrecherpack, das bis ans Ende seines Lebens hinter Gitter gehört.
matbln (26.09.2008, 11:33 Uhr)
@ robbespierre
Vermutlich genauso Recht oder Unrecht wie jeder rechte Skinhead-Schlaeger oder radikal-muslimische Selbstmordattentaeter der mit Gewalt seine Ziele verwirklichen will.
Und jetzt koennen Sie sagen, ob Sie sich mit diesen Radikalen aus allen Bereichen des politischen oder religioesen Spektrums identifizieren oder vielleicht doch lieber davon Abstand nehmen wollen. Fuer die Opfer ist es naemlich ziemlich wurst, ob sie von einem mit einer roten Muetze, braunem Hemd oder Turban sinnlos dahingeschlachtet werden.
Und falls Sie immer noch diese schwachsinnige und infame Frage stellen - tja dann ist Ihnen auch nicht mehr zu helfen.
bubi_feinbein (26.09.2008, 11:28 Uhr)
Interessant ist die
Man kann die 70er und die Gegenwart nicht vergleichen. Damals hatten Politiker und Funktionäre ein deutlich höheres Ansehen in der Öffentlichkeit. Interessant ist die Frage schon, wie eine RAF in heutiger Zeit von der Öffetlichkeit bewertet würde...... Ich unterstütze nun keine Mordmaschinerie aber alleine die Frage ist schon interessant.
RBrunnerHH (26.09.2008, 11:19 Uhr)
Der Film hilft
losgelöst von Authenzitäts-Debatten hilft der Film dahingehend, dass Baader und Co als gemeingefährliche Irre mit Spatzenhirn und spätpubertierenden Allmachts- und Befreiungsphantasien "gesegnete" Trauerfirguren von der breiten Öffentlichkeit gesehen werden. Inwieweit dies tatsächlich zutraf, vermag ich nicht zu beurteilen, bin Baujahr 71, bis auf Tageschau-Erinnerungen und Fahndungsfotos verbindet mich nichts mit der Zeit. Für mich überraschend war lediglich, wie brutal gerade die Frauen, inbesondere Ensslin und Mohnhaupt, dargestellt worden sind. Zu FreiTalk Äußerungen nur so viel: Es ist leider wahr, dass Idealisten und am Allgemeinwohl Interessierte heute leider Mangelware sind, Ob Unternehmer, Politiker, Wir selbst, unser Konsumverhalten... überall herrscht der Sieg des Mittelmaßes, alles ein bisschen und nichts richtig, das ist das Credo unserer Zeit, ich selbst glaube aber nicht, dass eine Gruppe wie die RAF heute durch Polarisierung auf diesen Missstand aufmerksam machen würde, sie hat damals nicht "geholfen" und sie würde heute eher noch "unwirksamer" werden.
etobicoke (26.09.2008, 10:19 Uhr)
Kann ich nur mit dem Kopf schütteln
Ich kam zur "RAF-Zeit" gerade erst mal aufs Gymnasium und war als 10jähriger noch nicht wirklich politisch interessiert. Ich bekam aber Einiges mit und verstand damals nicht, warum man Menschen töten und eine ganze Nation in Angst und Schrecken versetzen muss, um seine Ziele durchzusetzen. Nun bin ich einige Jährchen älter - und verstehe es immer noch nicht. Und auf vollkommenes Unverständnis stößt dieser Kinofilm, er ist überflüssig wie ein Kropf und ich hoffe, daß er nur dann Schlagzeilen macht, wenn es um negative Besucherrekorde geht. Warum dreht man einen Film über eine Bande krimineller Idioten. Mich persönlich würden andere Dinge interessieren. Das Leben des F.-J. Strauss zum Beispiel, unverblümt und offen und das wahre gesicht zeigend. Oder Alexander Schalck-Golodkowski, der seinen Hintern immer noch frei unter der Sonne Braten darf. Das wäre doch mal was Feines....
Franzi001 (26.09.2008, 10:14 Uhr)
Unsinn
Sorry, aber ihre Schlussfolgerungen sind totaler Unsinn! Haben sie einen anderen Film gesehen?? Baader wird nicht als Macho oder cooler Typ dargestellt, sondern im Gegenteil: es wird deutlich, dass es ihm wenig um Inhalte ging, dass er mit Ideologie oder "Weltverbesserungsideen" nichts am Hut hatte. Er war ein Krawallmacher, Krimineller, der sich das Kleid eines Revoluzzers angezogen hat. Und wie sagt man so schön: "Kleider machen Leute"
bubi_feinbein (26.09.2008, 10:12 Uhr)
Also wenn ich
Mal eine ganz polemische Meinung: Wenn ich unser heutiges korruptes Politikerpack anschaue, wünsch ich mir so manches mal die RAF zurück.
Gas-Gerd und Konsorten würden zumindest frösteln......
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