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Bob Dylan findet seinen Frieden

Martin Scorsese hat einen Film über den Aufstieg Bob Dylans gedreht. Geschickt verbindet er darin Dokumentaraufnahmen, Interviews, Musik und Statements vom Meister selbst zu einem Stimmungsbild der 60er Jahre.

Von Carsten Heidböhmer

Auf dem (vorläufigen) Höhepunkt seines Ruhms, im Sommer 1966, durchlebte Bob Dylan eine Tour de Force durch Großbritannien: Der Presse galt er als einflussreichster Popsänger seiner Zeit, seine Konzerte waren stets ausverkauft, doch sobald er mit seiner Band losrockte, wurde er vom Publikum gnadenlos ausgebuht und wüst beschimpft. Selten lagen bei einem Künstler Triumph und Ablehnung so nah beieinander wie hier.

Die Dokumentation "No Direction Home" schildert Bob Dylans Aufstieg zum weltweiten Popidol, kontrastiert diese Erzählung aber immer wieder mit Bildern dieser denkwürdigen 66er England-Tour. Mit diesem Kunstgriff durchbricht der Film das starre Korsett einer rein chronologischen Erzählweise und stellt dem werdenden Künstler immer wieder den gewordenen Star gegenüber. Auf diese Weise wird umso klarer erkennbar, welch atemberaubender Aufstieg dem Songschreiber in kürzester Zeit gelungen ist.

Eindringliches Stimmungsbild der Epoche

Dass sich mit Martin Scorsese einer der Großen des amerikanischen Films mit dem Leben des größten lebenden Pop-Künstlers befasst, kann als eine glückliche Fügung bezeichnet werden. Denn über die frühen Jahre Dylans standen derart viele Quellen und Zeitzeugen zur Verfügung, dass ein weniger versierter Regisseur an der schieren Materialfülle gescheitert wäre. Nicht so Scorsese: Geschickt montiert er Dokumentaraufnahmen aus den frühen 60er Jahren mit Zeitzeugen-Interviews, seltenen Fotos, Statements von Dylan selbst und viel Musik zu einem eindringlichen Stimmungsbild der Epoche, vor deren Hintergrund sich Bob Dylans Entwicklung von einem Kleinstadt-Teenager aus Minnesota hin zum "Sprachrohr seiner Generation" umso deutlicher abzeichnet.

Das Musiker-Milieu ist Scorsese dabei keineswegs fremd: Bereits 1978 Jahre führte er Regie bei der legendären Dokumentation "The Last Waltz" über das Abschiedskonzert von Bob Dylans langjähriger Begleitgruppe The Band. War der Songpoet damals nur ein Akteur unter vielen, so steht er nun also im Zentrum eines Films.

Aufstieg im Fahrwasser der Folk-Bewegung

In mehr als 200 fesselnden Minuten schildert Scorsese, wie der junge Robert Zimmermann, keine 20 Jahre alt, nach New York kam und sich in das Bohème-Viertel Greenwich Village stürzte. Zahlreiche Augenzeugen und frühe Wegbegleiter, darunter Joan Baez, Pete Seeger und Alan Ginsberg beschreiben, wie sich aus der brodelnden Künstlerszene die Folk-Bewegung etablierte und wie der junge Zimmermann, der sich schon bald Bob Dylan nennen sollte, im Fahrwasser dieser musikalischen Bewegung Berühmtheit erlangte.

Dylan galt für viele damals als derjenige Künstler, der es vermochte, die Aufbruchstimmung der frühen 60er in Songtexte zu fassen. Mit Liedern wie "Blowing in the Wind" oder "A Hard Rain's a gonna fall" schuf er Hymnen für die Friedensbewegung und galt schon bald als der kommende Stern einer Folk-Szene, die auf auf moralische Reinheit ebensoviel Wert legte wie auf musikalischen Purismus.

Keiner Szene zugehörig

Doch Dylan - und darin lag das große, tragische Missverständnis - fühlte sich nie einer bestimmten Szene zugehörig. Genau deswegen war er in der Lage, Kunst zu schaffen, die die Epoche der frühen 60er Jahre überdauert hat, deren Bedeutung nicht an eine bestimmte Zeit gekettet ist. Dylan konnte nicht auf der Stelle treten, er musste sich permanent weiterbewegen. So war der Übergang zu anderen Themen und elektrischen Instrumenten ebenso zwangsläufig wie die ablehnenden Reaktionen seitens der Folk-Puristen. Auf dem Newport Folk Festival 1965 bekam Dylan erstmal einen Vorgeschmack auf die Wut, die ihm ein Jahr später in England entgegenschlagen sollte.

Zeitgleich zur Polarisierung des Publikums vollzog sich der steile Aufstieg zum nationalen Popstar, der mit "Like a Rolling Stone" im selben Jahr die Spitze der Charts erklomm und sich plötzlich von Fans und Reportern umringt sah. Ausschnitte aus Pressekonferenzen zeigen, wie Dylan sich immer wieder gegen Journalisten wehren musste, die ihn in die Rolle eines Sprechers seiner Generation pressen wollen.

Es wird deutlich, dass um den jungen Künstler ein Rummel entstand, dem kein normaler Mensch gewachsen sein konnte: Als schließlich auf dem England-Tour die Emotionen hochkochten, und Dylan zwischen messianischer Verehrung und beißendem Hass aufgerieben wurde, sah er nur noch einen Ausweg aus diesem Wahnsinn: Er nahm einen Motorradunfall im Juni 1966 als Anlass, um sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. An dieser Stelle endet die Dokumentation, die dem Zuschauer eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts näher gebracht hat, gleichzeitig aber alle Möglichkeiten, die eine filmische Dokumentation bietet, auslotet. So sorgt Martin Scorsese schließlich doch noch dafür, dass Bob Dylan ein Stück weit zu einer öffentlichen Person wird.

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