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19. Dezember 2007, 10:41 Uhr

Die Komik der Tragik

In den USA lockten "Die Sopranos" bis zu 18 Millionen Zuschauer vor die Fernsehgeräte, in Deutschland wurde die Mafia-Serie wegen Quotentiefs abgesetzt. Pünktlich zur DVD-Veröffentlichung outet sich Schriftsteller Frank Schulz in einem Gastbeitrag als Sopranoiker.

Geschätzte zweieinhalb Zentner Muskeln, Fett und Eier: James Gandolfini alias Tony Soprano© Craig Blankenhorn/AP

Ich heiße F. und bin Sopranoiker. Die Finger zittern, wenn ich eine jener Polycarbonatscheiben in den DVD-Player schiebe. Das Herz schlägt höher, sobald die Bässe brummen. Der Adrenalinpegel steigt, während die Titelmusik den Schnittrhythmus des Vorspanns untermalt: flüchtige Straßenimpressionen, gefilmt unterwegs von New York nach New Jersey, Faust am Lenkrad, haariger Unterarm mit Goldkettchen, Zigarre...

"Die Sopranos". Die Neuerfindung der TV-Serie als solche. Nie gesehen? Tja, wir deutschsprachigen Fans sind skandalös unterrepräsentiert. Ursache: Absetzung wegen Quotentiefs aufgrund verfehlter Programmplanung (ZDF). Bis zu 18 Millionen Amerikaner hingegen verfolgten seit dem 10. Januar 1999 die jeweils jüngste Fortsetzung. Nummer 86, die letzte, lief am 10. Juni 2007 - mit einem Schluss, den man in Bars, Büros und Blogs bis heute diskutiert.

"Charaktere werden zum Teil unseres Lebens"

Vanity Fair etwa wertete jene bahnbrechende Produktion des Pay-TV-Senders HBO als "größte Show der Fernsehgeschichte". Und der jüngst verstorbene Norman Mailer als etwas, das "dem großen amerikanischen Roman in der heutigen Kultur am nächsten kommt." Andere Kritiker beschworen gar epischen Atem und dramatische Kraft von Balzac, Dickens, Shakespeare. Die Liste der eingeheimsten Grammys, Golden Globes etc. ist ellenlang.

David Chase (geb. DeCesare), 62, war schon als Kind von der Mafia beses-sen. Die Krönung seiner Karriere als Drehbuchautor ("Detektiv Rockford"), Regisseur und Produzent ist zweifellos dieses grandiose Sozialepos. Wie drückte es ein US-Blogger aus? Die "Charaktere werden zum Teil unseres Lebens."

Stimmt. Vor allem der aus dem Vorspann. Nicht nur die Zigarre gehört ihm, sondern die Unterwelt von New Jersey. Steckbrief: Tony Soprano. Um die 40. Größe: 1,84 Meter. Geschätzte zweieinhalb Zentner Muskeln, Fett und Eier. Verheiratet mit einer tüchtigen, eifersüchtigen Frau. Pubertierende Tochter, träger Sohn. Doch auch die andere "Familie" nervt: nörgelnde Capos, ein fauler, jähzorniger Neffe, ein präseniler, infamer Onkel, der Tony den Status als Boss missgönnt...

Der Pate, Teil IV? Eben nicht: Der Mobster der Jahrtausendwende sucht eine Psychoanalytikerin auf. Er leidet unter Panikattacken - Midlife-Crisis. (Wen das an "Reine Nervensache" erinnert, dem sei gesagt: ein Unterschied wie von Bohlen zu Beethoven.) Und so geht Tony auf achtjährige Seelenkur, während seine Kinder erwachsen werden und er eh und je neun von zehn Geboten bricht: Du sollst nicht ehebrechen… stehlen… töten… Nur eines hält er lange ein: … deine Mutter ehren. Leider ist die eine wahre Hexe. Was Tonys generationenaltes italienisches Über-Ich leugnet - ums Verrecken.

Ungeheuerlicher Unterhaltungswert

Natürlich ist das nicht der einzige Konflikt, dem Tony sich in den fünf Staffeln à 13 und der sechsten à 12 Episoden (plus 9 Bonusfolgen) ausgesetzt sieht. Doch der eigentliche Geniestreich von Schöpfer Chase besteht darin, Tony und Co. nicht bloß als Charaktermasken abzufilmen. Sondern langfristig auszuloten bis in die Untiefen ihrer Komplexität, jeweils geradezu naturalistisch porträtiert und so hinreißend gespielt von jedem und jeder einzelnen Darsteller/in, dass wir zwischen Hass, Zuneigung, Mitleid, Verachtung, Angst und Abscheu schwanken - mitunter fast so intensiv, als wären wir Nachbarn. Tiefe Erkenntnisse über die Einflüsse der menschlichen Natur auf die Zeitläufte gewinnen wir "nebenbei". Zu schweigen vom ungeheuren, ja ungeheuerlichen Unterhaltungswert.

