Genug gewandert! Genug gehurt!

13. November 2012, 23:28 Uhr

Ein drittes und letztes Mal rutschte "Wanderhure" Alexandra Neldel über kahle Kerkerböden, musste sich erniedrigen lassen und auch noch ein Kind auf kaltem Stein gebären. Gut, dass es vorbei ist. Von Oliver Creutz

Wanderhure, Sat 1, Alexandra Neldel, Film

Im dunklen Keller musste die Wanderhure (Alexandra Neldel) ihr Kind zur Welt bringen©

Es hat sich endlich ausgewandert. Die Wanderhure ist im ruhigen Hafen des Familienlebens angekommen. Wie schön für sie. Und wie erleichternd für das Publikum. Nach dem Schauen des dritten Teils vom Drama aus finsteren Zeiten, "Das Vermächtnis der Wanderhure", fühlt sich der Zuschauer wie nach dem Verspeisen einer Schlachtplatte: übersatt und ein wenig unwohl.

Es war alles wieder zu sehen, was zum Markenkern der Wanderhure gehört: rasselnde Kerkerketten, lechzende Folterknechte, nackte Frauenhaut und gar noch eine Vierteilung eines Verräters. Ganz früher liefen solche Stoffe nicht zur besten Sendezeit im Fernsehen, sondern in den Billigkinos nahe des Bahnhofs. Die Filme trugen Titel wie "Die Folterkammer des Hexenjägers" und "Eine Jungfrau in den Krallen Frankensteins". Nicht weit oberhalb dieses Niveaus rangiert "Das Vermächtnis der Wanderhure".

Darum ging es: Die Titelheldin, immer noch gespielt von Alexandra Neldel, gebar einen Jungen, der ihr aber von der Mätresse des Königs geraubt wurde, die ihn diesem als seinen eigenen Nachwuchs unterjubeln wollte, damit er sie zur Frau nähme. Der arme Junge wurde in einem Kerker zur Welt gebracht, er plumpste auf den kalten Steinboden. Es war so finster im Mittelalter, dass man nicht verstehen will, warum so viele Ritterspiel-Besucher sich Wochenende für Wochenende dorthin zurückwünschen. Vielleicht wegen der flotten Lanzen-Duelle, die seinerzeit abgehalten wurden - sie kommen natürlich auch im "Vermächtnis" vor. Zwischen acht und zehn Millionen Zuschauer hatten die ersten beiden Teile der "Wanderhure" gesehen; viel weniger werden es auch beim "Vermächtnis" nicht gewesen sein.

Alexandra Neldel, die als Soap-Darstellerin in "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" und "Verliebt in Berlin" Bekanntheit erlangte, hielt sich wacker. Sie lächelte, sie litt, sie dürstete, sie kämpfte - sogar mit Stöcken. Aber auch bewaffnet umgab sie die Aura von Zuckerwatte. Ihre Wanderhure wurde zum Spielball der damaligen Weltpolitik. Nicht sie ging unter, sondern ihre Gegenspielerin, die hinterhältige Hulda, die mit Wurfmesser in der Brust von den Wassern eines Flusses verschluckt wurde. Alexandra Neldels Miene gab zu verstehen: Das hat sie nicht anders verdient, die Schlampe.

Warum die "Wanderhure" so erfolgreich ist

Warum aber schalten an einem kalten Novemberabend so viele Menschen solch einen Fernsehfilm ein, in dem es ungefähr so heimelig zuging wie in einem feuchten Kellerloch? Neldel hat im stern versucht, den Erfolg zu erklären: "Die Leute wollen mich leiden sehen", sagte sie. "Jede Frau fiebert mit." Vielleicht weil Neldel auch im mittelalterlichen Kostüm stets so wirkte wie ein nettes Mädchen aus Westberlin, das sich überhaupt nicht erklären konnte, wie sie in dieses Schlamassel hineingeraten konnte. Und was wollte dieser Tartaren-Fürst von ihr, der aussah wie Diether Krebs und der obendrein mit österreichischem Zungenschlag sprach? Immerhin musste sich Neldel diesmal nicht das Gewand vom Leib reißen lassen. Für die Nacktszenen war Julie Engelbrecht zuständig, welche die Hulda spielte. Via Bild-Zeitung ließ sie Deutschland vorab wissen: "Es ist geil, die Böse zu sein!"

Das wirklich Schlimme am Epos der "Wanderhure" waren die Männer. Götz Otto und Michael Steinocher spielten mit der Ausdruckskraft von altbackenem Brot. Da sie aber König und Kriegstreiber mimen durften, stolzierten sie beflissen umher wie eilig nachbesetzte Rollenträger im Schülertheater.

Alexandra Neldel hat angekündigt, dass für sie Schluss sei mit dem Wandern. Sie spielt jetzt erst mal Stephanie zu Guttenberg im TV-Film "Der Minister". Kommt die Karriere aber mal ins Stocken, kann sie immer noch ein Comeback im Mittelalter wagen. "Der Fluch der Wanderhure" böte sich als Titel an.

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