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Klappe halten und singen

Als harmlose Countryband aus Texas eroberten die Dixie Chicks ein Millionenpublikum, doch als eine von ihnen öffentlich den Präsidenten kritisierte, wurden America's Sweethearts zum Abschuss frei gegeben. Der Dokumentarfilm "Shut up and sing" zeigt eine Hexenjagd.

Von Claudia Pientka

  • Claudia Pientka

"Ach ja Leute - nur, dass ihr's wisst: Wir schämen uns dafür, dass der Präsident der Vereinigten Staaten aus Texas kommt!" Am 10. März 2003, zehn Tage bevor amerikanische Truppen in den Irak einmarschierten, sagte Natalie Maines, die Sängerin der Countryband Dixie Chicks diese Worte auf einer Londoner Bühne. Sie waren nicht als politisches Statement gedacht, sie sollten auch niemanden provozieren, allenfalls das Publikum unterhalten. Hätte Maines geahnt, das sie dieses arglos dahin gesprochene Sätzchen fast ihre Karriere kosten würden - sie hätte es sich sicher verkniffen. Denn wenige Stunden später schallte ihr Ausspruch aus den Fernsehkanälen der USA und binnen weniger Tage wurden die Südstaaten-Sirenen zu miesen Landesverräterinnen degradiert.

Was war geschehen? Noch im Januar 2003 sangen die Dixie Chicks beim Superbowl die Nationalhymne, eine Ehre für Musiker und gleichzeitig ein patriotischer Akt vor Millionenpublikum. Damals stand die Band auf dem Zenit ihres Ruhmes, hatte mehr Platten verkauft als jede weibliche Musikgruppe vor ihnen und war einer der beliebtesten Live-Acts aller Zeiten. Die Besucher ihrer Konzerte waren Countryfans, Rednecks, Südstaatler. Konservativ, patriotisch, republikanisch. Mindestens. Und dafür standen auch die Dixie Chicks. Sie waren keine politische oder gar Bush-kritische Band. 2003 war auch das Jahr, in dem Präsident George W. Bush den Höhepunkt seiner Beliebtheit erreichte. Zumindest im Süden der USA. Mit ihrem Satz sprach Natalie Maines vielleicht vielen Europäern aus der Seele - aber für ihre Fans beging sie damit Landesverrat.

Der Film "Shut up and Sing" erzählt, was den Dixie Chicks nach diesem schicksalhaften Auftritt 2003 widerfuhr. Zeigt, wie ihre CDs platt gewalzt wurden, Fernseh- und Radiosender ihre Musik verbannten und Fans trotz gekaufter Tickets die Konzerte boykottierten. Und das, obwohl Maines zunächst noch zurückrudert, sich zwei Tage nach dem Konzert bei Bush entschuldigt, versichert, die Truppen zu unterstützen. Die Welle der Aggression und Ablehnung können die Mädchen zu Beginn noch nicht begreifen, glauben sogar, dass die Aufmerksamkeit vielleicht gar nicht schade, frei nach dem Motto: auch schlechte Publicity ist Publicity.

Die Sweethearts werden zu Hexen

Es ist dem Zufall zu verdanken, dass diese Geschichte von Anfang an auf Film festgehalten wird. Denn als Natalie Maines und die Schwestern Emily Robison und Martie Maguire, in London auftraten, waren die Dokumentarfilmerinnen Barbara Kopple und Cecilia Peck dabei, die eigentlich nur die Tournee begleiten wollten. Doch als der Ball ins Rollen gerät, bleiben die Kameras an.

