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7. Januar 2003, 18:55 Uhr

Heute Spinner, morgen Star

10.000 hielten sich für berufen, 800 wurden getestet, 30 sangen sich in die Auswahl. Jetzt sind noch sieben Kandidaten übrig. Für die Talente wird der Druck immer größer, während Zuschauer und Musikindustrie auf ihre Kosten kommen.

Alexander Klaws trat schon als zehnjähriger in der Mini-Playback-Show auf© Thomas Rabsch

Von Wolfgang Röhl und Thomas Rabsch (Fotos)

"But what can a poor boy do except to sing for a rock'n'roll band (The Rolling Stones, Street Fighting Man, 1968)

Judith hat es hinter sich. Aus der Traum vom Superstar. Sie hat das Handtuch geworfen. Auf halber Strecke des Starmarathons wurde ihr der Druck zu groß, das ganze Projekt unheimlich. Ewig proben, ewig mit der Gruppe zusammen sein, dazu der Medienrummel. Morgens sah sie sich im Spiegel an und erschrak. Das bist du nicht mehr! Du veränderst dich. Angst habe sie vor sich bekommen, sagt sie. Dann lieber tschüs.

Schade. Judith aus Rheda-Wiedenbrück, 21, Gelegenheitskellnerin, als Kleinkind von deutschen Eltern in Indien adoptiert, hätte es schaffen können. Bar jeder Hindi-Kenntnis, aber gesegnet mit einem Blues, der das Publikum aus den Plastiksesseln riss. Hinter der Bühne wirkte sie burschikos, zielstrebig, karrierebewusst. Das täuschte. Wer sie näher kannte, wusste, dass sie schon ein paar Dinge im Leben geschmissen hat. Manchmal war sie wie aufgezogen, hockte dann wieder bockig in der Ecke. Ein oszillierendes Temperament. Himmelhoch oder Tiefgarage. Star wird man so nicht. Stars müssen Druck abkönnen.

Judith konnte auch deshalb nicht mehr, weil ihr Stefanie fehlte, ihre Busenfreundin bei der Show. Steffie war als Erste durchgerasselt. Die 22-jährige, sympathische, witzige Blonde aus Berlin, die in die Fragebogenrubrik "Meine Stärken" unter anderem eintrug: "Kann gut putzen". Profi-Sängerin will sie werden, und daran wird sie unverdrossen weiterarbeiten. Weshalb sie bei "Deutschland sucht den Superstar" floppte? Wer weiß? Wirkt die patente Steffi zu bodenständig für einen Star? Ach, vielleicht war das Publikum einfach zu doof für Steffi.

Egal. Gewonnen hat auch sie. Ins Fernsehen zu kommen, das war für Steffi vor ein paar Monaten so realistisch wie zum Mars zu fliegen. Inzwischen haben Millionen sie in der RTL-Show singen gehört, Millionen in "Bild" oder "Bravo" die Geschichte von der Werbekauffrau gelesen, die von Paderborn auszog, das Musikgeschäft zu erobern. "Wenn ich jetzt Demo-Bänder verschicke, hören die Produzenten viel aufmerksamer zu", sagt sie. Steffi ist keine Träumtänzerin, und der "Psycho-Kollaps", den sie laut "Bild" nach ihrem Ausscheiden erlitt, war in Wahrheit nur ein bisschen Geheule. Die meisten Kandidaten haben an diesem Abend geheult, und nicht nur an diesem. Heulen ist mittlerweile das Markenzeichen der samstäglichen Show. Erst wird um die Wette gesungen. Dann fliegt der eine oder andere raus. Darob wird anschließend kollektiv abgeheult.

Wie Andrea beheult wurde! Sie kann jetzt ihre Friseurlehre in Ginsheim-Gustavsburg fertig machen, wo immer das liegt. Die 17-jährige Chilenin, Zahnspange, rote Haarsträhne im Haar, war die Schüchternste der Gruppe. Jeden Satz musste man ihr aus der Nase ziehen. Wie sie da saß bei den Proben, von Mutti Elizabeth in einen weiten Kuschelpullover gepackt, bei Interviews ein Kuscheltier umklammernd – die Kuschelmaus sui generis. "Total süß" befand Juror Dieter Bohlen seine Lieblingskandidatin bis zuletzt, doch das Fernsehvolk wählte sie am Jahresende per Telefon raus. Nicht, dass sie schlecht gesungen hätte. Aber dem Mädel fehlt noch was. Auch Star-Azubis benötigen eine gewisse Aura.

Eine gewisse Persönlichkeit, wie sie dieser Nektarios aus Fellbach hat. 27 Jahre, griechischer Stammbaum, schwäbischer Akzent, nach eigenem Bekenntnis harmoniesüchtig. Sein Idol ist Jesus Christus Superstar, sein Glaube: "Mein Talent habe ich von Gott bekommen, und sicher nicht dazu, unter der Dusche zu singen." Trotzdem flog er letzten Samstag raus. Weil er als Einziger ein deutsches Lied sang? Vielleicht eher, weil er es einfach nicht wuppte, sich starmäßig anzuziehen.

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