Zum 30. gab's noch keinen Sekt

27. Mai 2003, 17:45 Uhr

"Ein super Tag!", brummt Samson jeden Tag, wenn er aus seiner Höhle schlurft. Ein "Super-Super-Tag" war aber der 5. Januar 2003, als in der Sesamstraße 30. Geburtstag gefeiert wurde.

Ein altes Paar©

Am 8. Januar 1973 bekam der Sandmann Konkurrenz, zum ersten Mal tobte die "Sesamstraße" über deutsche Bildschirme. In den folgenden 30 Jahren wurde die Serie immer wieder modernisiert, Puppen und menschliche Schauspieler tauchten auf, manche verschwanden auch wieder. Einige im gnädigen Vergessen, andere wie Manfred Krug schafften es bis in das Erwachsenen-Programm. Die permanente Frischzellenkur hält die ehrwürdige Serie jung, zuletzt schickte der Sender im Frühjahr 2002 neue Puppen ins Rennen, das Schaf "Wolle" und dessen Freund "Pferd". Mit Erfolg, so der NDR. Trotz des Alters von 30 Jahren habe die Serie nicht ihr Publikum verloren: "Wir erreichen am Sonntag Vormittag fast die Hälfte der Zuschauer zwischen drei und fünf Jahren." Toll, hoffentlich wissen die Eltern jetzt, wofür sie GEZ-Gebühren bezahlen – für den gesunden Vormittagschlaf.

Bildungsfernsehen für Unterprivilegierte

Die Mutter der "Sesamstraße" heißt "Sesame Street". Diese Sendung sollte ursprünglich vor allem sozial benachteiligte Kinder auf den Schulstart vorbereiten. "Kompensatorische Erziehung" lautete das Zauberwort, um versteckte Bildungsreserven zu erschließen und sozial schwache Teile der Bevölkerung in das kulturelle und politische System zu integrieren.

Als Medium für die geplante Bildungsrevolution wurde in den 60ern der Fernseher entdeckt. Vorteil: Schon damals besaßen 96 Prozent aller amerikanischen Familien ein Fernsehgerät, obendrein galten die zwei- bis fünfjährigen Kinder als Intensiv-Gucker mit einem durchschnittlichen Fernsehkonsum von etwa 50 Wochenstunden.

Fernsehproduzentin Joan Ganz Cooney erkannte, dass viele Kinder TV-Spot-Melodien nachsingen konnten, weil diese nur solange dauern, wie sich die Kleinen auf eine Sache konzentrieren können. Mit dieser Entdeckung war das Sesamstraßen-Konzept mit den klitzekleinen Lern-Häppchen geboren. Um die fernsehverdorbenen Kids erreichen zu können, lehnte sich "Sesame Street" konsequent an Bildsprache und Schnitt der gewohnten Fernsehwerbung an. Kurze, oft wiederholte Spots sollten bei Kindern Aufmerksamkeit und einen hohen Lerneffekt erzielten. Im November 1969 lief nach Tests mit Kindern die "Sesame Street" in den gesamten USA, mit Ausnahme des Staates Mississippi, an.

"Sesamstraße" kommt nach Deutschland

Auch hier förderte das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft das Bildungsfernsehen für die Kleinen. Willy Brandt wollte mehr Demokratie wagen, und Geld war reichlich vorhanden. Gesponsert mit drei Millionen Mark Steuergeld und begleitet von einem achtköpfigen wissenschaftlichen Beirat ging es los. Die allererste Sendung startete am 1. August 1972. Aber sie zählt nicht wirklich, weil sie nicht synchronisiert wurde und die Eltern der Zielgruppe auf das Kommende vorbereiten sollte.

Die wirkliche "Sesamstraße" - eine Mischung aus deutschen und amerikanischen Szenen, damals wie heute produziert vom Studio Hamburg - startete dann am 8. Januar 1973 im Ersten sowie in den Dritten Programmen von NDR, Radio Bremen, SFB, HR und WDR. Im Herbst sprang auch die "Südkette" der ARD-Sender auf den "Sesamstraßen"-Zug auf. Ausnahme Bayern. Dem Bayrischen Rundfunk war die Machart eines Programms, das sich der Stilmittel der Werbung bediente, zunächst nicht geheuer. Auch meinte man, die Ghetto-Atmosphäre aus den USA den bayerischen Landeskindern nicht zumuten zu dürfen. Doch die Sesamstraße kam an und erreichte schnell einen unerwartet hohen Bekanntheitsgrad.

Es war einmal wie in Amerika – zumindest kurzfristig. Aber der Hauch von Big-Apple, die New-Yorker Hauseingänge wie im Gangsterfilm und die wilden Afro-Look-Frisuren wurden der deutschen Sesamstraße schnell ausgetrieben.

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