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Die wunderbare Katastrophe

"Die Simpsons" sind Kult. In Deutschland nicht auch zuletzt wegen der genialen Synchronisation. Für stern.de trafen sich die Sprecher erstmals zum Familiengipfel.

Der Kerl frisst wie ein Schwein. Er ist fett, stinkfaul und von schlichtem Verstand. Meist hängt er auf dem Sofa oder in der Kneipe rum. Obwohl es sein Job wäre, hat er von den Vorgängen im örtlichen Atomkraftwerk von Springfield nicht den Hauch einer Ahnung. Kurz: Homer Simpsons Leben ist eine einzige Katastrophe. Und trotzdem: In England wurde Homer Simpson gerade zum großartigsten Fernseh-Charakter aller Zeiten gewählt. In einer Umfrage des Kaufhauskonzerns "Woolworth" sagte fast jedes vierte Kind, es würde gerne seinen Vater eintauschen, wenn es dafür Homer Simpson bekäme. Irgendwie ist dieser Mann so fürchterlich menschlich, dass dem Zuschauer das Herz aufgeht.

Nicht aus Mitleid, sondern aus liebevoller Anteilnahme: Das Schöne an Familie Simpson ist, dass sie sich nicht unterkriegen lässt. Der Alltag mag chaotisch sein und alle Menschen wahnsinnig – den Simpsons kann das nichts anhaben. Homer, Marge, Bart, Lisa und Maggie verlieren gemeinsam, und sie triumphieren gemeinsam. Genau so soll das Leben sein.

Den Fernsehzuschauern sind die Simpsons so sympathisch, dass die Serie fünfzehn Jahre nach ihrem Start in der amerikanischen "Tracey Ullman Show" in mehr als 70 Ländern der Welt läuft. Simpsons-Erfinder Matt Groening, 47, hat mit seinem Team bisher über 290 Episoden erfunden und es so längst zum Multimillionär gebracht. In Deutschland sind die Simpsons seit 1990 zu sehen. Die Erfolge im Bezahlfernsehen von Premiere und später im ZDF waren mäßig; erst im früheren Kirch-Sender ProSieben (ab Montag, 9. September, wieder wochentäglich um 19 Uhr) wurde die Serie zum Hit: Bis zu 32 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 29-Jährigen erfreuen seit 1994 Werbekunden und Programmchef.

Die Synchronsprecher

Zu einem großen Teil am Erfolg in Deutschland beteiligt sind die Synchronsprecher - die Stimmen sind seit zwölf Jahren dieselben und machen aus den Figuren unverwechselbare Persönlichkeiten: Norbert Gastell spricht Homer, Elisabeth Volkmann die Marge, Sandra Schwittau ist Bart, und Sabine Bohlmann leiht Lisa und Maggie Simpson ihre Stimme. Für stern.de trafen sich die Schauspieler erstmals zum Familiengipfel und sprachen über das, was sie mit den Zeichentrick-Figuren verbindet – und was sie trennt.

Sie synchronisieren die Simpsons seit mehr als zehn Jahren. Welches Verhältnis haben Sie nach so langer Zeit zu der Figur, der Sie Ihre Stimme geben?

Elisabeth Volkmann: Marge Simpson wird mir immer ähnlicher.

Norbert Gastell: So ist das bei mir auch. Ich mag Homer - und Homer mag mich. Er ist in mir drin.

Sabine Bohlmann: Lisa ist mir als Mensch und Charakter sehr vertraut. Wenn ich ins Studio komme, muss ich mich nicht mehr besonders auf sie einstellen.

Sandra Schwittau: Die kleine Lisa ist eben die schlauste Figur der ganzen Serie...

Bohlmann: ...nur merkt das leider niemand in Springfield.

Schwittau: Ich bin nicht Bart! Das ist ein zehnjähriger Junge, und ich bin eine erwachsene Frau. Gott sei Dank.

Aber es gibt Ähnlichkeiten?

Schwittau: Natürlich. Auch ich bin frech. Barts Naturell liegt mir einfach. Ich muss mich nicht verstellen.

Bohlmann: Das ist bei mir genauso. Lisa glaubt ja immer noch, dass sie die Welt verbessern kann. Das glaube ich auch!

Volkmann: Marge hat so viele Facetten. Sie beherrscht die Familie, sie beherrscht ihren Mann. Und trotzdem ist sie letztlich immer wieder ganz lieb.

Ist sie Ihnen sympathisch?

Volkmann: Die Leute behaupten, wir hätten eine gewisse Ähnlichkeit und ich sei wie sie irgendwie schrill. Das kommt wohl noch aus den Zeiten von “Klimbim”.

Schwittau: Aber Du bist doch wohl emanzipierter als Marge!

Volkmann: Ich und emanzipiert? Unsinn! Ich brauche eine große breite Schulter zum Anlehnen. Emanzipiert! Ich kann's manchmal gar nicht mehr hören. Ich bin es nicht, Marge ist es auch nicht.

