Sie sind gelb, laut und so ziemlich das Beste, was je aus Amerika ins deutsche Fernsehen kam. Mit hintergründigem Witz wurden die Simpsons zur erfolgreichsten Zeichentrickserie der Welt. Jetzt startet ihr erster Kinofilm. Von Christine Kruttschnitt

Szene aus dem Simpsons-Film: Homer hat Probleme. Nichtmal die Katzen halten noch zu ihm© 20th Century Fox
Manchmal verschusselt er den Namen seiner Tochter, und erbittet er Rat von oben, liegt er auch daneben: "Hilf mir, Jebus!" Sein Traum vom Glück ist geformt wie ein Donut und randvoll mit Dosenbier, und solange er bei offener Klotür pinkeln und mit zwei Pötten Knabberzeug vor dem Fernseher sitzen kann, ist der Mann zufrieden. Wenn man ihn fragt, ob er lieber eine Flasche Bier hätte oder keine Sorgen mehr für den Rest seines Lebens, erkundigt er sich vorsichtshalber, welche Sorte Bier das wäre.
Also, es ist schon richtig, sein Hirn ist eine Art Außendienstmitarbeiter, der nur selten zum Einsatz kommt, was Homer Simpson bei seinem Job im Kernkraftwerk jedoch nicht weiter zu behindern scheint. Schließlich hat ihn diese schiere, überwältigende Idiotie auch nicht daran gehindert, zu den einflussreichsten Amerikanern seiner Zeit zu zählen: ein Fernseh- und bald auch Kinostar, über den Philosophen, Soziologen und Politiker räsonieren und dem Millionen Menschen in mehr als 90 Ländern dieser Welt die Treue halten, seit nunmehr 20 Jahren.
Ehe man jetzt überlegt, ob Homer Simpson sich trotz oder gerade wegen seiner bohrenden Stupidität zum amerikanischen Jedermann entwickelte, ein Wort für all jene, die in den vergangenen Dekaden unter einem Stein gelebt haben: Bei Homer und seiner Sippe, den Simpsons, handelt es sich selbstverständlich um die immens populäre Zeichentrickserie aus den USA, in der ein Haufen vierfingriger, leuchtend gelber Typen mit ausgeprägtem Überbiss Amerikas schönste Familientugenden unterläuft, die Kirche beleidigt und Drogen und Völlerei verherrlicht.
Präsident Bush senior schimpfte einst, das Land brauche mehr Waltons und weniger Simpsons, und in einigen Grundschulen der Nation waren zeitweise T-Shirts mit Konterfeis und Sprüchen der TVHelden verboten, da zu unanständig. Nicht umsonst also bezeichnete das Nachrichtenmagazin "Time" die Comedy-Reihe als "beste Sendung des Jahrhunderts", ein Studiomanager der zuständigen Fernsehstation schwurbelte gar von der "besten Sendung in der Geschichte der Welt".
Letzteres ist verständlich, wenn man weiß, dass der ultrarechte Krawallkanal Fox mit den Simpsons mittlerweile 2,5 Milliarden Dollar verdient hat. Die Gelbhäute werden auf Heißluftballons und Tassen vermarktet, als Puppen und Schreibutensilien, auf Schallplatten und Bettwäsche, und in der Hoch- Zeit der Gelb-Sucht in den Neunzigern sausten in den USA drei Millionen Simpsons-T-Shirts pro Tag über den Ladentisch. Während mehr als 400 Episoden hat sich ihr Imperium ausgeweitet von der übersichtlichen Familien-Sitcom mit Vater Homer, Mutter Marge und den Kindern Bart, Lisa und Maggie zu einem Sittengemälde von Amerikas Suburbia.
Ihr fiktiver Heimatort Springfield - so genannt, weil es diesen Städtenamen drüben so häufig gibt - wird bevölkert von Typen, die jedem irgendwie bekannt vorkommen, und auch wenn zwischendurch Aliens auftauchen und Homer entführen wollen ("Nehmt nicht mich! Ich habe Frau und Kinder! Nehmt die!"), so erlebt im Allerweltsort Springfield die Allerweltsfamilie Simpson Allerweltsprobleme. Die Simpsons, das sind wir alle.
Erschütternder Gedanke?_ Nicht für Matt Groening. Der 53-Jährige, der gemütlich zugibt, dass viel von Homer in ihm stecke, hat sich diese schrecklich nette Familie 1987 auf dem Flur eines Studiobüros ausgedacht, so will es die Legende. Der arbeitslose Comiczeichner und Gelegenheits-Chauffeur wartete auf seinen Termin bei dem Hollywood- Produzenten James L. Brooks ("Zeit der Zärtlichkeit"). Der wollte dem jungen Mann aus Oregon eine Chance geben, er suchte einen Cartoon als kurzweiliges Einsprengsel zu einer Comedy-Reihe, die er damals für den Fox-Kanal betreute.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 30/2007