Also, es ist Winter. Heizung an, Fernseher an - und eingetaucht in jene die Nerven kitzelnde Parallelwelt, zum Grübeln poetisch, zum Weinen tragisch, zum Schreien komisch. Bald werden auch Ihre Finger zittern.

Frank Schulz

Info für Sopranoiker

Info für Sopranoiker Die neun finalen Folgen der so genannten Staffel 6.2 laufen zur Zeit auf Premiere. Ab sofort erhältlich sind die kompletten Staffeln auf DVD, auch die letzte schon mit deutscher Tonspur. Warnung: Schon die erste kann süchtig machen!

 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
dexter10 (20.12.2007, 09:42 Uhr)
Naja
Natürlich ist "The Sopranos" tausendmal besser als alles, was im deutschen Fernsehen angeboten wird, aber leider hat die Serie nicht die Qualität der ersten beiden Staffeln halten können. Wer sich für das Genre interessiert, sollte unbedingt "Brotherhood" sehen. Und natürlich "The Wire" (4. Staffel jetzt gerade auf DVD erschienen), vermutlich das beste, was HBO je produziert hat (oder irgendein anderer Sender).
Manounho (19.12.2007, 17:21 Uhr)
Sucht
Im Januar 2006 habe ich bis dato alle vorhandenen DVD-Episoden an einem Streifen gesehen - mein persönlicher TV-Rekord! Wenige Tage vor Weihnachten steigt mein Adrenalin...die letzte DVD ist mein einziger Wunsch vom Christkind!
Und ein Trost gibt es für alle Soprano-Süchtigen ja auch dank Trude Herr: niemals geht man so ganz!
Bada Bing,
Manounho
Bauzeichner (19.12.2007, 17:00 Uhr)
Eigene Schuld der Sende
Wenn Sender lieber irgendwelche beziehungsunfähigen Bauern, alleingelassene Männer, vertausche Hausfrauen oder psychotische Gören etc. zur besten Sendezeit zeigen und intelligente und gut gemachte Serien wie "Die Sopranos", "Battlestar Galactica", "Veronica Mars" etc. erst zu Zeiten zeigen, wo die normale Bevölkerung an der Matratze horchen muss weil am Tag darauf wieder der Arbeitstag anfängt, dann sollten sie sich nicht wundern, das die teuer eingekauften Serien nicht laufen.
Das gleiche gilt für Freitag Abends: Nicht erst seit "STAR TREK" in den 60er wissen die Sender, das die Menschen Freitags Abends eher ausgehen als sich vor die Glotze zu hocken...
Naja, mich stört das weniger. Ich sammel zu jeder meiner Lieblingsserie die entspr. DVD-Boxen, man hat dann eh besseres Bild, besseren Ton und keine Werbung.
@sotospeak: Kabel 1 (oder war es VOX?) hat doch mal kurzfristig ein paar Folgen gezeigt: Freitag abends kurz vor Mitternacht...
endbenutzer (19.12.2007, 16:39 Uhr)
Kein Wunder..
...dass manche Serien hier in Deutschland miese Quoten bekommen, wenn die Sendeplätze dafür erst ab 23:00 Uhr reserviert sind. Liebe Programmacher: Auch wenn es kaum zu glauben ist, gibt es immer noch Menschen, die einer geregelten Arbeit nachgehen. Vielleicht könnte man sich dazu durchringen, die ein oder andere Volksmusiksendung zu einem anderen Zeitpunkt zu senden.
sotospeak (19.12.2007, 16:17 Uhr)
Meilenstein der TV-Geschichte
An dieser Serie und insbesondere an dem unerwarteten Ende werden sich noch ganze Generationen von Kritikern und Filmstudenten abarbeiten können. Auch als eingefleischter Fan muss man hoffen, dass es keine Fortsetzung und keinen Film geben wird. So wie die Serie jetzt geendet hat, ist sie ein Gesamtkunstwerk, dass es in der TV-Geschichte noch nicht gegeben hat. Zum Glück gibt es alles auf DVD und zum Glück auch in Englisch. Bei einer durchschnittlichen "Fuck"-Häufigkeit von 50 pro Episode sollte man sich die englische Version nicht entgehen lassen. Leider kenn ich auch niemanden, der diese Serie kennt, geschweige denn mag. Das ZDF hat so ziemlich alles falsch gemacht, was ging. Ich behaupte, wenn sich einer der Privatsender der Sache angenommen hätte, wären die Chance auf Quotenerfolg höher gewesen. Meine Lieblingsepisode: "Pine Barrens".
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