Man hört die drei Frauen im Film nicht darüber diskutieren, ob Maines Aussage berechtigt war oder was ihre Bandkolleginnen - die solidarisch zu ihrer Sprecherin halten - über Bush und seine Politik denken. Stattdessen machen sich die Dixie Chicks Sorgen darüber, wie sie die Radiosender, ihren Sponsor Lipton-Tea und das Country-Volk wieder besänftigen. Erst als ihnen klar wird, wie tief sie in der Gunst ihrer republikanischen Fans gefallen sind, starten sie die Gegenoffensive. Lassen sich nackt für das Titelbild der "Entertainment Weekly" ablichten, die Körper beschrieben mit Worten wie Verräter, Großmaul, Dixie Nutte, aber auch Patriot, Held und Frieden. Als wollten sie sagen: "So nennt ihr uns? Na gut. Aber wir sind auch das andere". Erst zu diesem Zeitpunkt beginnen sie ihren Kampf für die Meinungsfreiheit, für neue Fans und für einen neuen Sound. Denn eines ist klar: Die Country-Mitte, die sie ausgespuckt und verstoßen hat, wird sie so leicht nicht wieder in ihr Herz schließen.

Die Chicks reagieren mit Trotz: Wo man sie nicht will, gehen sie nicht mehr hin. Und das ist der mutigste Akt dieser Band, die offen zugibt sich davor zu fürchten, nie wieder in ausverkauften Hallen zu spielen und den Höhepunkt ihres Erfolgs bereits hinter sich zu haben. Und das nicht, weil sie musikalisch am Ende sind, sondern weil ihre Sängerin zur falschen Zeit etwas Provokantes Gesagt hat.

Intime Einblicke ins Privatleben

Es stellt sich heraus, dass die Hexenjagd nicht nur drei Tage lang dauert, wie der Manager zu Beginn vermutet, sondern die Dixie Chicks fast drei Jahre lang von der Bildfläche verschwinden. Längst ist aus dem tourbegleitenden Filmchen eine Dokumentation geworden, die zeigt, wie eine Band Opfer einer Hetzjagd wird und dadurch gezwungen ist, sich zu politisieren und Stellung zu beziehen. Und die Filmemacherinnen präsentieren die Frauen auch zuhause in ihren Küchen, mit ihren Männern und blicken sogar in das Entbindungszimmer von Emily Robison. Der Kamera bleibt nichts verborgen: Während die Dixie Chicks um ihren neuen Sound ringen - weg vom Country hin zu poppigeren und rockigeren Klängen -, ringen sie auch um ihre Positionen in der Band. Ja, sie wollen sich erneuern und brauchen neues Publikum, aber gleichzeitig versuchen die Dixie Chicks sich treu zu bleiben.

Die Dokumentation ist so sehenswert, weil sie anhand einer arglosen Frauenband die aufgeheizte Stimmung Amerikas nach 9/11 und zu Beginn des Irak-Kriegs zeigt. Und weil sie gleichzeitig ihre Protagonistinnen unverhohlen präsentiert: aufmüpfig und mutig, zugleich nervig und naiv. Sängerin Natalie Maines muss eine Menge einstecken für ihren Satz, muss sogar eine Morddrohung bei einem Konzert in Dallas verkraften. Dennoch wird sie nicht als Märtyrerin porträtiert. Manches Mal nervt ihr Darstellungsdrang den Zuschauer. Dafür bewundert man umso mehr die stoischen Schwestern, die der Sängerin nicht nur das Rampenlicht lassen, sondern auch kommentarlos mit ausbaden, was sie ihnen eingebrockt hat.

"Shut up and sing" endet 2006. Präsident Bush ist inzwischen auf dem Tiefpunkt seiner Popularität angelangt, der Irak-Krieg gescheitert, und gar nicht so wenige Amerikaner schämen sich nun für ihren Präsidenten. Die Chicks hingegen haben das Tal der Tränen durchschritten. Der Country-Szene haben sie bewusst den Rücken gekehrt und sich stattdessen neue Fans erobert. Bei den Grammy-Awards im selben Jahr erhalten sie für "Taking the long way" fünf Auszeichnungen - nun sind sie im Mainstream angekommen. Und so können sich weder der Film noch Natalie Maines ein triumphierendes Ende verkneifen: Fast drei Jahre später stehen die Dixie Chicks wieder auf der Londoner Bühne des Shepherd's Bush Empire, am "Tatort", wie Maines in Mikrofon spricht. Und dann wiederholt sie ihren provozierenden Satz unter johlendem Beifall.

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