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"Unser Leben wird ein Fest sein"

Samir begehrt die schöne Rami, Sunny aber auch: Ein klassisches Dilemma, aus dem Bollywood unzählige Filme entwickelt. stern.de entführt in die Traumfabrik Indiens - und berichtet vom Hype in Deutschland.

Von Charlotte Kieslich

"Du und ich für immer, lass uns tanzen!" Mit diesen lieblichen Worten versucht Samir das Herz der bezaubernden Rani zu erobern. Er will ihr eine Blumenkette um den Hals legen, sie lächelt ihn etwas unsicher an und senkt ihren Blick. Sekunden später taucht Sunny auf, Samirs Konkurrent, und verspricht Rani: "Ich hole Dir die Sonne vom Himmel!". Auch er will sie mit einer Blumenkette betören. Doch was macht Rani? Sie geht fort, um sich nicht entscheiden zu müssen. Welch eine Tragik! Und welch ein schönes Cover - Samir, Rani, Sunny und zwei Blumenketten - auf der DVD "Zwei Herzen für Rani" - ein Bollywood-Hit, der nun, zwei Jahre nach seiner Premiere in Indien, in Deutschland veröffentlicht wird.

Hollywood in Bombay, genannt Bollywood: Zunächst kursierten die kinematografischen Zuckerstücke aus Indien nur in den Programmkinos, allenfalls Insider und Liebhaber hatten ihre Freude daran. 2004 startete RTL2 einen Testballon und nahm eine Bollywood-Filmreihe ins Programm. Der Erfolg war überraschend: Ein Film wie "In guten wie in schweren Tagen" erzielte einen Marktanteil von mehr als 12 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe - für RTL2 eine sensationelle Quote. Auch der Kulturkanal Arte stieg ein, zeigte die Filme allerdings im Original mit deutschen Untertiteln und war deswegen nicht ganz so erfolgreich. Zeitgleich wurden immer mehr DVDs veröffentlicht. Nach Angaben von Rapid Eye Movies, des größten Bollywood-DVD-Vertriebs, schaffte es der Titel "Und ganz plötzlich Liebe" im September 2005 auf Platz 1 der DVD-Charts. "Liebe aus heiterem Himmel" belegte trotz großer Konkurrenz im Juli 2006 immerhin Platz 8. Kurzum: Aus einem Insider-Phänomen war ein Boom geworden. Inzwischen werden sogar DJ-Parties mit Songs aus den Filmen veranstaltet.

Zwei Handvoll Gewürze

Doch worin liegt eigentlich der Kick der Bollywood-Streifen für westliche Beobachter? Kurios und ziemlich überraschend sind die Tanz- und Gesangseinlagen, die für jeden Film ein absolutes "Muss" sind. In "Zwei Herzen für Rani" sind insgesamt neun Szenen dieser Art zu finden, wobei nicht immer klar erkenntlich ist, welcher Handlungslogik sie folgen. Aber: Sowohl in "Zwei Herzen für Rani" wie auch in anderen Bollywood-Filmen werden die Songs von Profis vorgetragen, die Darsteller singen nur Playback. Die musikalische Qualität ist entsprechend hoch, der Schauwert auch. Denn Rani, Samir und Co treten in den Musical-Parts hauptsächlich in eindrucksvollen, traditionellen indischen Kostümen auf. Sie tanzen in prachtvollen Tempeln oder feiern Partys am Strand, im Hintergrund bewegen sich weitere schöne Menschen zu exotischen Klängen.

Charakteristisch für Bollywood-Werke ist auch Märchencharakter, den die Storys tragen: Sie erzählen, in einfachen, unkomplizierten Handlungssträngen, von Liebe, Glück und sozialem Aufstieg. Jeder findet darin, was er finden will: Ob Samir - Achtung: Action! - seinen Konkurrenten Sunny durch die Straßen Goas jagt, ob er es sich mit (für westliche Maßstäbe vielleicht etwas zu flacher) Komik immer wieder bei Ranis Vater verscherzt oder ob er seiner Herzdame die spektakulärste Liebeserklärung macht - Bollywood-Streifen spielen mit den Genres und befriedigen die unterschiedlichsten Bedürfnisse der Kinogänger. Experten sprechen deshalb zu Recht von "Masala-Movies" (Masala ist eine Mischung unterschiedlicher Gewürze). Zum Schluß dominiert in dieser Mischung allerdings traditionell der Zucker: Das "Gute" gewinnt, die Bürgerlichkeit und damit die Moral. In "Zwei Herzen für Rani" wird diese Position von Samir verkörpert. Sein Konkurrent Sunny lügt die Menschen an, trinkt reichlich Alkohol und hängt Poster von Frauen in Bikinis auf. Kurz: Er tut alles, was in Indien Empörung hervorrufen würde, während Samir ein Musterbeispiel tadellosen Verhaltens gibt.