Was tun Marge, Homer, Lisa und Bart, was Sie gerne ausleben würden?

Bohlmann: Saxophon spielen!

Volkmann: Marge hat sich in einer Episode so herrlich verliebt! Das würde ich mir auch nochmal wünschen, irgendwann, zum Lebensende. Marge hatte ihren Verehrer beim Bowling kennengelernt. Ein eher schmieriger Typ war das. Aber sie wurde von ihm verehrt, wie sie nie von ihrem Mann Homer verehrt worden war. Marge verliebte sich und wurde ganz weich. So eine Folge würde ich ganz gerne mal wieder sprechen.

Was hat Homer, was Sie nicht haben?

Gastell: Er besitzt diese wunderbare Naivität. Darum beneide ich ihn manchmal. Und er sagt den Menschen offen und direkt, was er von ihnen hält. Er lässt alles einfach raus. Ich bin viel zu diplomatisch.

Und Bart?

Schwittau: Am liebsten mag ich Bart, wenn er merkt, dass er einen Fehler gemacht hat. Er ist dann so richtig geknickt. Bart ist ja nicht unsensibel. Das kenne ich ganz gut. Ich haue auch erstmal drauf und merke dann, was ich getan habe. Ich bin...

Volkmann: ...ihm relativ ähnlich!

Schwittau: Ich bin kein Junge! Aber er berührt mich immer wieder.

Bohlmann: Weinst Du auch wie Bart?

Schwittau: Natürlich weine ich. Das lasse ich mir auch nicht nehmen.

Bohlmann: Sollten die Simpsons jemals mit echten Schauspielern verfilmt werden, würde Sandra Schwittau den Bart spielen...

Schwittau: ...und ich hätte kein Problem damit. Weil ich sein Temperament habe und ihn verstehe.

Sind Lisa Simpson und Sabine Bohlmann dieselben kleinen Genies?

Bohlmann: Sie ist klüger als ich. Fast schon ein bisschen altklug.

Schwittau: Lisa ist das hochbegabte Kind, das in einer Familie minderbemittelter Menschen lebt.

Volkmann: Moment mal! Marge ist nicht dumm! Sie glaubt an das Gute im Menschen.

Wie Sie selbst?

Volkmann: Ich zwinge mich, daran zu glauben. Das Tolle an den Simpsons ist doch: Sie stürzen mit dem Flugzeug ab und leben weiter. Sie verunglücken mit dem Auto und nichts passiert.

Schöne Vorstellung...

Volkmann: Ja! Da denkt man: O je, aus dieser Situation kommen sie nicht lebend raus, und dann stehen sie plötzlich wieder da und lachen – wunderbar!

Schauen Sie sich die alten und neuen Folgen im Fernsehen an?

Schwittau: Klar. Alle. Und ich entdecke jedesmal neue kleine Details.

Volkmann: Ehrlich gesagt irritieren mich die vielen Wiederholungen. Eigentlich denke ich: Was weg ist, ist weg.

Müssen Sie für Freunde und Bekannte nicht ständig wie ein Simpson sprechen?

Volkmann: Selten. Die meisten Leute wissen ja gar nicht, dass ich die Marge bin.

Schwittau: Bei mir ist das so: Ich gehe auf eine Party, und dann kommen irgendwelche Leute zu mir, weil irgendjemand erzählt hat: Das da ist die, die den Bart synchronisiert! Dann soll ich allen möglichen Leuten die Mailbox oder den Anrufbeantworter besprechen.

Macht Sie das nicht stolz?

Schwittau: Natürlich, denn ich liebe Bart. Aber ich bin Schauspielerin. Ich habe die vergangenen Monate vor allem Theater gespielt. Das ist wirklich eine größere Leistung, als den Bart zu machen. Und trotzdem interessiert sich kein Mensch für das Theater. Immer nur Bart. Da stimmt das Verhältnis nicht mehr so ganz.

Gastell: Mir hat neulich ein junger Mann gesagt: "Als Homer finde ich Sie klasse. Aber was machen Sie eigentlich beruflich?"

Trifft das Ihre Schauspieler-Ehre?

Gastell: Nein, das ist eben die Naivität des Zuschauers.

Schwittau: Die Leute leben mit der Vorstellung, dass ich jeden Morgen aufstehe, den Bart spiele und abends wieder ins Bett gehe. Bart Simpson bedeutet für mich pro Jahr vielleicht zehn Arbeitstage. Das kann sich niemand vorstellen.

Volkmann: Du Arme! Das wird Dich noch länger verfolgen. Neulich fragte mich ein türkischer Taxifahrer nach "Klimbim". Die letzte Folge entstand 1978. Insofern: Bart wird dir die nächsten 25 Jahre erhalten bleiben.

Interview: Tobias Schmitz

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