Küssen verboten

Trotz der meist simplen Handlungsbögen der Filme ist Bollywood keinesfalls unpolitisch. Jüngere Filme beschreiben immer wieder Frauen, die sich gegen die gesellschaftlichen Konventionen auflehnen und selbstbestimmt leben. So auch Rani: Sie ist weder Hausfrau noch Mutter, sondern eine junge Modedesignerin auf dem Weg zum Erfolg. Einige Filme flechten direkte politische Aussagen ein und versuchen den Friedensprozess mit Pakistan zu fördern.

Nur Sex- und Nacktszenen scheinen auf alle Zeiten tabu zu sein. Selbst Küsse sind auf der Leinwand verboten. Deshalb müssen die Regisseure bei Liebesszenen besondere Kreativität an den Tag legen. Statt nackte Haut zu zeigen, erklingen leidenschaftliche Lieder und die Darsteller tanzen sich vollbekleidet in erotische Schwingungen. Anscheinend funktionieren diese Szenen in doppelter Hinsicht. Sie stellen sicher, dass die Filme keinen Anstoß bei den indischen Behörden erregen und sie begeistern mit ihrer Video-Clip-Struktur die jüngeren Zuschauer.

Bollywood hat die Nase vorn

Der Erfolg gibt den Machern jedenfalls Recht. Waren Bollywood-Streifen zunächst nur für Zuschauer auf dem indischen Subkontinent gedacht, so erreichen sie mittlerweile auch anderswo ihr Publikum. In Nahost, Afrika, den USA und Großbritannien wächst die Schar der Anhänger, in London haben es mehrere Filme bis in die Top Ten der Kino-Charts geschafft. Insgesamt, so schätzen Experten, erreicht das kitschige Kunstkino aus Bollywood 3,6 Milliarden (!) Menschen, das Publikum von US-Produktionen ist um etwa eine Milliarde Menschen kleiner. In Studios in Bombay, Madras und Haiderabad werden inzwischen pro Jahr gut 900 Filme produziert, auch in Sachen Output hat Bollywood die Nase vor der US-Konkurrenz.

"Zwei Herzen für Rani" ist ein kleiner Filmschnipsel aus dieser gigantischen Traumfabrik. Aber er beweist, dass die indischen Regisseure durchaus professionell und modern arbeiten, die formalen Standards reichen an westliche heran. Die Story bleibt indes ein wenig befremdlich, weil die Emotionen mit dem ganz dicken Pinsel aufgetragen werden. Zum vermeintlich tragischen Ende hat sich Samir, der Gute, in den Augen seiner Schwiegereltern völlig unmöglich gemacht, während Sunny, der Bösewicht, als perfekter Kandidat dasteht. Aber Samir gibt nicht auf. Bei einem großen internationalen Kricketspiel rennt er aufs Spielfeld, schnappt sich ein Mikrophon und gesteht Rani vor den Augen und Ohren von tausenden Zuschauern seine Liebe. Dann kommt alles wie es kommen muss, selbst Ranis Vater ist auf einmal von Samir begeistert. Also rennt sie auf das Spielfeld - direkt in seine Arme.

Es braucht schon etwas Einfühlungsvermögen, um so viel Kitsch genießen zu können. Doch wer genug davon hat, erlebt ein exotisches Stück Popcorn-Kino für die ganze Familie. Und bekommt gratis noch einige Lebensweisheiten dazu geliefert. Zum Beispiel diese: "Wenn ihr euch die Hände schüttelt, treffen sich eure Herzen!"

Mitarbeit: lk

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